Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 44 (30.10.1914)
- Date
- 1914-10-30
- Page
- Seite 525 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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- 525 - «Nun, ist es keine herrliche Sache um diese unsere Religion?" fragte sie ihren Mann, als sie in der bischöflichen Residenz der ersten Messe beiwohnten, wohin auf vieles Bitten hin auch Gaston mitgekommen war, der sich auch schon hatte taufen lassen. «Das weiß ich noch nicht," entgegnete Littauer, «hängt davon ab, was für ein Geschäft ich mit der Basilika machen werde." Frau Littauer bekreuzigte sich und flehte die Jungfrau Maria an, sie möge diesem Menschen nur einen Tropfen himmlischer Erleuchtung in die Seele träufeln, denn seine Ungläubigkeit flößte ihr Entsetzen ein. Littauer besah die Säulen, die Kuppel und stellte fest, daß der Erbauer dieser Kirche ein gewöhnlicher Esel gewesen, der vom Geschäfte keinen blauen Dunst gehabt hatte. Frau Littauer stieß ihn mit dem Ellbogen an: „Johann, hast du denn kein Herz? So schart dir doch diese süße, teure Jun-gfrauurutter an." - Littauer schnitt eben einen Span von der Bank ab und stellte fest, daß der Erbauer der Kirche doch kein solcher Esel gewesen sei, denn er hatte sicherlich an den Bänken viel verdient, da die meisten Nußholzbänke aus billigem Ahornholz gemacht waren. Frau Littauer stieß ihn wieder an: „Manuel! Ich berste, Manuel! Wirst du die Madonna nicht anschauen?" «Was soll ich an ihr sehen? Eine Jüdin, die sich nicht einmal hat taufen lassen." Frau Littauer wurde vom Schwindel erfaßt. Gut, daß der Priester eben die Monstranz emporhob, so konnte sie, ohne aufzufallen, auf die Steinfließen hinsinkeu. Auch Littauer warf sich nieder, und als er so die steinernen Würfel untersuchte, regte sich in ihm aufrichtige Achtung für den -unbekannten Erbauer. Der hatte zweitklassigen Stein gegeben, wo -er gewiß verpflichtet war, erstklassigen zu liefern. Frau Littauer aber preßte ihre heiße Stirn an den kalten Stein und tat das feste Gelöbnis, diesen halsstarrigen Menschen zu bekehren. Zu Hause schüttete sie vor ihrem Sohne die Bitterkeit ihres Herzens aus. Auch dieser war ein Heide, in seinen Aussprüchen zwar nicht so zynisch wie sein Vater, aber beinahe noch aufrichtiger. „Mutter, der Jude tauft sich, aber er bekehrt sich nicht. Er kann Katholik werden, aber kein Ehrist. Das Taufwasser mag Wunderkraft besitzen, aber das Blut und die Muttermflch besitzen eine noch größere Kraft. Vergebens unterweist uns der Pfarrer in seiner Religion; das in den Schwärmereien, Kämpfen und Marterst vop Generationen reifgewordene Geh. Verständnis kann er unserer Seele nicht einimpfen. Das erbt der Christ vom Ehristen, der Jude vom Juden." Agnes Maria hatte vom Ganzen nur so viel verstanden, daß auch Gaston ein Heide war. Sie erschrak bei dem Gedanken, daß er sich irgendwo verraten könnte, vielleicht an der Universität, und da wäre es um seine Professur geschehen, oder bei Sonngotts, und dann wäre ihr schönster Traum zu Ende, ihre süßeste und qualvollste Hoffnung. Die Verstocktheit der Männer machte sie verzagt, trotzdem gab sie nicht die Absicht auf, sie zu bekehren. Wenn einmal die materielle Reinigung vollzogen fein werde, dann würde auch schon die seelische Reinigung Nachfolgen. Im Herrenhause zog neues Leben ein. Man warf die alten Bilder hinaus. Rachels Grab, die Tempelruinen von Jerusalem, Moses Montefiore und den Rabbiner von Wilna. Und wo vorher der in den Tallisfl gehüllte Rabbi aufgehängt war, dort hing jetzt der Papst, und an Montefiorcs Platz sah man jetzt Marias Himmelfahrt. Ueber die Betten kam Maria mit dem Kinde und zwischen die beiden Fenster Maria ohne Kind. Dann wurden die alten Möbelstücke hinausgeworfen. Littauer stöhnte und widersetzte sich, jedoch erfolglos. Die Frau war stärker, und es geschah alles, was sie haben wollte. Sie aber wußte, was sie wollte. Ihr neues Christentmn wäre in dem alten Milieu sehr lächerlich gewesen: mit der Hawdolo'') an der Wand, der Mesusech an den Türen und mit dem auf die Fensterklinke gehängten Tefilinbeutel.fl Wozu soll dieser jüdische Trödelkram im Hause? Diese bösen, stummen Verräter? Vergebens würde sie christliche Damen bei sich empfangen; diese müßten ja sofort erkennen, daß sie mit ehemaligen Juden verkehren. So begann das Großreinemachen. Es gab viel Arbeit, doch nur der Anfang war schwer. Erst warf sie die uralte Religion hinaus. Und als sie das hinter sich hatte, ging alles Weitere leicht wie ein Kinderspiel. Kein einziges Mal wurde ihr Auge tränenfeucht, als sie sich von den alten Reliquien trennte. Kein einziges Mal zitterten ihre Hände, wie sie aus Schränken und Kisten die alten Andenken hervorholte: das elsenbeingeschmückte Gebetbuch, die hebräische Techine?) die von drei Generationen abgenützte Zine-Rine.") *) Gebetmantel. a) Buntgeflochtene Wachskerze, -die beim Verabschieden des Sabbat unter Segensprüchen angezündet wird. fl -Ein auf Pergament gedruckter Abschnitt aus der Bibel in einem schmalen Blechbehälter, welcher außen den Namen Gottes zeigt. fl Beutel aus Samt oder Seide, worin die Gebetriemen ausbewahrt werden. fl Für Frauen geschriebenes Gebetbuch. fl Erzählungen und Legenden biblischen Inhalts. (Zeno-u-reno.) Iustizrat Josephthal in Nürnberg gest. (5. Dktober il-iz (Eine biographische Würdigung folgt.)