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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-10-30 · Heft 44 (30.10.1914) · p. Seite 519

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 44 (30.10.1914)
Date
1914-10-30
Page
Seite 519 (sequence 3)
Language
German
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519 „Dev Jomkippur selbst verlief, wie folgt: Es war durch das Armeeobertominando Befehl öL'foinmcit, daß sämtliche jüdische Soldaten, die nicht unmittelbar tut Gefecht waren, für den Tag dienstfrei waren. Für die fechtenden Truppen war Feldgottesdienst augesetzt, zu welchem verschiedene Rabbiner in die Front gesandt waren. An unserem Gottesdienst, der nach Anordnung des hiesigeil Stadtkommandanten in der evangelischen Kirche stattfand, nahmen etwa 30 Kameraden teil. Zur Abhaltung des Gottesdienstes war hier Rabbiner Dr. Baeck-Berlin. Er hat dreimal gepredigt, Kotnidre, 31t Schacharis und Nihla; vielleicht interessiert Euch der kurze Inhalt dieser-Reden, die wirklich sehr erbauend und feierlich waren; ich habe wohl selten bessere Reden im Gotteshaus gehört. Am Kolnidre begann er seine Betrachtung damit, daß es eigenartig sei, mitten im Kriege ein Bersöhnungsfest zu feiern, das natürlich eine Berföhuung mit uns selbst und Gott bedeute. Aus beiden Seiten flehe jeder Krieger zu Gott, ihm den Sieg zu verleihen; j Gott könne nur auf der Seite stehen, die eine gerechte Sache verfechte.! Er führte dies länger ans und fuhr weiter fort, daß in unserer Heimat! heute jeder für seine Angehörigen im Kriege die glückliche Rückkehr; erflehe und schloß mit den Wörtern Ausseh scholaum bimraumow hu! jaasse scholaum itjir. Dann folgten die üblichen Gebete, freilich im s abgekürzten Verfahren. Beim Morgengottesdienst redete er hervor-! ragend über den bekannten Satz: Buße, Gebet und Wohltun wenden das böse Verhängnis ab. Dann folgte die Seelenseier mit kurzer Allsprache über „Die Sonne neiget sich, der Tag geht zu Eilde, laß uns zu dir zurückgefunden haben", darauf Psalm 91, dann das Glaubensbekenntnis und zum Schluß Priester fegen." Dr. Bl 0 ch s „Oesterreichijche Wochenschrift" enthält folgenden bemerkenswerten Artikel: D i e a m e r i k a il i s ch e n I u d c n gcge n I s r a e l Z a n g lv i l l. Israel Zangroill, von den! die bisher noch inlmer unbestätigte Nachricht ging, daß er wegen seiner offenen Agitation gegen die Teilnahme Englands au dem Weltkrieg verhaftet gelvesen fei, hat die Welt durch einen Aufruf an die Inden der neutralen Länder nnb ganz besonders all die Juden Amerikas in unbeschreibliches Erstaunen versetzt. In diesem Aufruf fordert Israel Zangwill, der verbissenste und konsequenteste, gleichzeitig auch mutigste Hasser des Moskowitertluns, gestützt auf eine vage Zusicherung des englischell Ministers des Aeußern Grey, die Juden auf, sich all die Seite der Ellteute 31t stellen, derselben Entente, welche für Rußlands Machtstellung ben völkermörderischen Krieg entfesselt hat. Das größte Gewicht wird in diesem Aufruf naturgemäß darauf gelegt, die Zustimmung der amerikanischen Juden zu erlangen. Es lvird nun überall, lvo noch Rechtlichkeit, Geschulack und Offenherzigkeit die Richtschnur für Handbungen selbst in dieser haßerfüllteil Zeit bilden, mit besonderer Genugtuung und Befriedigung begrüßt werden, daß die amerikanischen Juden die ZumutlNlg Israel Zangwills, sich zu Helfershelfern des Pogromzaren herabzulvürdigen, in einer Weise znrnckgewiesen, die für alle Zeiten denklvürdig bleiben wird. Wir geben hier ans der großen Zahl dieser zurückweisenden Artikel zwei wieder, welche in dem Organ der aus den osteuropäischen Ländern nild in erster Reihe aus Rußland eingewanderten Inden, der „Jewish Gazette", erschienen sind: Offener B r i e f a n M r. Z a n g w i l k von I. L. Dolidansky. Sehr geehrter Herr Zangwill! Mit Staunen und bitterem Verdruß las ich Ihren an die Inden der neutralen Länder und besonders an die amerikanischen Juden gerichteten Ausruf, daß sie mit Deutschland und Oesterreich-Ungarn nicht sympathisieren, vielmehr zu Gott beten mögen für den Ersolg der Waffell der verbündeten Länder Frankreich, England und Rußland. Ich habe wahrhaftig meinen Augen nicht getraut, und es war mir unverständlich, Sie in der Rolle des Teufelsverteidigers zu sehen, und es war mir unerklärlich, wie Sie, Herr Zangwill, um die Sympathien für die verbündeten Länder, das heißt, klarer gesagt, für die Sympathie für Rußland, die Werbetrommel rühren. Es läuft darauf hinaus, daß Sie verlangen, daß die Opfer der russischen Tyrannei ein Loblied singen sollen auf ben Zaren und feine Güte und Liebe zu den Juden. Sie sagen, daß Sie nicht als englischer Patriot das Wort ergreifen, sondern als Weltpatriot. Irre ich nicht, so ist mir die Figur des „Weltpatrioten" nicht unbekannt. Warten Sie mal, wo mochte ich sie! nur gesehen haben? Ach ja, ich erinnere mich. Wir trugen diesen Weltpatribtlsmus in die Kreise der jüdischen Mitglieder des internationalen Sozialismus, das sind jene Leute, die auf dem Standpunkt stehen, daß der Jude sie nichts angehe, daß die jüdischen Interessen zu klein, und zu unbedeutend seien, um sich mit ihnen zu beschäftigen. Sie sind inuner daran, der ganzen Welt zu helfen, und nicht bloß einem kleinen Teil derselben. Genau so wie Sie sagen auch jene, daß die jüdischen Interessen den großen Weltinteressen geopfert werden müssen. Diese braven Leutchen ließen sich selbst die Pogrome nicht zu Herzen gehen, indem sie sich auf den Standpunkt stellten, daß das jüdische Blut das Oel bilde, mit welchem die großen Räder des Fortschrittes geschmiert-werden. O, wir kennen diese Sorte von Weltpatrioten. Was aber haben Sie, Acr. Zangwill, mit ihnen gemeint Wie kommen Sie plötzlich in ein Fahrwasser mit jenen? llebrigens sagen Sie, Air. Zangwill, sind denn die Juden nicht auch ein Teil der, Menschheit? Bilden nicht die Interessen der Juden einen Teil der Interessen der gesamten Menschheit? Wissen Sie denn uicfjt auch, daß die Verfolgung der Juden nicht bloß eine Strafe für die Juden, sondern für die ganze Gesellschaft ist, und ziemt es Ihnen nach einer so glänzenden Karriere als Schriftsteller, Ihnen, dem Dichter so hervorragender Werke, dem Schöpfer anerkannter Arbeit für das Gemeinwohl, ziemt es Ihnen, gar davon 31t reden, daß die Interessen der Juden dm Interessen des Dreiverbandes, das heißt den Interessen Rußlands, geopsert werde:! sollen? Gestatten Sie, daß ich Ihnen rund heraus sage, daß Ihre Behauptung, daß die verbündeten drei Mächte für die Befreiung der Welt vom deutschen Militarismus känrpfen, nichts anderes ist als eine Phrase, an die kein Mensch glaubt. Das heißt bloß der Welt Sand in die Augen gestreut. Sie wissen es ganz gut, daß England nicht gegen die Armeen der zwei verbündeten Kaiser, sondern gegen die Flotte des deutschen Kaisers in den Krieg gegangen ist. Dieser Krieg war an dem Tage bestimmt, als Deutschland eine große Flotte zu bauen begann. Sie erinnern sich ganz gut, daß schon vor zehn Jahren Hamilton Fife und andere englische Hurrapatrioten ununterbrochen schrien, daß man gegen Deutschland zu Felde ziehen müsse und nicht warten dürfe, bis es eine große Flotte haben wird. Diese Kriegspartei hat jetzt die Oberhand gewonnen und England, unser altes, gutes England, in einen blutigen Krieg verwickelt. Aber der Krieg wird nicht für die Freiheit geführt. England und Frankreich schicken ihre besten Söhne in den Krieg, um, wie Sie sagen> den deutschen Militarismus zu brechen, aber an seine Stelle den russischen Hnliganismns, den russischen Pogromismus zu erheben und zu stärken. Mag sein, in Deutschland ist Militarismus, aber in Deutschland sind auch Wissenschaft, Knust, Literatur, Poesie, Philosophie zu Hause. In Rußland hingegen ist bloß der Militarismus zu Hanse, ohne daß Wissenschaft, Kunst, Literatur, Poesie und Philosophie eine ruhige, sichere Heimstätte gesunden hätten. In Wahrheit ist das ein Kamps zu dein Zweck, uni Europa unter das Joch des Zaren zu bringen. Auch ich spreche vorn Standpunkt eines Weltpatrioten, wenn ich behaupte, daß Europa für den Fall eines siegreichen Rußland den größten Gefahren ansgesetzt ist. Und Sie bitten -uns, dem Dreiverbände und Rußland unsere Sympathien zu beweisen. Uns, die Kischinew und andere Pogrome miterlebt haben. Uns, die jüdischen Massen von New Dort, die Opfer des Zaren, die aus den russischen Schulen Ausgeschlossenen, die ans den kleinen russischen Städten Ansgewieseuen, uns, die von den Henkern des Zaren Geschlagenen und Beraubten, uns, die wir durch den schändlichen Beilis-Prozeß und andere ähnliche Prozesse so tief beschinnt, in unserer Seele gekränkt und schwer beleidigt wurden. Uns alle bitten Sie, daß wir Rußland unsere Sympathien erweisen mögen. Nehmen Sie einmal das an, daß mir wirklich uns selbst untren würden, daß wir, wie Sie es wünschen, wie billige Akteure eine Maske anlegen und durch die Straßen ziehen und russenfreundliche Lieder singen wollten. Wird es uns die christliche Welt wirklich glauben? Würde man nicht den ganzen Schwindel sofort durchschauen? Wir, die wir stets gegen die Zarenherrschast protestiert haben, wir sollten plötzlich Zarenfrennde werden. Was würde da unsere Umgebung sagen? Eines von beiden: Entweder wir hielten sie früher zum Narren, inden! mir unter falschen Vorspiegelungen um ihre Sympathien warben, oder wir spielen jetzt eine niedrige, verächtliche Rolle. Aber sagen Sie bloß, Mr. Zangwill, was ist denn plötzlich in England geschehen, daß man mit einem Male beginnt, sich für die Stimmung der Inden in Amerika zu interessieren? Daß die Londoner

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