Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 44 (30.10.1914)
- Date
- 1914-10-30
- Page
- Seite 523 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3224737-3229123-3229168--70830-3283198- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
523 Und bic Juden? Wo gehörten denn die Juden hin? Sie waren weder Lehensleutc noch Bürger, auch Leibeigene waren sie nicht: Sie waren, so paradox es scheinen mag, die eigentlichen, direkten Untertanen des Landesherrn, sie allein waren unmittelbar unter der kaiserlichen Legislative, sie allein waren dem Herrscher und nur i h m steuern- und abgabenpflichtig. Sie waren recht eigentlich zur Kammer oder zum Hofstaate gehörig und hießen im Mittelalter kaiserliche oder herzogliche „Kammerknechte": In vorgeschrittenerer Zeit, unter den erwähnten Kaisern, erhielten sie den volltönenderen Namen „hoffbefrehte Juden", weil sie durch ihre direkt an den Hof zu leistenden Abgaben von den Beiträgen für Stadt und Land befreit waren. Ihre vom Herrschcrhause direkt diktierten Steuern, welche jederzeit durch außerordentliche Forderungen erhöht werden konnten, trugen zumeist den Charakter von Schutzgeldern und wurden beiderseits als die Honorierung von Schuh- und Schirmbriefen angesehen. Denn die Juden waren gerade infolge dieser Rechtsverhältnisse gar sehr des Schutzes bedürftig. In Stadt und Land das Handels- und Pfandleihgcschäft betreibend, zogen sie aus der christlichen Bevölkerung nicht nur ihren durch eine mäßige Lebensweise rasch anwachscnden Wohlstand, sondern auch die ganz bedeutenden Summen der Schutzgelder, ohne ihrerseits zu Gegenleistungen an Stadt und Land verpflichtet zu sein. Kein Wunder daher, daß sie als eine Schwäre am Volkswohlstände angesehen, von der Bürgerschaft gehaßt und von den Ständen als gelegentliches Ausplünderungsobjekt mir solange geschont wurden, als bis sie znr Ausplünderung reif erschienen. Es lag daher vielleicht nicht einmal ein besonders hoher Grad von Animosität darin, als der Wiener Magistrat zu Michaeli des Jahres 1623 die etwa 100 Familen zählende, bei christlichen Hausbesitzern zur Miete wohnende Jndenschaft mit allgemeiner Kündigung bedrohte. Zn Wien herrschte wieder einmal Wohnungsnot, mochte der Kaiser sehen, wo er seine „hofsbefrehten Juden" untcrbrächtc. Und Kaiser Ferdinand II., der den fürchterlichsten Weltkrieg, den Dreißigjährigen Krieg, im Namen des Katholizismus hatte entbrennen sehen, verließ seine Juden nichts Einer Idee seines Beichtvaters Lamormainc folgend, der, von Rom kommend, das dort bestehende Ghetto als Vorbild empfahl, beschloß er, seine Juden auf einem eigenen Bezirke anzusiedeln. Jenseits des Donauarmes, gegenüber dem „Rothenthurm- Thore", dehnte sich ein waldiges Auenland, der „Untere Wörth", aus. Flößer und Fischer hatten sich an dem durch die „Schlagprnckchen" (die heutige Ferdinandsbrücke) mit der Stadt verbundenen linken Flnßufer angesiedelt, Einkehrgasthäuser dienten dem ziemlich regen Schiffsverkehr, und ein Karmcliterklvster hatte sich dortselbst niedergelassen. Im Osten lagen die wildreichen Praterauen, ein beliebtes kaiserliches Jagdgebiet. Dennoch erschien dem Kaiser der „Untere Wörth" für ein „Jndengezürckh" nicht ungeeignet. Die Juden sollten nach wie vor in der Stadt ihre Verkaufsläden, Magazine und Werkstätten, zumeist an der Fischerstiege, behalten, zur Nachtzeit aber die Stadt verlassen. Beim Betreten der Stadt hatten sie außer der Brückenmaut auch noch einen „Judenzoll" zugunsten der Stadt zu entrichten und, um als Juden kenntlich zu sein, einen „gelben Fleck" sichtbar am Oberkleide zu tragen. Diese Bedingungen erschienen den an Demütigungen Gewöhnten nicht einmal besonders drückend. Sie, die in ihrem täglichen Leben schon aus religiösen Motiven fortwährend Einschränkungen des freien Willens ertrugen, sahen in diesen Verordnungen nichts Schlimmeres als eben eine Vorschrift mehr, an die man sich zu halten habe, und sie hielten sich klaglos daran. Den Umschwung aber, der ihnen eine dauerhafte Ruhe und Sicherheit zu versprecheu schieu, begrüßten sie mit Dankbarkeit und Freude. Unter Assistenz des Hofmarschallamtes wurden die bisherigen Bewohner des „Untern Wörth" nach dem „Erdpruckh" (Erdberg) angesiedelt. Die Gründe wurden Parzelliert, von den Inden gekauft und der Bau von Wohnhäusern, freilich vielfach aus Holz, in Angriff genommen. Ein weiteres Benefiz wurde der Stadt Wien in der Weise zugestanden, das; sie ein Grundbuch zu führen hatte, in welches alle Grund- und Bodenkäufe in der neuen Judenstadt, alle Besitzübertragungen, Belehnungen usw. eingetragen werden sollten, wofür die Stadt Wien eine jedesmalige Taxe einzuheben berechtigt war. Sv waren die Juden dank der Fürsorge ihres kaiserlichen Schutzherrn zu Grund- und Bodenbesitzern in einem Vororte Wiens geworden, sie vertauschten die tust- und lichtlvsen Räume in den engen Gassen der Stadt mit einer Ansiedlung, die einer heutigen Cottageanlage entsprach, sie konnten unbehindert durch eine andersgläubige Nachbarschaft ihr religiöses Leben voll lind frei entsalten. Die Nachbarschaft der Karmeliter störte sie nicht, obgleich sie nach der Anordnung Lamormaines zuweiten gezwungen wurden, eine Bekehrungspredigt innerhalb des Klosters anzuhören. Sie ließen auch dies über sich ergehen, ihre religiöse Ueberzeugnng war unerschütterlich. Die Karmeliter unterstütztcu sic sogar mit Bauholz und Baukrcdit, und nichts störte ein gutes Einvernehmen. Vielleicht ist auch die heute noch geübte, allbekannte Toleranz der Barmherzigen Brüder vom Karmeliterorden auf jene Zeit der guten Nachbarschaft mit den Juden vom „Untern Wörth" zurückzuführen. Nachdem sie mehrere Schulen und Jnterimssynagvgeu errichtet hatten, schritten sie an den Bau einer großen Synagoge mit Lehrhaus, deren Grundrisse in der heutigen St.-Levpvlds- Pfarrkirche in der Leopoldstadt (Große Pfarrgasse) noch erhalten sind. Der zeitgenössische Chronist Martinas Z e i l l e r berichtet in der der Mcr i an i s ch eit T o p o g ra p h i e beigegebenen „Beschreybung der Statt Wienn" vom Jahre 1649: „Ueber oder jenseits der Thonaw wohnen, gleichsamb in einer Insul die Juden besonders: in der Statt aber haben sie zu ihrer Handthierung gewisse Orte, da sie des tags ihre Wahren verkauffen, aber über Nacht in der Stadt nicht bleiben dürffeu. Sonsten seynd sie allda wohl gelitten und mit gcnugsamben Frechheiten und Sicherungen versehen!" So entwickelte sich in einer relativ großen Judenstadt ein behagliches jüdisches Leben, in welchem die Pflege der Wissenschaften auf dem Grunde materiellen Wohlstandes erblühte. Das Grundbuch der Judenstadt weist 120 Nummern von Gebäuden auf, die im Jahre 1660 „summäritcr" mit 137 290 fl. — „auSgeschätzt" wurden; eine abermalige Schätzung nach der Juden Abzug im Jahre 1671 ergab nunmehr 132 Gebäude, und „bringt die völlige Schätzung auf die ganze Jndenstatt in allen znsamben 216 219 fl. 26 kr.". (Fortsetzung folgt.) Mar Mayer Mle. ine amerikanische Kollegin, „The American Jsraelite", feiert in diesem Jahre das Fest ihres sechzigjührigen Bestehens. Ob und in welcher Weise eine Feier geplant ist, vermögen wir nicht zu sagen. Aber es mag daran erinnert werden, daß Jsaac Mäher Wise das Blatt gründete und bis zum Jahre 1900 leitete. Jsaac M. Wise war 1819 in Böhmen geboren, siedelte 1850 nach Amerika über, wurde im genannten Jahre Rabbiner in Albanh, 1854 in Cincinnati. Der Herausgeber hat nicht bloß sein Blatt durch manche Fährlichkeiten sicher geleitet, sondern auch manche Schriften veröffentlicht. Ihre deutschen Titel — die Schriften sind natürlich