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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-10-30 · Heft 44 (30.10.1914) · p. Seite 518

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 44 (30.10.1914)
Date
1914-10-30
Page
Seite 518 (sequence 2)
Language
German
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518 Glaubensgenossen. Entschiede die Volkswvhlfahrt für den Großbetrieb als die rationellste Betriedsform für wohlfeile Atasfenversorgung, so Hütten gegensätzliche jüdische Interessen sich anzubequemen oder — zurückzustehen. Wir müssen also vielmehr fragen: Stellt die autokratische Verfassung des Großbetriebs für alle Zukunft die einzig denkbare Wirtschaftsform dar! Taß sie das wirksamste Erziehungsmittel der arbeitenden Massen zu wirtschaftlichem Denken und Handeln ist, daß sie ferner den allein möglichen Boden bildet, auf dem die modernen Geschüftsmethoden erst einmal heransgearbeitet werden konnten - - das haben wir oben angedentet und voll zugegeben. Zweifelhaft aber ist. ob Menschen und Methoden, nachdeiu sie einmal im Großbetriebe gebildet und gereist sind, auf ewig an diesen Boden gebannt und nicht vielmehr aus einen anderen verpslanzt werden können. Zweifelhaft ist, ob ein wirtschaftendes Volt und eine wirtschaftliche Entwicklung nicht über die vielleicht nur zeitlich uotwendige Aera des Großbetriebs hinauswachsen tann. Walter Rathenau, selber ein Großunternehmer und indischen Bluts, hat die Möglichkeit diskutiert, daß einmal die Btethoden der Organisation — heute eine hohe Kunst, deren lvenigc Träger man als Hexenmeister anstaunt wie im Mittelalter die Rechenkünstler, die mit dem großen Einmaleins Bescheid wußten —, daß diese Methoden einmal durch die Fvrtichritte der Gesehüftsivissenschaft zum Allgemeingut werden. Damit „würbe eines der letzten Monopole des Wissens beseitigt und der Wettbewerb des Intellekts aus eine neue Grundlage gestellt werden". Damit würde aber auch die — von rein technischen Notwendigkeiten abgesehen — heute wesentlichste Ursache des Großbetriebs fallen — nämlich die beschränkte Anzahl geschäftlicher Intelligenzen, die heute nur uürken können, indem sie das Gros minderer Geister beherrschen. - Diese Entwicklung nun bereitet sich in der Gegenwart vor. Ter alte Mittelstand hat in der Tat vom Großbetrieb gelernt, und das Handwerk z. B. wird auf seiner nächstjährigen Dresdener Ausstellcuig den Beweis dafür erbringen, daß es trotz allen gelehrten Todesbcscheinigungen noch ein kräftiges beben lebt. Kreditgenossenschaften, Einkaufsgenossenschaften, Snbmissionsinstitute, Beratungsstellen der verschiedensten Art, Buchführungskurse, Berkäuferinncnklasseu, Fortbildungsschulen, gemeinsames Tchuldeninkassv, Regelung des Anskunftswesens und viele andere Einrichtungen wollen die Errungenschaften des Großbetriebs nach Möglichkeit dem .Olein- und Mittelbetrieb, dem Handwerker, dem Spezialgeschäft, dem kleinen Fabrikanten zugängig machen. Ailch das geht nicht ohne Organisation, und auch dazu bedarf es wirtschaftlicher Intelligenzen. Wenn die Juden, die an der Herausbildung des modernen Unternehmertums ebenso wie au der politischen, ivirtschaftlichcn und kulturellen Hebung der Arbeiterklasse hervorragenden Anteil haben, sich bei der nicht minder wichtigen Aufgabe der Hebung des gewerblichen Mittelstandes bisher weniger beteiligt haben, so hat das seine guten, nur allzu bekannten Gründe. Ist doch die sogenannte Mittelstandsbewcgnng allzu lange einerseits mit dem Jnteressenkampf von wirtschaftlich rückständigen unfähigen und ungelernten Eleinenten, andererseits uüt der wüstesten antisemitischen Agitation verquickt worden. Das ändert sich heute. Gerade die lveitsichtigsten Mittelstandspolitiker, wie z. B. der Ingenieur Alfred Striemer'), erkennen die Notwendigkeit einer Loslösung der Bewegung von allen jenen zersetzenden Mächten, die mit ihr die Geschäfte des Klassen- und Rassenhasses besorgen wollen; jene Politiker fordern aber andererseits auch die deutschen Inden - und nicht bloß die Jj Bgl. seine Broschüre: „Zum Knnipse um die wirtschaftliche Lelbstäudigteit des Plein- und Mittelbetriebs." München 1914. Dnucker &, Humblvt. Persönlich Interessierten, die jüdischen Handwerker, und Ladeninhaber, vielmehr vor allen die führenden jüdischen Intelligenzen der Wirtschaft dazu auf, dem Problem des Mittelstandes ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden. Nicht allein daruul handelt es sich, festzustellen, wie weit der Mittelstand lebens- und leistungsfähig ist, wenn das sachlich nicht begründete Monopol des Großbetriebs auf die Leistungen des technischen und wirtschaftlichen Geistes verschwindet. Es handelt sich letzten Endes um die Frage, ob das deutsche Volk — wie im staatlichen Leben — so auch in der wirtschaftlichen Sphäre zu einem höheren Grade der Freiheit und Selbstbestimmung hcraufgeführt werden kann, als sie selbst die aufgeklärteste Geschäftsaristokratie zu bieten vermag. Der Drang nach. Selbständigkeit — und hier berühren sich deutsche und jüdische Eigenart -. ist unausrottbar. Vollkommene Unabhängigkeit freilich ist ein Ungedanke; nur der wirtschaftlich Unkundige kann die tausend Abhängigkeiten verkennen, die auch den scheinbar freien, selbständigen Kaufmann in seinen Entschlüssen binden und bestimmen. Aber die deutsche Mittelstandsbewegung wagt das große Experiment — geben wir zu, daß es ein Experiment ist —, neben der starren Organisation des Großbetriebs, die allein auf dem Herrschaftsverhältnis basiert ist, die losere, weniger fühlbare Bindung der Genossenschaft zu setzen, in der die Intelligenz nicht regiert, sondern lehrend, beratend, helfend sich mitteilt. So kann, was wirtschaftlicher Rückschritt scheinen möchte, 311111 kulturellen Fortschritt ausschlagen. Indem der Erwerbsstand, der nach seinen Leistungen belohnt wird, wieder die ursprüngliche breite Basis gewinnt, entgehen wir der drohenden Vvrbeamkung unseres Wirtschaftslebens, retten wir uns aus der trostlosen Schablvnisierung und Uniformierung der Menschen und Dinge, helfen wir einem gesunden Wettbewerb wieder zu Ehren, schassen wir ein im besten Sinn staatserhalteudes Bürgertum, das die Freiheit anderer ehren wird, weil es die eigene Freiheit als das höchste Gut schätzt. Wir haben gesehen, wie der deutsche Jude in der Organisativnssorm des Großbetriebs sein Bestes gegeben und sich schöpferisch betätigt hat. Auf Tank für die gebotenen Segnungen rechnen wix nicht, ebenso wie wir die Verantwortlichkeit für schädliche Auswüchse ablehnen. — Sorgen wir dafür — unbekümmert um Beifall und Haß der Gegner, unbekümmert auch um den Widerstand etwaiger Interessenten im jüdischen Lager selbst —, daß auch in jener moderneren Organisationsarbcit, die die freie wirtschaftliche Existenz erhalten, nicht aufheben will, jüdische Intelligenz, jüdische Arbeitskraft, jüdischer Unternehmuugsmut nicht die Pflicht und — den Anschluß versäumen. Die Woche. Berlin, den 27. Oktober. ic Kriegsercignisse im Westen und Osten vollziehen sich langsam in einer für uns günstigen Weise. Da aber von entscheidenden Kriegstaten nichts zu melden ist, sv sei der Bericht der Einzelheiten diesmal unterlassen. & Von KriegS1 iteratur sind uns zwei Predigten des Rabbiners Dr. Appel zum Neujahrs- und VersöhnungSfeste zugegaugen. — Herr Dr. Leimdörfer in Hamburg schreibt uns: „Auf E r s u ch e n des O b e r k 0 m m a n dos zu Altona ist meine Kri egspred i gt in 5 5 0 Exemplaren den israelitischen Soldaten des 9. Armeekorps zugeschickt worden." Einem Feldpostbrief aus Frankreich, der uns zur Verfügung gestellt wird, entnehmen wir folgendes:

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