Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 44 (30.10.1914)
- Date
- 1914-10-30
- Page
- Seite 521 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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- 521 wenigstens für die Kriegsdauer zu erhöhen, wurde vom Kultusminister Kasso (der einige Wochen in Spandau als Kriegsgefangener interniert war, aber wieder als Bakelminister aufgetaucht ist) rundweg abgelehnt. Dieser von Studenten geohrseigte und immer noch im Ministersessel thronende Liedersahn hat es im Gegenteil fertiggebracht, die „Gesetze gegen die Juden" in seinem Ressort Zu verschärfen. Obgleich dieser tapfere Judenhetzer den» Titel eines Ministers für Volksaufklärung führt, so hat er widerspruchslos geduldet, daß der Etat seines Ministeriums um Millionen gekürzt wurde. Das Finanzministerium beschloß, die Etats zu kürzen; diese Sparsamkeit fing beim Kultusministerium an, und wie alles in Rußland in umgekehrter Ordnung geschieht, wurde zuerst die Zahl der Volks- und Mittelschulen verringert und Hunderte von Lehrern flogen aufs Pflaster. Eine Verringerung der Schulen bedeutet aber auch „Kürzung des jüdischen Prozentsatzes inden unteren Lehranstalten". Das sind aber schließlich interne Angelegenheiten der russischen Judengesetzgebung, und kein Wissender wird darüber erstaunt sein, doch sind die neuesten Judendrangsalierungen derart „russisch" geworden, daß sie aus alle Zarenfreunde in England und Amerika schon abkühlend wirken werden. Die russische Presse ist sehr darüber erstaunt, daß in Deutschland von einem „Regierungserlaß an die Juden" gesprochen wird dieses Manifest ist nie erschienen! Die Ausnahmegesetze gegen die Juden sind noch in Kraft, unverändert, und werden mit derselben Brutalität durchgeführt wie vor dem Kriege. Der Minister des Innern, Maklakow, erwähnt in seinem Bericht an den Senat, „daß in vielen Gouvernements die zurückgebliebenen Angehörigen der eingerückten Soldaten jüdischen Glaubens sowohl von den Behörden als von der Bevölkerung andauernd drangsaliert und beschimpft werden". Es ist an verschiedenen Orten von den Behörden die Frage aufgeworfen worden, ob die Angehörigen der im Felde stehenden Mannschaften jüdischen Glaubens überhaupt noch das Wohnrecht besitzen, da doch die Niederlassung nur dem betreffenden Familienhaupt gewährt war — nach der Ausrückung des Familienhauptes ins Feld die znrückbleibenden Angehörigen aber auszuweisen sind? So weit „der Ministerrapport an den Senat". Ein Familienvater zieht in den Krieg, die Familie bleibt zurück, wird beschimpft, drangsaliert und von Gendarmen aus dem Orte gewiesen, und geht's nicht willig, dann mit Gewalt! Warum? Der im Felde stehende Familienvater ist Jude, und seit seinen: Fortgänge hört auch das Wohnrecht der zurückbleibenden' Familie auf . . . Und dieses Asiatengesindel in der russischen Presie hat noch die Stirn, täglich von „deutschen Bestialitäten (eine ständige Rubrik), von germanischen Hunnen, Dschengis-Chan-Horden, vertierten Vandalen" zu sprechen. Diese Verfolgungen der wehrlosen jüdischen Familien waren selbst dem gewiß nicht judenfreundlichen Minister Maklakow zu stark, und er erließ „in Anbetracht der sehr großen Zahl jüdischer Reservisten" den Befehl, „daß er es für möglich erachte, in einigen Gouvernements den jüdischen Familien, deren Familienhaupt im Felde steht, zeitweilig zu gestatten, am Wohnorte zu verbleiben". Wie schlimm die Judenverfolgungen in Wirklichkeit sein müssen, beweist der Ausruf der Redaktion der „Retsch": „Täglich erhalten wir eine Unmenge von Briefen; es sind Klagen, Klagen über die schreckliche Lage der Juden ... Es ist nur zu gewiß, daß unsere Feinde diese Tatsache ausnutzen werden. Wir lasten völlig außer acht alle Fragen über die Schädlichkeit dieser Politik, welche nur Gereiztheit hervorruft, Bitterkeit erzeugt und die Begeisterung dampft, aber wir konstatieren, daß diese Politik. — nicht vom Standpunkte jüdischer, sondern staatlicher Interessen aus betrachtet — unseren Augen weh tut; diese Politik entspricht nicht der Größe des historischen Augenblicks. Vielleicht ist jetzt nicht die richtige Zeit, die Gesetze -über die Juden einer gründlichen Revision zu unterziehen, aber jedenfalls müssen die schreiendsten Mißstände dort wenigstens, wo sie durch den Krieg noch verschärft sind, schnellstens beseitigt werden." Deutlicher konnte die Redaktion nicht sein, weil die Zensur in Rußland jetzt noch rigoroser als zuvor gehandhabt wirb. Ein Zensurerlaß bestimmt, „daß über etwa ausbrechende Unruhen, GewalLtätigkerten, die im Zusammenhang mit den Ausnahmegesetzen der Fremdvölker (gemeint sind Juden) stehen, Berichte nicht veröffentlicht werden dürfen." Und diese Gewaltakte gegen Juden nehmen zu. In nächster Nähe des Kriegsschauplatzes — in Wilna. Ein militärischer Berichterstatter spricht von „schrecklichen, blutigen Exzesten einer aufgehetzten, trunkenen Bevölkerung". Ein Tagesbefehl hinter der Schlachtsront warnt die Mannschaften vor Ausschreitungen gegen „Andersgläubige". In Wilna — Rennenkampfs Hauptquartier — erscheint immer noch das antisemitische „Zwei-Groschen"-Hetzblatt, und wie der militärische Mitarbeiter der „Retsch" bemerkt, schürt dieses Organ des „Verbandes der echt russischen Leute" „schamloser denn je das Feuer gegen die Juden und Litauer". Am schlimmsten sind die Verhältnisse in Russisch-Polen. In kleinen Ortschaften, die vorübergehend von deutschen Truppen besetzt waren, sind nach Eintreffen russischer Soldaten sofort alle Juden in barbarischer Weise zu Tode gequält oder niedergemetzelt worden. Der „Kurjer Lodski" gibt ganz offen Gewalttätigkeiten schwarzer Banden gegen Juden zu. Und dabei konstatiert das Blatt, daß die Juden, die jahrelangen Schikanen und Verfolgungen vergessend, genügend Beweise ihrer patriotischen Gesinnung erbracht hätten. In den polnischen Blättern wird die Meldung bestätigt, daß die offenen und geheimen Denunziationen gegen die Juden zunehmen und die Lage gefährlicher denn je sei. Diese Denunzianten fischen im Trüben. Unsichere Kantonisten, die sich noch nicht entschlossen haben, ob sie rechts oder links gehen sollen. „Kurjer Lodski" schreibt über diese tapferen Patrioten, wie sie in Wirklichkeit reden: „Alles, was unsere Berechnungen und Kombinationen zerstören, alles, was in Regierungskreisen Mißtrauen erwecken kann — schiebt das alles den Juden zu." Und der in Lublin erscheinende „Kurjer Lubelski" spricht kurz und bündig- „von einer jüdischen Gefahr und Ausrottung". Eine Verordnung noch: Jüdische Familien sind von den Wohltaten des „Roten Kreuzes" ausgeschlossen. Für die Hinterbliebenen gefallener Juden haben die jüdischen Gemeinden und Vereine zu sorgen. Juden haben kein Feld der Ehre. Im russisch-japanischen Kriege ließen Regimentskommandeure in kritischen Situationen die jüdischen Mannschaften vor die Front kommen und solche „Erkundigungen" ausführen, von denen mit Gewißheit anzunehmen war, daß kein „Kundschafter" zurückkehrte. „Euch wird die höchste Ehre zuteil, für den Zaren Zu sterben . . ." Kanonenfutter ... Verschiedene Zeitungen verbreiten folgenden Aufruf: An die Juden in Polen. Ein Aufruf im Jargon. Die deutsche und die österreichische Heeresleitung ließen in Russisch- Polen einen Aufruf verbreiten, der in hebräischer Sprache und im „jiddischer:" Deutsch abgefaßt ist und wie folgt lautet: „Z u d i e I i d e n in Paulen. Die heldische Armees vun die grauße mitteleiropäische Regierungen Deitschland un Esterreich-Ungarn seinen arein in Paulen. Der mechtiger Marsch vun unfern Armees hat gezwungen die despotische russische Regierung zu antlausen. Unsere Föhnen brengen eich Recht un Freiheit: gleiche Bürgerrechte, Freiheit vorn Glauben, Freiheit zu arbeiten ungestert in alle Zweigen vun ekonomischen un kulturellen Leben in eier Geist! Zu lang hot ihr sich geplagt unter dem eisernen .moskowitischen Joch! Wi Freind kummeu wir zu eich, die barbarische fremde Regierung ist aus! Die gleiche Recht vor Jiden soll weren gebaut auf feste Fundamenten. Loßt eich nischt, wie a ßach mal frtler, obnarren durch chanufedige Versprechungen! Zu hot nischt auch in 1905 der Zar gesagt die gleiche Recht von Jiden, un zu hot er nischt darauf gegeben den höchsten Manifest? Wie hot man eich obgezohlt dem dösigen Chauw, was man Hot auf sich genummen vor der ganzen Welt? Gedenkt das Araustreiben, wos man treibt togteglich die jidische Masten vun feiere eingesessene Mekaumaus! Gedenkt Kischinew, Hornel, Bialhflok, Siedletz und viel Hunderter andere blutige Pogromes!