Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 44 (30.10.1914)
- Date
- 1914-10-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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78. Jahrgang Nr. 44 Berlin, 30. Oktober 1914 Allgemeine eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bonnements-preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich SM. — Postscheckkonto S24- Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mossc, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition stnd an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Juden und Wirtschaftsform. Von Tr. Benno IarosjJIIlJllU* law, Berlin-Grunewald. — Die Woche. — Ein jüdisches Wahrzeichen aus Alt-Wien. Von Rahel Edelstein-Friedmann, Wien. — Jsaac Mayer Wise. Bon L. G. — Feuilleton: Der neue Christ. Roman von Peter Ujv.Lri. Uebersetzt von Rosa Trenefeni. — Lesefrüchte. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlaus. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Posen, Hamburg, Leipzig, Nürnberg, Hannover, Offenbach a. M.. Heilbronn. — Von Nah und Fern. Juden und Wirtschaftsform. Von Dr. Benno Jaroslaw, Berlin-Gvunewald. üben sind gut zum Organisieren, aber schlecht zu or- \ ganisieren. Dieses „verstädterte Herrenvolk", wie Franz Oppenheimer es genannt hat, stellt fähige Köpfe, wenn es gilt, in die Leistungen, Güter und Ideen der Menschen verstandesgemäße Ordnung und einheitliche Richtung zu bringen, aber wenn Juden selbst in Reih und Glied gestellt werden sollen, bilden sie nur zu häufig ein recht widerspenstiges Element, wie jeder bestätigen wird, der im jüdischen Gemeinde- und Vereinsleben einige Erfahrung hat. Die Bedeutung des Juden im zukünftigen deutschen Wirtschaftsleben hängt davon ab, wie weit er es verstehen wird, sich in wirtschaftliche Gemeinschaften einzuordnen, wie Goethe sagt, „ein Organ aus sich zu machen". Auf dem letzten evangelisch-sozialen Kongreß in Hamburg erzählte der Nationalökonom Wilbrandt eine niedliche Anekdote von dem jüdischen Vater, der seinen Sohn beim Militär schlecht behandelt findet und ihm den Rat gibt: „Kauf' dir e Kanon' und mach dir selbständig!" Der Witz war dort gemeint als Persiflage jenes unberechtigten Selbständigkeitsdranges auf Gebieten, die sich ohne strengsten Organisationszwang gar nicht denken lassen, aber er kann auch zur Beleuchtung der Gedankengänge und Beweggründe dienen, die den Juden des 19. Jahrhunderts immer von neuem in die wirtschaftliche Sphäre stießen. Trotz aller scheinbaren Gleichberechtigung ein Paria, getreten und verachtet, übersehen und übergangen, sah er im „Geschäft" den einzigen Wirkungskreis, der ihm erlaubte, ein Selbständiger, ein Höherer, ein Herr zu werden. Den Hassern zum Trotz haben sich Juden zu Herren und Meistern des Wirtschaftsprozesses emporgeschwungen, und mau mag wirtschaftspolitisch stehen, wo man wolle, man wird freudig zugeben, daß es unter unseren Industriekapitänen Männer gibt, aus die wir als Deutsche wie als Juden in gleicher Weise stolz sein dürfen. Die wenigsten haben die Macht um der Macht und des Genusses willen gesucht, sondern um ihre wirtschaftlichen Ideen zur Geltung zu bringen. In keiner anderen Schule hätte das arbeitende Volk so wirksam zu rationell tätigen Wirtschaftsmenschen erzogen werden können als in der fast militärisch zu nennenden Zucht des Großbetriebs. Es ist dem Nichtjuden Sombart Vorbehalten gewesen, diesen harterziehlichen Einfluß der Juden auf das deutsche Wirtschaftsleben festzustellen, und ein Nichtjude, der berühmte Historiker Lamprecht, war es auch, der erst neuerdings von der in der Geschichte wiederholt sestzustellenden Undankbarkeit der Deutschen gegen ihre jüdischen Lehrmeister gesprochen hat. Das Wesen des modernen Geschäfts, wie es sich in Arbeitsteilung und Arbeitsvereinigung, Organisation und Kontrolle, Kundenwerbung und Kundenbehandlung, Stoffausnutzung und Disposition, wie in vielen anderen Zügen offenbart, hätte so folgerichtig, vor allem so rasch sich nicht entwickeln können ohne den lebendigen, leitend tätigen Anteil des jüdischen Elementes einerseits, ohne die Herausbildung des Großbetriebs in Handel und Industrie andererseits. Demokratisch wie die Napoleonische Heeresversassung, in der der jüngste Rekrut den Marschallstab im Tornister trug, demokratisch wie die Hierarchie des katholischen Klerus, wo ein Bauernsohn die Anwartschaft auf den päpstlichen Stuhl hat — aber aristokratisch, ja autokratisch, insofern er den untergeordneten Stellen nur wenig Mitbestimmungsrecht bei der Leitung des Wirtschafts- Prozesses gestattet — so bot sich der Großbetrieb manchem aufstrebenden Juden als diejenige Wirtschaftsreform dar, die seiner Intelligenz und Arbeitslust den weitesten Spielraum uud die aussichtsreichsten Geltungsmöglichkeiten gewährte. Oft waren es Juden, die jene neuartigen Riesenorganisationen erst aus dem Nichts schufen, aber nicht minder strebsam schoben Jüngere nach, bereit und willig, von der Pike aus zu dienen und im Dienst den Befähigungsnachweis zum Meister und Verwahrer des Geschaffenen zu erbringen. Es ist hier nicht weiter zu verfolgen, wie diese Tendenz zum Großbetrieb, die nur zum Teil aus sachlicher Notwendigkeit, zum anderen Teil aus dem Geltungsstreben und dem Selbständigkeitsdrange überragender Willens- und Geistesmenschen zu erklären ist, wie diese Tendenz allmählich die Möglichkeit zur Selbständigmachung selbst zu vernichten droht. Es sollen auch nicht die Folgen dieser Entwicklung auf den jüdischen geschäftlichen Nachwuchs erörtert oder beklagt werden. Einmal ist das an dieser Stelle von sachkundiger Seite öfters geschehen; es ist an verschiedenen Beispielen gezeigt worden, daß heute oft gerade da, wo Juden herrschen, andere Juden nicht einmal dienen dürfen, sei es, daß die christlichen „Kollegen" frondieren, sei es, daß auch der jüdische Chef zuweilen heute den schöpferischen Kaufmann als unbequemen Reformer empfindet und sich den routinierten Bureaubeamten vorzieht, sei es schließlich, daß der jüdische Großunternehmer selbst allmählich hinter dem Organisationsleiter aus Justiz und Verwaltung verschwindet. Zweitens aber glaube ich, daß, wer sich von dem Gesinnungsgehalt hat erfassen lassen, der in dem Begriffe des „deutschen Staatsbürgers jüdischen Glaubens" steckt, daß der eine wirtschaftliche Entwicklung nicht vorwiegend beurteilen darf nach den unverwünschten Nebenwirkungen auf das Wohlergehen der eigenen