Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 44 (30.10.1914)
- Date
- 1914-10-30
- Page
- Seite 527 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3229123-3229168--70834-3283202- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
5Ä Vor beit dicht gedrängten Gemeindemigehörioje 11 pries der Rabbi dem ihm gegenübersteheuden Ehekandidaten die Bescheidenheit als besondere Tugend an, welche jedermann, auch im öffentlichen Leben, üben müsse. An dieser Stelle gab es keinen Widerspruch." Endlich sei noch eine sehr wichtige Stelle über zwei merkwürdige Patienten, einen Juden und einen Judenfeind, mitgeteilt. Sie lautet: „Doch noch ein Patient setzte mich durch die initgebrachte Küche in Staunen, der russische Wunder rabbi aus S., welcher von zehn männlichen Personen, der rituell vorgeschriebenen Anzahl zur Verrichtung der häuslichen Andacht des Gottesdienstes, einem Schächter und zahlreichem Küchenpersonale, begleitet war. Die anwesenden orthodoren Indien aus Rußland wanderten sartiatisck>.gläubig zu feiner Wohnung, brachten ihm reichliche Geschenke und erflehten seinen Segen. Eine alte Jüdin sagte zu mir im inbrünstigen Glauben: „Wie glücklich sind Sie, diesen Heiligen zu behandeln. Sie können sich ja alles, was Sie nur wünschen, erbeten lassen!" C. P o b e d n o w tzoff, der allmächtige Präses des heiligen Synods in Nutzland, welchen, wie seine Gemahlin, ich durch mehrere Jahre ärztlich betreute, und dem ich im Lause der Zeit auch menschlich näher treten durfte. Eine hochinteressante Persönlichkeit, emporragende hagere asketische Figur, mit einer Tenkerstirue, blitzenden Augen hi ule r der schwarzen Hornbrille, mit glattrasiertemi Gesicht, seharsgeschnitteuer Nase, breitem Munde mit auffallend hätzlichen Zähnen und spitzem Kinn, in seiner Haltung und Kleidung einem deutschen Schulmeister gleichend, vielleicht auch an den spanischen Torquemada erinnernd. Ein grotzer Philosoph, aber festhaltend an - seinen streng orthodoxen wie absolutistischen Anschauungen, besangen - auch in gewissen politischen Ansichten. Von alter Voreingenommen-! heit gegen die österreichischen Staatsmänner, von hartnäckigem Vor-! urteile gegen die Juden. Er haßte die letzteren nicht persönlich undi bekundete dies häufig, indem er ostentativ mit angesehenen russischen j Juden, besonders Finanziers, auf der Promenade spazieren ging, ja! auch zuweilen in der jüdischen-Koscherrestauration speiste — aber er hegte die entschiedene Meinung von der Schädlichkeit der jüdischen Nasse in Rußland. „Die Juden," so äußerte sich P o be du-v w tz v s s,; .,smd klug, mäßig und fruchtbar. Vor einem solchen Volke muß man j die Russen schützen." Als er einmal in Marienbad weilte, baten die! jüdischen Kurgäste aus Rußland den gleichfalls hier zur Kur anweseui den bekannten Berliner Bankier G e r s o n v. B l e i ch r ö d e r , den j finanziellen Vertrauensmann Bismarcks, und mich als Arzt > P ob ed n o w tz ofss, wir möchten diesem die Bitte vortragen, die j bedrängte Lage der Juden in Rußland durch seinen mächtigen Ein-! fluß zu mildern. Wir taten dies auch, aber weder B l e i ch r ö d e r s Intervention noch meine Fürsprache hatten einen Erfolg. „Ich wollte," so sagte der Präses des heiligen Synods zu mir in seiner vorgefaßten Meinung, „meine Glaubensgenossen hätten in Oesterreich so viel Freiheit wie die Ihrenin Rußland." Und nun folgte eine eingehende Erörterung der angeblich bedrängten Lage der Ruthenen in Galizien sowie der vermeintlichen Bedrückung der Tschechen in Böhmen. Ich suchte ihn über seine falsche Orientierung ansznklären,! entnahm jedoch aus seinen Aeußernngen, daß er mit den Führern der altslawischen Bewegung in Oesterreich in innigem Kontakte stand 'und von ihnen einseitig instruiert war. L. G. Litkrsrilche Mitteilungen. — H a e f ch k o t, h e brä i s ch e s S a m m e l b u ch s ü r W i s s e n s ch a s t und L i t e r a t u r. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Günzig, 'Loschwitz. Die erste Abhandlung in diesem nun schon zum siebenten Riale alljährlich erscheinenden Sammelwerke stammt aus der Feder Dr. Simon Bernfelds. Er entwirft unter der Aufschrift „Aus Israels Auferstehungstagen" ein sarbensattes Bild aus der uachbabylonischen Renaissance des palästinischen Judentums. Seine Darbietung ist durch große Anschaulichkeit ausgezeichnet und eröffnet dem Leser gewaltige Perspektiven. Gestützt auf Jos. Autiq. 11, gibt er die Beweggründe des Cyrus an bei seinem großherzigen Erlasse, der die Heimkehr der Juden nach ihrem Stammlande und den Tempelaufbau ermöglichte, und zeigt, wie Deuterojesaias bereits vor der Eroberung Babels durch Cyrus in diesem Perserkönig den kommenden Retter Israels geahnt hat. Die Religionsverfolgnng unter dem letzten Nachfolger Nebukadnezars, deren Reflex im Danielbuche durch- ' schimmert, erbitterte die Juden, so daß ihre Sympathien begeistert den persischen Eroberern zuflogen. Nach Cyrus" Sieg beginnt das allmähliche Nückfluten der babylonischen Diaspora nach Juda, das damals ziemlich schlecht bevölkert war, während zur Zeit des ersten Tempels Uebervölkerung zuweilen Notstand und Auswanderung bewirkt hatte. Die von den Babyloniern auf den Gütern der deportierten Neichen angesiedelten jüdischen Proleten wichen nur unter Protest und Streit den Zurückkehrenden, die ihr Eigentumsrecht an ihren Erbgütern vielfach vergeblich geltend machten. Soziale Gegensätzlichkeit wie religiöse Disserenzen — die Amhaarez, die Leute der Felder (?), hatten ihre Religion nicht so konsequent von heidnischen Trübungen gereinigt wie die Heimgekehrten -- schufen zwischen diesen Proletariern und dem bourgeoisen und stockjüdischen Pharisäertum eine Kluft, so daß die gemiedenen Landjuden später dem jungen Christentum sich anschlossen.— Günzig gibt ein Lebensbild Moses Cordoweros. Daß dies etlvas matt und mager geraten ist, mag Schuld der Quelle sein. Des Kabbalisten Schriften gibt er mit bibliographischer Gewissenhaftigkeit an. Das System des mystischen Schwarmgeistes, der im Kabbalistenneste Safet dem Kreise Bitals angehörte, wird mit zuverlässiger Treue dargestellt. Günzig begnügt sich, rein buchgeschichtlich des Kabbalisten Lehren darznstellen: loie sie aber als Frömmigkeitsphänomene religionspsychologisch geworden sind, das begreiflich zu machen, dazu wird auch nicht der leiseste Versuch' gewagt. Es ist dieses einseitige literarische Interesse nicht ein Fehler des Mannes, sondern eine Folge der verkehrten Methode, mit der die einseitig buchgeschichtliche Wissenschaft die Heroen der Frömmigkeit zu behandeln beliebt. Ich habe in der „Zeitschrift für Religionspsychologie" 1912 iü einer Reihe von Abhandlungen begonnen, wenigstens die religiösen Genies ersten Ranges, die Propheten, von dem verheerenden literarischen Schema zu erlösen, und fand freudige Zustimmung — von christlichen Theologen. Die lediglich archäologische Theologie behandelt zumeist Bücher und nicht Gott suchende Menschen: ihr fehlt leider oft die Teilnahme für die religionspsychologischen Probleme, für das Ringen der Menschenseele. Man wird aber zum Umlernen gezwungen werden. Denn der Strom neuerweckten Interesses an den Seelenznständen der Frömmigkeit wird die bibliographischen Ouisqnilien sortreißen. lieber den Ursprung und die Abkunft der polnischen Inden handelt Simon Laser. Wertvolle Beiträge zur Geistesgeschichte des polnischen Judentums liefert in unserem Bande Weistein, während Weiß in dein Gutachten Mnscato uns einen Blick in das italienische Judentum zur Zeit Asaija de Rossis verstattet. In seinem Aufsatz „Die Arier und das Christentum" will Rnmeld im seuilletonistishen Plauderton die Entstehung der Jesuslehre ans dein Judentum und den Siegeslauf des jungen Christentums in der arischen Welt begreiflich machen. Streng wissenschaftlich ist Kahanas „Rätsel aus der Vorzeit". Vorsichtig und bedächtig erwägt er alle Instanzen, und so kommt er zu dem Resultate, daß im Gegensatz zur landläufigen Kritik die Psalmüberschriften Vertrauen verdienen und so in der Tat David der Verfasser der seinen Namen tragenden Lieder ist. Von dieser Erkenntnis aus sucht er nun ein Licht über die dunklen Eingangsbezeichnnngen der einzelnen Psalmen zu gewinnen. Neben manchem Gesuchten — Al haschminit soll sich auf die Tatsache beziehen, das; David der achte Sohn seines Vaters war — gibt Kahana viele treffliche Einzelerklärungen, bie auch die in der Grundfrage von Kahana abweichenden Leser befriedigen dürften. Der reichhaltige Band bietet außer diesen wissenschaftlichen Beiträgen noch Skizzen und Dichtungen und eine Unkersuchung Lubertis über die Aufgabe der modernen literarischen Kritik, so daß ihm ein verständnisvoller Leserkreis zu wünschen ist. Tr. B e e r m a n u , Insterburg. # — D i e Juden in W o r m s. Ein Vortrag, gehalten von Benas Levy, Berlin. Verlag von M. Poppelauer, Berlin C. 2. 1914. Anmutige populäre Schilderung, die mit einer Beschreibung der Synagoge anhebt und im Verlaufe die mannigfachen, mitunter recht traurigen Schicksale der Wormser Gemeinde erzählt. Die historischen Vorgänge werden schlicht berichtet, interessante Stellen aus Historikern und Urkunden mitgeteilt, auch Legenden werden berücksichtigt. Gelegentlich werden die Abgaben einzelner Gemeindemitglieder genau verzeichnet. Bestimmte Quellen werden im allgemeinen nicht genannt.