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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-10-30 · Heft 44 (30.10.1914) · p. Seite 520

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 44 (30.10.1914)
Date
1914-10-30
Page
Seite 520 (sequence 4)
Language
German
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520 „Limes" begannen, sich das telegraphieren zu lassen, was wir hier in unserem Blatte schreiben? Die Sache ist ganz einfach: England schämt sich selbst, daß es sür 'den Aaren kämpft. Es braucht es nun für sein eigenes Prestige, daß der Zar reingewaschen werde. Und zu diesenr Zweck braucht es ein „Wohlverhaltungszeugnis" seitens der Juden. Es gilt, das Gewissen John Bulls zu beruhigen, wenn von uns verlangt wird, daß wir dem Zaren Syuipathiekundgebungen veranstalten. Nein, Mr. Zangwill, die richtige Politik der Juden ist jetzt, das wahre Bild des Zaren und seiner Helfershelfer nicht zu verwischen, sondern immer lauter undlauter in die Welt zu schreien, wer der Zar wirklich ist, danut das England, das sich jetzt mit Recht schämt, später einmal dem Zaren wirklich einen unzweideutigen Wink gebe, damit er sich etwas anständiger benehme. Ihr Vertrauen auf Sir Edward Grey ist eine schwache Stütze. Dieser kalte und schlechte Mann, der gemeinschaftlich mit dem Zaren Persien der Freiheit beraubt hat, der würde sür die Juden gar nichts tun, selbst wenn er etwas tun könnte, und kann gar nichts tun, wenn er etwas tun wollte. Ich wiederhole: Der Krieg geht nicht sür die Freiheit, sondern für Rußland. Und sür diese meine Ansicht habe ich bekannte Autoritäten als Gewährsmänner. Air. A. Gardner, der fähige Redakteur der Londoner „Daily News", veröffentlichte in 'seinem Blatte einen Tag vor -der Kriegserklärung einen heftigen Artikel gegen den Zaren, in welchem dieser angesehene Publizist England warnte und daran erinnerte, daß es bloß in 'den Krieg ziehe, um die Tyrannei in Rußland zu stärken. Mit meiner Meinung stimmen auch John Morley, Lord Brice und andere der besten Köpfe Englands überein, die sich nicht einreden lasten wollen, daß es sich hier um einen Kampf gegen deutschen Militarismus handelt. Deutscher Militarismus mag meinetwegen schlecht fein. Aber der russische Pogromismus ist zehnmal schlechter. Wir russischen Juden haben es gekostet, wir nehmen seinen Geschmack, und Sie durften sich nicht an uns wenden mit der Bitte um Sympathiekundgebungen sür Rußland. Glauben Sie mir, Mr. Zangwill, daß es bloß die große Achtung ist, die ich vor Ihnen als Dichter und als Mann des öffentlichen Lebens hege, die mir diese Worte diktiert. Als ich Ihren Brief an uns in den „9Lew Jork Times" las, da hatte ich die Empfindung, daß ein großer Mann, an 'den ich geglaubt, den ich vergöttert habe, in den Staub gestürzt ist. Solche Worte von Mr. Zangwill unterzeichnet zu sehen, war die größte Enttäuschung meines Lebens. Ihr ergebenster, tief gekränkter I. L. D o l i d a n s k y. Von großer Wichtigkeit ist auch der folgende Leitartikel desselben Blattes: Z a n g w i l l s taktloser Ausruf an die amerikanischen Juden. Wir wollen nachsichtig und milde fein mit Mr. Zangwill, aber wix fühlen uns gezwungen, es offen zu erklären, daß sein Ausruf an die amerikanischen Juden unklug, ungerecht, sehr taktlos und für uns sehr beleidigend ist. Wer gab Mr. Zangwill das Recht, die amerikanischen Juden in die europäische Politik hineinzuzerren? Er hält zu England, und er muß zu England halten, das ist seine Pflicht. Wer weiter zu gehen, ist er nicht verpflichtet. Er ist nicht verpflichtet, die amerikanischen Juden an Sir Edward Grey „zu kiefern", und wir sind überzeugt, daß Sir Edward Grey es auch gar nicht verlangt. Die Juden von England entsprechen vollständig ihrer Pflicht, wenn sie selbst für Großbritannien aus dem Schlachtfelde sich opfern, aber sie sind für die amerikanischen Juden nicht verantwortlich. Wir, die Juden von Amerika, sind freie Menschen, und wir hegen für den Sympathie, sür wen wirwollen, und es ist sür uns eine große Beleidigung, wenn Mr. Zangwill sich an uns im Wege der englischen Presse mit einer Proklamation wendet, in welcher er von uns fordert, daß wir zu England halten sollen, als ob wir etwas dafür könnten, daß Mr. Zangwill ein Engländer ist. Die Forderung eines englischen Juden an die amerikanischen, daß sie sür England eintreten mögen, ist ein Unrecht an den Juden von Amerika, denn ebenso kann morgen ein anderer Jude von der anderen Partei kommen und fordern, daß wir es mit Deutschland und Oesterreich-Ungarn halten sollen. Was sollen wir amerikanische.- Juden tun, wenn es zum Beispiel Dr. Paul Nathan, dem berühmten jüdischen Führer in Berlin, einsallen sollte, an uns zu appellieren, daß wir für sein - deutsches Vaterland Sympathiekundgebungen veranstalten mögen. Begreift denn Mr. Zangwill nicht, daß es viel richtiger ist, die Juden von Amerika in Frieden zu lassen, imt> es ihnen selbst anheimzustellen, nach freiem Ermessen mit der einen oder anderen Partei zu shnrpathisieren, besonders da die Sympathie der Juden keinem zu nützen und keinem zu schaden vermag. Mr. Zangwill verlangt, daß wir ihm alle glauben mögen, daß, wenn Deutschlmrd siegt, die Zivilisation vernichtet sein werde, und daß der einzige Weg zum Ausbau der Zivilisation darin bestehe, daß die russischen Kosaken und die Japaner, die Turkos und die Hirrdus und all die übrigen Asiaten, welche sich jetzt für den Dreiverband schlagen, siegen. Wir haben gewiß Respekt vor der Zivilisation Englands und Frankreichs, -aber uns fehlt der Glaube daran, daß die deutsche Zivilisation die Welt zerstören würde, und daß die Kosaken und Japaner sie retten müßten. Wer Mr. Zangwill vertröstet uns auf bessere Zeiten in Rußland, weil Sir Edward Grey ihm das Versprechen gab, daß er nach dem Kriege seinen Einfluß daraus verwenden werde, daß Rußland die Juden besser behandle. Das sind jedoch für uns kalte, inhaltslose Worte. Erstens ist es sehr wahrscheinlich, daß Mr. Grey nach dem Kriege andere Dinge im Kopfe haben wird -als den Willen, auf Rußland einzuwirken. Der englische Minister hat auch bis jetzt keine Lust gezeigt, seinen Einfluß auf Rußland geltend zu machen, wie aus der Tatsache hervorgeht, daß er es ablehnte, in der Paßfrage etwas zu tun. Und selbst wenn Mr. Grey ja plötzlich die Lust anwandeln sollte, sich für die Juden einzusetzen, so ist es zumindest sehr zweifelhaft, ob man in Rußland feinem Rate auch folgen wird. Mr. Zangwill hatte wahrscheinlich die Absicht, das wieder gutzumachen, was er vor einigen Wochen verdorben hat, als er in den Londoner „Times" gegen eine Verbindung Englands mit Rußland freimütig aufgetreten ist. Damals wurde er in der englischen Presse angegriffen. Sein Aufruf an die amerikanischen Juden ist, wie es scheint, gemacht worden, um den schlechten Eindruck, den sein nach englischer Auffassung taktloses Auftreten hervorgerufen hat, abzuschwächen. Es ist traurig, daß Mr. Zangwill nicht verstanden hat, vor zwei Wochen zu schweigen, wie man es in England von ihm verlangt hat; er hätte sich damit seinen zweiten Irrtum und seinen zweiten Fehltritt ersparen können. Es war nicht nötig, daß er als Engländer in der Kriegszeit gegen sein Vaterland austrete, und er durfte noch viel weniger nachher die amerikanischen Juden aufsordern, größere englische Patrioten zu werden, wie er selbst es vor wenigen Wochen gewesen ist. # Eine traurige Illustration zu den Ungeheuerlichkeiten des Herrn Zangwill bilden die immer schlimmer werdenden Verhältnisse der russischen Juden. Der „München- Augsburger Abendzeitung" entnehmen wir folgende Zusarnmenstellung: „Vor Kriegsausbruch studierten über 30 000 russische Juden an europäischen Universitäten. Nun hat sich eine Deputation dieser Akademiker an den Dumapräsidenten Rodsjanko mit der Bitte gewandt, er möge ihr Gesuch an den Minister befürworten, daß wenigstens denjenigen Studewten jüdischen Glaubens, die kurz vor der Vollendung ihrer akademischen Studien standen, die Ablegung der Schlußprüfungen an russischen Hochschulen gestattet würde. Der Dumapräsident kam dieser Bitte nach und unterbreitete das Gesuch dem Minister persönlich, doch wurde es aus „Opportunitätsgründen" rundweg abgelehnt. Nicht besser ist es den jungen Absolventen der Mittelschulen ergangen, denen auch die Pforten der Hochschulen verschlossen sind. In Rußland bestehen ungefähr 50 Hochschulen und Universitäten, und das akademische Bürgerrecht kann nur nach bestandenem „Konkurrenzexamen" — trotz Maturitätszeugnis — erworben werden, der Andrang Bildungshungriger ist aber im Verhältnis zur gesetzlich Zugelassenen Höchstzahl von Studierenden fo enorm, daß durch Speziälprüsungen nur der sogenannten „Auslese" der Abiturienten die akademischen Pforten offen sind. Studenten jüdischen Glaubens dürfen an den einzelnen Hochschulen nicht mehr als drei Prozent sein. Die Zurückgewiesenen studierten im Auslande; diese Möglichkeit ist ihnen jetzt genommen. Auch das Gesuch dieser Ausgestoßenen, den Prozentsatz der Juden an den« russischen Hochschulen

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