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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-10-30 · Heft 44 (30.10.1914) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 44 (30.10.1914)
Date
1914-10-30
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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Verstorbene überall erfreute. Die Kapelle spielte daraus „Wie ste so sanft ruhen", und langsam nahm die große Trauergemeinde von der stillen Ruhestätte Abschied. L2 HeiLbronn, 21. Oktober. Unsere Gemeinde beklagt den unerwartet schnellen Verlust ihres langjährigen Rabbiners. Bezirksrabbiner Ludwig Kahn ist in der Nacht von Freitag zu Samstag an einem Herzschlage plötzlich verschieden, nachdem er noch Freitagabend, wie immer, in' der Synagoge gewesen war. Die Beerdigung sand noch kurz vor Schmini Azereth am Sonntag nachmittag 4 Uhr statt. Der Lehrer der Gemeinde gab als erster Redner dem Schmerz der Gemeinde Ausdruck, die großen Verdienste des Verblichenen hervorhebend. Im Namen der Familie sprach Rabbiner Dr. Eschelbacher (Düsseldorf) als Schwiegersohn in ergreifenden, aus der Tiefe des Herzens kommenden Worten. Es sprachen ferner ern Vertreter des israelitischen Kirchenrates für Württemberg, ein Vertreter der Bezirksgemeinden, der Vorsteher der Gemeinde Heilbronn, ein Vertreter der städtischen Behörden, die Vorsteher der verschiedenen Vereine, ein Vertreter der Loge B. B., der Inspektor des israelitischen Waisenhauses und als letzter ein jüdischer Feldivebel in Uniform, der schon im Feld gestanden und leicht verwundet worden ist, uni im Namen seiner Kameraden, von denen etwa 100 der Beerdigung beiwohnten, dem Verstorbenen zu danken für seine herzliche Teilnahme an dem Geschick der Krieger, die in dieser schweren Zeit mehr als je des Trostes der Religion bedürfen. Alle Redner schilderten den schlichten, bescheidenen und friedliebenden Charakter des Entschlafenen, der ein wahrer Verkünder echter Religiosität gewesen und seine Lehre mit seinem Leben in wahrhaftester Weise bekundet hat. Die Beteiligung war trotz der Nähe des Feiertages eine sehr große, die Zöglinge des Waisenhauses und die Uniformen der Soldaten gaben der Trauerversammlung ein eigenes Gepräge. Von der hohen Achtung, die der Verstorbene in der Stadt genoß, zeugen die bei der Trauerfamilie eingegangenen Schreiben der Geistlichkeit, des Bürgermeisters, der Schuldirektoren und vieler einzelner. — Rabbiner Ludwig Kahn, 1845 in Baisingen (Württemberg) geboren, besuchte 1865 bis 18 70 das Breslauer Rabbinerseminar, wurde 1870 Rabbinatsadjunkt in Stuttgart, 1877 Rabbiner in Laupheim, 1892 Bezirksrabbiner in Heilbronn. Er war eine Zierde des Rabbinerstandes und hat zur Ehre des Judentums in einem langen, reichgesegueten Leben gewirkt.? Von Sah und sfern. In dein am 31. dieses Monats in der Philharmonie stattfindenden Wohltütigkeitskonzert der Bühneng e n o s s e n s ch a f t, bei welchem unter anderen L i l l i Lehmann, Melanie Kurt und Hermann Jadlowker Mitwirken,! wird auch der verstärkte Chor der Neuen Synagoge (Diri- > gent Kapellmeister K e l l e r m a n n) hebräische Gesänge vortragen. — Ein Liebesgabentransport befindet sich unter der Leitung des Landtagsabgeordneten Amtsgerichtsrat Dr. Paul L i e p m a n n - Charlottenburg bereits in dem von uns besetzten Suwalkigebiet. Die Etappenkolonne besteht aus 15 Automobilen und hat außerdem noch einen militärischen Begleiter. — Kommerzienrat V. Wolsf, in Firma Pelzwarenhaus H. Wolfs, hat der fünften Eskadron des zweiten Gardeulanenregiments Berlin ein Liebesgabengeschenk gemacht, dessen Umfang beinahe zwei Eisenbahnwaggons füllte. — Am 16. d. M. beging Frau Selinde Davidsohn in Wilmersdorf ihren 90. Geburtstag. Die alleinstehende, noch sehr rüstige Dame, die sich bereits während der Kriege 1864, 1866 und 1870/71 für unsere tapferen Soldaten betätigte, ist Ostpreußin. Auch jetzt läßt sie sich durch ihre hohes Alker nicht davon abhalten, noch Pulswärmer und Strümpfe für unsere Krieger zu stricken. — Aus München wird geschrieben: Ihre Majestäten der König und die Königin besichtigten mit den Prinzessinnentöchtern am Freitag das israelitische Krankenheim an der Hermann-Schmid-Straße, in dem zurzeit 34 Verwundete untergebracht sind. Unter Führung der Anstaltsärzte Dr. Weißbart, Dr. Horn und Dr. Reiß und der Oberin unterzogen die hohen Besucher sämtliche Anstaltsräume einer Besichtigung, beehrten die Verwundeten mit Ansprachen und beschenkten sie mit Liebesgaben. Zum Schlüsse äußerten sie ihre volle Anerkennung über die vortrefflichen Einrichtungen des Krankenheims. — Aus Magdeburg wird uns geschrieben: Vor kurzem haben wir hier den ersten auf dem Schlachtselde verwundeten und in einem hiesigen Lazarett verstorbenen jüdischen Soldaten Salomon Friedländer (aus dem Regierungsbezirk Oppeln) zur Ruhe bestattet. In Abwesenheit des Herrn Rabbiners Dr. Wilde hat Dr. M. Spanier die Trauerrede gehalten, die auf die zahlreichen Anwesenden einen erhebenden Eindruck machte. Bei den 30 Soldaten, die dem Verblichenen das Ehrengeleit und die Ehrensalven gaben, blieb kein Auge tränenleer. — Die Herren Dr. Sachs und Dr. A p o l a n t vom staatlichen Institut für experimentelle Therapie wurden zu außerordentlichen Honorarprofessoren an die Universität Frankfurt berufen. - Mit dem Ritterkreuz erster Klasse vom Zähringer Löwen wurde der langjährige Vorsitzende der Konstanzer Gemeindevertretung (Repräsentanten), Herr Rechtsanwalt Leopold Jung, ausgezeichnet. — In vielen jüdischen Gemeinden des Elsasses mußte, wie das in Zürich erscheinende „Israelitische Wochenblatt" berichtet, der diesjährige Kol-Nidre-Gottesdienst unterbleiben, weil nach den während der Zeit, da in der Nähe Kämpfe stattfinden, geltenden Vorschriften von abends 6 Uhr an keine Versammlungen stattfinden dürfen. In Gebweiler durste am Rosch-Haschono nicht Schasor geblasen werden, und auch beim Regimentskommandanten konnte hierfür keine Erlaubnis erwirkt werden. Es erregt Befremden, daß in einigen Gemeinden, wie Thann und Kolmar, die Herren Rabbiner unter den ersten waren, die bei Ausbruch des Krieges die Stadt verließen, während es nach allgemeiner Meinung gerade in dieser traurigen Zeit die Pflicht der Rabbiner wäre, im Kreise ihrer Gemeindemitglieder auszuharren, um den Bedrückten und Betrübten Trost zuzusprechen. — Anläßlich der jüdischen Feiertage hatte eine Reihe von Vertretern der gegenwärtig in Wien weilenden galizischen Judenschaft, unter anderen der Präsident der Lemberger Kultusgemeinde Dr. Simon Schaff, ferner Oberrabbiner Dr. Caro, Samuel Edler v. Horowitz sowie die Abgeordneten Dr. Nathan v. Löwenstein und Edmund Rauch, namens der jüdischen Bevölkerung an die Kabinettskanzlei des Kaisers ein Huldigungstelegramm gesendet, in dem versichert wird, daß die polnischen Juden an der Person des Monarchen mit Treue und Liebe hängen. In Beantwortung dieses Huldigungstelegramms haben nunmehr die genannten Herren durch die Vermittlung dec Kabinettskanzlei den Dank des Kaisers erhalten. — Nach Mitteilungen aus Großwardem wird dort das patriotische Verhalten der Gemahlin von Charles Roths ch i l d, einem Sohne des Chefs des Londoner Hauses, viel bemerkt. Seine Frau, eine geborene Ungarin namens Roszika Wertheimstein, verbringt jährlich mehrere Monate in ihrem Stammsitz in Margitta und zog es vor, auch die Kriegszeit in ihrer alten Heimat abzuwarten. Nun erscheint ste täglich öfters am Margittaer Bahnhof und läßt an vorbei fahrende Soldaten reichlich Lebensmittel und Zigaretten austeilen. Das patriotische Verhalten der Millionärin, deren Ehe mit einem englischen Staatsbürger seinerzeit ungeheueres Aufsehen erregt hat, wird vom Publikum mit Begeisterung ausgenommen. — Nach einer Meldung der „Narodni Listy" ist der gewesene Infanterist Reis vom 31. Landwehrinfanterieregiment Troppau, der sich, wie gemeldet, auf dem russischen Kriegsschauplatz bei Lublin hervorragend ausgezeichnet hatte, wofür er zum Feldwebel befördert und vom Kaiser mit einer Geldspende bedacht wurde, am 12. September auf dem Schlachtfelds gefallen. — Die „Oesterreichifche Wochenschrift" berichtet: Russischen Blättern zufolge sandte General Rennenkamp vom Kriegsschauplatz in Ostpreußen an den Rabbiner von Minsk ein Telegramm, worin er ihn zu den Heldentaten einiger jüdischer Soldaten aus Minsk beglückwünschte. Für einen von ihnen erbat General Rennenkamp sogar den höchsten russischen Tapserkeitsorden, den Orden des Heiligen Georg. — Amerikanischen Blättern zufolge sind in einer großen Anzahl dortiger jüdischer Gemeinden Hilfskomitees für die galizischen Flüchtlinge gebildet worden. Ein großes Massenmeeting der galizischen Juden in New York fand in der Magen-Abraham-Synagoge statt. Die Komitees sollen bereits über größere Summen verfügen, die den galizischen Juden, die durch den Krieg in> Not geraten sind, zugute kommen sollen. Die jüdische Presse in Amerika unterstützt die Bestrebungen dieser Komitees, und es sind Aussichten vorhanden, daß die Aktion sehr erfolgreich sein wird. Verantwortlicher Redakteur: Albert Katz in Berlin - Pankow, Florastratze ö8. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Max FahrnlLnder, Neukölln. Druck und Verlag von Rudolf Moste in Berlin.

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