Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1914)
- Date
- 1914-10-23
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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- 3 - sorgerischen Zuspruch, lindes wurden ihnen Gebetbücher und Machsorim zur Privatandocht zur Verfügung gestellt. Der Krieg Hut nllch schon unter unseren Glanbensgenossen seine Opfer gefordert. Sv ist der Unteroffizier Siegfried Moses, der als Einjährig»-Freiwilliger sein Jahr abgedient hatte, den Heldentod gestorben, und mehrere Mitglieder der Gemeinde sind auf dem Schlachtfelde verwundet worden. Aber auch erfreuliche Nachrichten! sind All melden: Der Sohn unseres Rabbiners, des Herrn Dr. Goldschmidt, der Stabs¬ und Bataillonsarzt der Reserve Dr. Maximilian Goldschmidt in Berlin, ist durch Verleihung des Eisernen Kreuzes auf dem östlichen Kriegsschauplatz ausgezeichnet worden. Wie wir eiuenl Feldpostbrief entnehmen, war durch einen Armeebefehl sämtlichen jüdischen bei Su-walki stehenden Soldaten Gelegenheit geboten worden, sich am Bersöhnungstage zu einem Feldgottesdienst zu versammeln. Sobald wir genauere Nachrichten darüber haben, werden wir nicht verfehlen, das Nähere 31t berichten. — Von den Badegästen aus Russisch-Polen sind wenige Kranke und Frauen, von denen sich einige ill gesegneten Umständen befanden, noch hier zurückgeblieben. Sie sind von jedem Verkehr mit ihrer Heimat abgesperrt und erhalten nwder Nachrichten noch Geld. Den Frauen ist das Schicksal ihrer Männer unbekannt, den Männern das ihrer Frauen. Eine Dame ans Lodz ist von einem Sohn entbunden worden; er wurde in Abwesenheit seines Vaters, der fern von ihm weilt und von seiner Geburt nichts weiß, hier mtf deutschem Boden in deu Bund Abrahams eiugesührr. J. A. Nürnberg, 16. Oktober. Unter den zahlreichen Opfern, die der furchtbare Krieg erfordert, befindet sich auch ein hochangesehener junger Staatsbeamter, Herr Stephan P r i e st e r von Nürnberg, Finanzassessor der Königlichen Regierung von Mittelsranken, der am 20. September als Vizefeldwebel und Ossizierstellvertreter im 10. bayerischen Infanterieregiment den Tod fürs Barerland fand. Der Verstorbene verband mit hervorragenden Fähigkeiten und unermüdlichem Streben ein liebenswürdiges unb bescheidenes Wesen, so daß er bei der Negierung außerordentlich beliebt war. Er war infolge des Umstandes, daß er das beste juristische Staatsexamen mit Note I machte, einer der wenigen Juden, die im höheren Finanzdienst Anstellung fanden. Finanzassessor Priester war dem Ersatzbataillon in Ingolstadt als Rekrutenabrichter für den Garnisondienst zugeteilt, er drang jedoch mit aller Energie darauf, ins Feld ausrücken zu dürfen; gewiß ein ehrenvoller Beweis für den Tatendrang und für die glühende Begeisterung fürs Vaterland des jungen Staatsbeamten. — Am 2. d. ÜDL wurde der frühere Rabbiner Dr. Sigmund Flaschner dahier zur letzten Ruhe bestattet. Der Dahingeschiedene war Rabbiner zuerst in seiner Heimat in Leipa in Böhmen, dann in Burgkundstadt und zuletzt lange Jahre in Bernburg. Seit drei Jahren zog er sich vom Amte zurück und lebte in Nürnberg bei seinem Sohne, der hier Rechtsanwalt ist. Rabbiner Dr. Flaschner war in allen Gemeinden, in denen er tätig war, außerordentlich beliebt und verehrt wegen seiner vortrefflichen Eigenschaften. Sein ganzes Leben war eine Kette der selbstlosesten Hingabe an Amt unb Pflicht. In trefflichen Worten gedachte Herr Rabbiner Dr. F r e n - d e n t h a l des Heimgegangenen, während .Herr Rabbiner Dr. Heilbronn demselben im Namen des Deutschen Rabbinerverbandes einen warm empfundenen Nachruf widmete. — Nürnberg, 16. Oktober. Gestern abend ist hier im 84. Lebensjahr der königliche Geh. Hofrat Justizrat Gustav 1,0 s e p h t h a l verschieden. Er war im April 1864 zum königlichen Advokaten in Nürnberg ernannt worden und hat also mehr als ein halbes Jahrhundert in Nürnberg zugebracht. Er war in Ansbach geboren und eine Reihe von Jahren als Konzipient bei dem königlichen Advokaten und Hofrat Dr. Berlin daselbst tätig. In Nürnberg erwarb er sich dank seinen hervorragenden Geistesgaben, seinem außerordentlich gründlichen Wissen, seinem Verständnis für die Verhältnisse des Praktischen Lebens und seiner bedeutenden Redegewandtheit sehr rasch in allen Kreisen der Bevölkerung, insbesondere bei den Mitgliedern der Gerichte und bei seinen Kollegen, ein großes Ansehen und bald eine außerordentlich umfangreiche Praxis. Bei dem Jnslebentreten der neuen Rechtsanwaltsordnung zu Ende des Jahres: 1879 wurde er, der schon damals eine hervorragende Zierde der Rechtsanwaltschaft bildete, in den Vorstand der Anwaltskammer gewählt, dessen Vorsitz er im Jahre 1896 übernahm. Erst vor wenigen Jahren legte er dieses Amt sowie die Rechtsanwaltschaft nieder.. Jahrzehnte hindurch war er auch Vorstand der israelitischen K u l t u s g e m e i n d e und leistete auch in dieser Eigenschaft hervorragende Dienste. Er stand auch viele Jahre .mit an der Spitze aller großen deutsch-jüdischen Organisationen; der D. I. G. B., der Verband der deutschen Juden, der Zentralverein, der Hilfsverein der deutschen Juden sowie der bayerische Landesverband verlieren in ihm einen treuen und eifrigen Mitarbeiter. Er trat bei jeder sich ihm bietenden Gelegenheit für humanitäre Bestrebungen ein und legte stets einen großen Wohltätigkeitssinn an den Tag. Politisch zählte er sich zur nationalliberalen Partei und wirkte in der zweiten Hälfte der 1870er Jahre an der Gründung ihrer Organisation mit. Seit Jahren trat er aber politisch nicht mehr hervor. Der Verstorbene war Ritter des Verdienstordens vom hl. Michael 1. Kl. — Ein Bericht über das Leichenbegängnis folgt in der nächsten Nummer. 22 Aachen, 16. Oktober. In Anwesenheit überaus zahlreicher jüdischer und christlicher Teilnehmer und Vertreter der Militärbehörde wurde zum erstenmal ein auf dem Schlachtfelde verwundeter und hier im Elisabeth-Ktankenhaus verstorbener jüdisch e r Soldat auf dem Waldfriedhof bestattet. Der Feldgeistliche, Rabbiner Dr. I a u l u s, führte dabei ungefähr folgendes aus: „Es ist das erste Opfer, das aus der Mitte der jüdischen Glaubensgemeinschaft an dieser Stätte auf den Altar des Vaterlandes niedergelegt wird. An dieser stimmungsvollen, weihevollen Stätte hier, wo sie friedlich nebeneinander ruhen, die kameradschaftlich, freundschaftlich in Reih' und Glied, Schulter an Schulter gekämpft und geblutet und gestorben für des Vaterlandes Ehre und Sicherheit und erfüllt haben das Wort der Schrift: „Die einander hold und lieb waren im Leben, sie sind auch im Tode nicht getrennt." Und das ist bei aller tiefen Wehmut und Trauer darüber, daß so viel junges, blühendes Leben hingegeben werden mußte, der versöhnende und tröstende Gedanke, daß alls der Saat des Blutes eine edle Frucht hervorgeht: die Frucht der Eintracht und des Friedens, die Frucht des guten Einvernehmens, der gegenseitigen Anerkennung und Achtung zwischen den Angehörigen aller Konfessionen, des Schwunde ns des unseligen Glaubenszwistes und Glaubenshasses. Insbesondere nur Bekenner des Judentums, die wir in gleicher Weise, mit gleicher Opserwilligkeil wie die Bekenner anderer Religionen unsere Jünglinge und Männer in den Dienst der großen, heiligen Sache des Vaterlandes stellen, wir erblicken in dieser für die Hingeschiedenen Kämpfer jüdischen wie anderen Glaubens gemeinsam errichteten Ruhestätte das Symbol und das Unterpfand, daß, wie der Tod versöhnt und vereinigt, wie der Tod alle Glaubenslmterschiede anfhebt, so auch das Leben von derselben Empfindung, von derselben Gesinnung Zeugnis oblegen wird; daß das von'unserem erhabenen Monarchen in großer, schicksalsschwerer Stunde geprägte Wort: „Ich kenne keine Parteien, ich kenne nur Deutsche", auch über die Glaubensunterschiede hinweg in die Herzen aller Deutschen dringen wird. Und hat der Krieg, der dem friedliebenden deutschen Volte ausgezwungen wurde, unsägliches Leid uns gebracht, unzählige Opfer von uns gefordert, so hat er doch auch Heil und Segen im Gefolge. Vor allein dadurch, daß er Vorurteil und Abneigung unter den einzelnen Glaubensgemeinschafteu innerhalb des deutschen Volkes zllm Weichen bringt und gegenseitige Würdigung und Berücksichtigung alt deren Stelle setzt, und daß daher auch im deiltschen Heere jeder brave Soldat, mag er Katholik, Protestant oder Jllde sein, mit gleichem Maße gemessen, ill gleicher Weise nach Leistung und Verdienst bewertet und behandelt wird, wie dies an dieser Stätte von der Stadtbehörde und in dieser Stunde von der Militärbehörde geschieht." Nachdem der Geistliche Trostworte an den anwesenden Vater des Verstorbenen gerichtet sowie das übliche Gebet gesprochen und die Ehrensalven abgegeben lvlirdell, erreichte die tiesergreisende Trauerfeier ihr Ende. Mannheim, 16. Oktober. In Begleitung ihres Gefolges lmd der Herren Geh. Oberregierungsrat Dr. Clemm, Geh. Regieruugsrat Dr. S t r a u ß , des Stabsarztes Dr. F e l d b a u s ch und des Vorsitzenden des Roten Kreuzes, Augtlst H e r r s ch e l, besuchte die G r 0 ß - h e r z 0 g i n auch das Israelitische K r a n k e n h a u s , -wo der Empfang dllrch die Herren G 0 l d s ch m i d t, N a u e n , Dr. Fulda, Dr. F e l s e n t h a l und die Vorstandsdame Frau L e f 0 und die Oberschwester erfolgte. Die Unterhaltung mit den Verwlrndeten gestaltete sich hier besonders warm, da sich fast ausnahmslos in diesem Lazarette Badener befinden. Die hohe Frau äußerte ihre volle Befriedigung über die Pflege der Verwundeten und unterhielt sich mit den einzelnett Schwestern in leutseligster Weise.