Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-10-30 · Heft 44 (30.10.1914) · p. Seite 526

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 44 (30.10.1914)
Date
1914-10-30
Page
Seite 526 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3229123-3229168--70833-3283201
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

526 Nur als ihr Gasttms erstes Zidatel') in die Hände geriet, da llmrde ihr einen Augenblick lang das Herz beklommen. Trotzdem warf sie aud) dieses zn dem anderen alten Kram. Dann kamen die alten Möbelstücke an die Reihe, die Schränke, die sie aus Polen mitgebracht haben, das alte Bett aus dem Gastzimmer, worin einst ihre Mutter den letzten Atemzug getan hat, und die alte, siebenarmige Messinglampe, welche noch im vorigen Jahrhundert den Sabbat der Littauers beleuchtet hat. Der Sabbat! Der jüdische Sabbat! Ach wäre bloß dieser nicht gewesen. Das Möbel konnte man Umtauschen und auch den Rabbi von Wilna, aber den Sabbat mit seinen tausendjährigen Stimmungen, seinen geheiligten Traditionen, mit seinem besonderen Reiz, welcher den Freitagslärm zu einer beruhigend feinen Musik dämpft, der aus den Freitagsabendkerzen unbegreifliche, rätselhafte Lichtreflere hervorzaubert, - - ach, diesen Sabbat konnte man schwerlich eintauschen. Denn der Sabbat hat Farben, hat Düfte. Sein Tag ist Heller, seine Nacht ist nah sti scher. Ter Sabbat ist nicht allein ein Zeitraum für die entschwindenden Stunden, der Sabbat lebt, als wenn er eine Seele hätte, der Sabbat fühlt, als wenn er ein Herz hätte. Ter Sabbat ist eine niedergefallene Fenerperle der göttlichen Seele: sie wärmt, leuchtet und ist ein strahlender Schmuck für die ruhende Welt. Sogar diejenigen, welche den alten Glauben schon längst von sich gestoßen haben, können sich nicht von den heiligen Sabbatschauern befreien. Auch Frau Sittauer war es nicht imstande. Vergeblich war ihr Eifer für den neuen Ritus, sie mußte erfahren, daß die jahrzehntelange Gewohnheit so viel, wenn nicht mehr Kraft besitze wie jener Glaube, welcher von gestern auf heute aus der Knospe erblüht ist. Seitdem sie lebte, war sie sich der besonderen Bedeutung des Sabbats bewußt gewesen. Schon als Kind sah sie, daß dieser Tag die Lebeussorgen adelt und selbst der gewöhnlichsten Arbeit irgendeinen religiösen Inhalt verleiht. Wie die srühaufstehenden Frauen den Teig zum Sabbatkuchen vorbereiten, wie sie im Backofen das Feuer entfachen, darin liegt eine gewisse Feierlichkeit. Dann gibt's kein Rasten bis zu m K erzena nzünden. Znm Freitagabendessen muß ein Fisch gekauft werden, denn ohne Fisch Untre es zu ärmlich. Tann muß eine Gans gekan-ft werden, denn Gäusektein ruitLroblauchtunke gilt da als Nationalgericht. Der Ganskauf aber ist keine einfache Sache, erfordert viel Ueberlegung und große Umsicht, denn es ist gewissermaßen eine Schande, wenn die Nachbarin die ihrige wohlfeiler erstanden hat. Tann kommt das Schächten. Wirklich ein gefahrvoller Augenblick. Ob der Schächter wohl ein gutes Messer hat? Ob es keine noch so unbemerkbare Scharte bekommen hat? Denn, wenn der Schächter mit feinem Fingernagel eine solche Scharte spürt, dann ist's aus: die Gans ist trefe h ltnb man muß sie dem Christen verkaufen. Ist diese Gefahr glücklich vorüber, dann kommt die größere. Man Prüft die Speiseröhre des Tieres, ob kein Bläschen, kein Wimmert, keine Narbe wahrnehmbar ist: wenn der Schächter den Versuch macht, diesen Makel abznkratzen und dann an der betreffenden Stelle ein Loch entsteht, ist die Gans auch trefe. In stummer, bebender Erwartung verfolgt die Frau diese Operation, und ihr Gesicht erhellt sich erst, wenn der Schächter erklärt, daß die Gans koscher") fei. (Fortsetzung folgt.) h Ein in der Mitte ausgeschnittener 'Tallis, den der religiöse Jude unter den Kleidern trägt. 8) Unrein. H) Rein. Lrlekrüchtr. Ans dem Buche von Heil!rieh Kisch „Erlebtes und' Erstrebtes", Stuttgart 1914, seien int folgenden einige interessante und amüsante Stellen, hauptsächlich solche, die sich auf Inden beziehen, mitgeteilt. Bon dem großen Mediziner Traube, den Kisch als junger Mann in Berlin kennen gelernt hatte, gibt er folgende Charakteristik: „Traube nüt seiner Gründlichkeit der Untersuchung und dem sieten Hinweise auf die erperimentelle Forschung hatte keine bestechende Vortragsweise, aber er bot Schätze seiner Erfahrung und war ein vertranenAvoller und vertreueneinflößender Therapeut. Manche seiner Hinweise ans bestimmte Arzneimittel haben mir in der späteren Praxis gute Dienste geleistet. Auch bin 'ich diesem großen Kliniker zu Danke verpflichtet für die milde Weise, in welcher er mir, dem blutjungen Novizen, entgegenkam und mich in den ersten Jahren meiner badeärztlichen Tätigkeit durch seine Empfehlungen unterstützte. Er war rächt nur ein bedeutender medizinischer Forscher, wohl der bedeutendste seiner Zeit auf deutschem Boden, sondern auch ein guter, wohlwollender Mensch, einfach in seinem Wesen und seiner äußeren Erscheinung, ein schl nächtiger Mann, uät schmalem Gesicht, umrahmt von einenr gestutzten Bollbart, den Schädel wie mit einer braunen Perücke bedeckt, und, etwas komisch, ans den Ohren stets Stücke Watte herausrageud." Ueber die Anfänge seiner journalistischen Tätigkeit berichtet Kisch recht amüsant folgendes: „Ich schwatzte mit dem Redakteur Oheral über den Stadtverordneten Martin, Besitzer eines sehr bekannten Telikatessengeschäftes, welcher mir voll Stolz erzählt hatte, er habe dieser Tage eine große Sendung böhmischer Fasanen an die Kaiserliche Hofhaltung nach Paris geschickt. Bei diesen Worten sprang Oheral, wie von einer Tarantel gestochen, von seinem Sitze auf, und mich an den Schultern schüttelnd, schrie er: „Mensch! Das erzählen Sie mir und haben nicht darüber einen pikanten Artikel für unsere Zeitung geschrieben! Sie hätten es überhaupt unseren Lesern verschwiegen. O, über diese blutigen Anfänger!„Ja, kann das überhaupt einen weiteren Leserkreis interessieren?" bemerkte ich schüchtern. „Merken Sie sich, journalistisches Wickelkind, einfür allemal, alles, was Essen und Trinken betrifft, findet bei jedem Zeitungsleser Interesse. Ich erinnere mich", fuhr er fort, „mit Vergnügen, welchen allgemeinen Beifall eine Notiz fand, dir Ihr Vorgänger etnanal über ein besonders fettes Schwein, ein wahres Prachteremplar, geschrieben hatte, so detailliert und liebevoll geschrieben-, daß den Lesern, auch uär selbst, das Wasser im Muude zusammeulief. Und zweitens merken Sie sich, daß jetzt, nach dem italienischen Kriege, jegliche, aber auch die allerkleinste Nachricht, über das intimere Leben am Hofe Kaiser Napoleons III. hochinteressant, sehr aktuell ist. Schreiben Sie also jetzt vor allem eine seine Notiz mit der Ueberschrift: Kaiser Napoleon und die böhmischen Fasanen". Ich tat, wie mir geboten: diese Notiz wurde ans der Morgenpost in allen Zeitungen des In- und Auslandes abgedruckt." Auch die folgende Anekdote ans dem Jahre 1861 ist der Mitteilung wert: „Ein interessanter Zwischenfall ans der Wählerversammlung der jüdischen Bewohner der Josephstadt ist mir noch erinnerlich. Da traten lt. n. als Kandidaten für den Sitz eines Landtagsabgeordneten Professor Kaempf, Prediger in dem jüdischen reformierten Tempel Prags, auf und Bankier Lippmann, welcher sonst keine Beziehungen znm Judentum Pflegte, nun aber sich zur richtigen Zeit seiner Glaubensgenossenschaft mit den jüdischen Wählern erinnerte. Da war nun auch ein junger Jurisdoktor anwesend, welcher gerade nicht an Schüchternheit feines Wesens litt nud dessen höchster Ehrgeiz damals darauf gerichtet war, eine Stelle in der jüdischeil Kultnsgemeinde als Repr äsen tont zu erlangen. Also dieser Doktor wollte die beiden genannten Kandidaten all absurdum führen und stellte an den Bankier die Frage, wie er sich zum Erlasse eines neuen Statuts für die israelitische Knltusordnnna stelle, und den Rabbiner interpellierte er, wie dieser über die Prinzipiell einer zu gründenden Landeshypothekenbank in Böhmen denke. Beide Kändidaten -antworteten ganz richtig! nud ohne in Verlegenheit zu kommen, daß sie int Landtage mir über solche Gegenstände sprechen würden, von denen sie volles Verständnis besitzen. Ter Rabbi aber rächte sich nach einiger Zeit, als sich der Jurisdoktor verheiratete und von ihm im Tempel getraut wurde.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.