Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1914)
- Date
- 1914-10-23
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Grsterrrich-Angsm. K. Wien, 16. Cüober. Ter Alinifter des Innern Tr. Freiherr v. Heinold besuchte am 11. d. M. in Begleitung, des Statthalters von Mähren Tr. v. Bley leben die im Bau befindlichen Barackenanlagen in Nikolsburg, die Zur Ausnahme von 6000 jüdischen Flüchtlingen aus Galizien und d-er Bukowina bestimmt sind. Tie teils aus Holz, teils aus Ziegeln errichteten Baracken, welche Schlafräume, Küchen und Waschräume enthalten, gehen der Bollendung entgegen und dürfen noch im Lause dieser Woche ihrem Zwecke zugesührt werden. Außerdem ist für Jnfektionsräume, für eine Verwaltungskanzlei, Borratsraume usw. vorgesorgt. Der Minister, der auch zahlreiche jüdische Flüchtlinge mit Ansprachen auszeichnete, sprach sich über die getroffenen Einrichtungen sehr lobend aus. Zum Empfange des Ministers und des Statthalters erschienen der Kultusvorsteher und der Bürgermeister der Jsraelitenstadt Nikolsburg, die sich um die Versorgung der Flüchtlinge sehr bemühen. Aehnliche Baracken sind auch in Gaya und auch in Porlitz im Ban. Ter Rabbiner von Gaya, Professor Tr. Reach, der vor Jahresfrist nach Prag berufen wurde, befindet sich gegemvärtig als Feldrabbiner auf dem Kriegsschauplätze. — Nach einer Meldung der Prager „Narodny Lisch" ist der gewesene Infanterist Julius (Jakob) Reis, der sich aus dem russischen Kriegsschauplätze bei Lublin hervorragend ausgezeichnet hatte, am 12. September aus dem Schlachtfelde gefallen. Reif wurde, wie schon gemeldet, wegen seiner Heldentaten an einem Tage vom Infanteristen zum Feldwebel befördert und außerdem vom Kaiser mit einer ansehnlichen Geldspende bedacht. Die Nachricht vom Tode Reifs aus dem Felde der Ehre brachte auch die „Sonnuud Montagszeitung". - Aus ein Glückwunschtelegramm, das der Präsident des Oesterreichischen Handels- und Gewerbebundes, der Wiener Gemeinderat Josef Stein, anläßlich der Eroberung von Antwerpen an den deutschen Kaiser abgesandt hatte, ist am 12. d. Nt. folgendes Tanktelegramm eingetroffen: „Herrn Gemeinderat Josef Stein. Großes Hauptquartier, 12. Oktober: Se. Majestät der deutsche Kaiser lassen dem Oesterreichischen Handels- und Gewerbebunde für die freundlichen Glückwünsche bestens danken. Alls Allerhöchsten Befehl: Geheimer Kabinettsrat v. Balentini. Von Sah und jfern. ~ Tie jüdischen Soldaten der Berliner Garnison waren, wie uils nachträglich mitgeteilt wird, für das Neujahrsfest sämtlich beurlaubt; auch am Bersöhnungstage waren sie, soweit nicht dringende dienstliche Interessen es verhinderten, vom Dienst befreit. Für die gefangenen russischen Soldaten wurde in Spandau Gottesdienst abgehalten, zu den: der Lazarettprediger Tr. Martin I o s e P h abkommandiert wurde. - Die P e n s i o n s -, Witwe nu n d W a i s e n k a s s e des Verbandes der jüdischen L e h r e r v e r e i n e i m T e u t s ch e n R eich hat für die Reichskriegsanleihe den Betrag von 100 000 Mark gezeichnet. — Prosesior Tr. Ludwig Stein hält im Lehrvierteljahr Oktober-Dezember an der Humboldt-Akademie eine zehnstündige Vortragsreihe „Einführung in die Soziologie", in der er die Soziologie des Krieges behandelt. Lehrstätte Lützowstraße 846, Dienstags 7 bis <s Uhr abend. — Ter „Neuen Hamburger Zeitung" schreibt.ein Leser: Ich erhielt dieser Tage von ei neun Freunde, einem Infanterieleutnant, der mit dabei, war, als Kluck den Engländern die ersten deutschen Hiebe gab, eine Feldpostkarte, die lautete: „Lieber Freund! Wir haben sie verhauen, die englischen Schentelmänner. Leider waven's nicht viele. 'Aber man hört, daß Mister Kitchener neue Blassen auf den Kontinent werfen null. Bravo! Wenn ich Ihnen dann eine Feldpostkärte schicke, aus der nichts weiter steht als: Zephanja, Kapitel 1, Vers 11, dann ist's soweit. Herzlichst Ihr B." — Ich schlug nach und las im Verse 11, Kapitel 1 des Propheten Zephanja: „Das ganze Krämervolk ist dahin!" — Ein 62jähriger jüdischer Soldat, Herr Paul Spiegel in Ehemnitz, ein bekannter deutscher Luftschiffer, ist als Kriegsfreiwilliger in die deutsche Armee eingetreten und tut Dienst beim königlichen bayerischen Luftschisserbataillon in München. — Für die in Zittau internierten zirka 2 50 jüdisch-russischen Gefangenen hat die dortige Gemeinde an den Festtagen einen Gottesdienst veranstaltet, welcher durch Lehrer Z u e r aus Chemnitz, zurzeit als Soldat in Zittau eingezogen, geleitet wurde. — Aus Halle an der Saale wird uns geschrieben: Im hiesigen Gefangenenlager befinden sich unter anderen auch über 20 jüdische Russen, die in den ostpreußifchen Schlachten gefangen wurden. Im Einvernehmen mit dem Generalkommando wurde denselben für den Jom Kippur die Abhaltung eines Gottesdienstes gewährt. Gemeinderabbiner Tr. Kahlberg hat den Kriegsgefangenen Machsorim usw. verschafft. Die ebenfalls dort untergebrachten „echt russischen" Popen haben also Gelegenheit, jüdische Glaubenstreue aus nächster Nähe miterleben zu müssen. Die in hiesigen Lazaretten liegenden verwundeten jüdischen Krieger genießen die Fürsorge seitens hiesiger Ge nt ei n dem i tgl iede r. — Das Kölner Gemeinder abbin at hat an den dortigen Stadtkommandanten das Ersuchen gerichtet, bei den einzelnen Truppenteilen der Garnison bekannt zu geben, daß jeder rituelles Essen wünschende jüdische Soldat sich an einen der beiden Gemeinderabbiner wenden möge, um eine geeignete Stelle für kostenlose rituelle Speisung nachgewiesen zu bekommen. Tie Stadtkommandantur hat die Erfüllung dieses Ansuchens bereitwilligst zugesagt. — Bei der Landtagsersatzwahl in K a r l s r u h e für den im Kriege gefallenen Rechtsanwalt Dr. Frank wurde Rechtsanwalt Ludwig Marum - Karlsruhe ohne Gegenkandidat gewählt. — In der Fremde, auf dem Friedhofe in Zürich, wurde letzten Sonntag Herr Mosche Chajim Benvenista, Präsident der jüdischen Gemeinde in Cavalla (Griechenland), bestattet. Im Alter von 78 Jahren war er aus der Reise von München in seine Heimat beim Aufenthalt in Zürich plötzlich verschieden. Der Berstorbene, einer hochangesehenen sephardischen Familie angehörend, war eine um seine Gemeinde Hochverdiente Persönlichkeit und hatte auch in der städtischen Verwaltung lange Zeit hervorragende Ehrenstellungen inne. — Der Rabbiner von Genf, Dr. G i n s b u r g e r, steht seit Anfang des Krieges als Feldprediger im französischen Heere; er hat den Grad als capitaine-aumonier erhalten. — Einem Feldbrief aus Belgien entnehmen wir folgende Zeilen, aus denen hervorgeht, wie gewissenhaft unsere militärischen Befehlshaber es sich angelegen sein lassen, den Ruf der deutschen Redlichkeit auch im Kriege hochzuhalten: „Wir bezahlen alles bar, bis auf die kleinsten Kleinigkeiten. Da wir hier als Besatzung stehen und alles geliefert bekommen, können wir unsere Löhnung sparen. Viele schicken das Geld nach Hause für ihre Familie. Wenn einer Geld abschickt, muh er aber genau angeben, wie er zu dem Gelde gekommen ist. Es wird also auch der Schatten des Scheins vermieden, als ob jemand auf unrechtmäßige Weise zu Geld kommen könnte." — Oberst Drehfuß und sein ehemaliger Gegner Oberst Path dir. Clam sind in den letzten Kämpfen schwer verwundet worden. - — Iw Krankenhaus zu Budapest, wo die Verwundeten der letzten großen Schlachten ihrer Genesung entgegenharren, wird auch ein j ü d i f ch e s M ä d ch e n 'gepflegt, das mit seltenem Heldensinn der Sache des Vaterlandes diente, und dabei von einer feindlichen Kugel schwer verwundet wurde. Rahel Henoch, ein zwölfjähriges. Kmd, führte mit wahrhafter Todesverachtung beim mörderischen Kugelregen und Kanonendonner vor Lemberg den Soldaten frisches Wasser und Erquickungen zu. Sie war der Schutzengel der ermatteten Truppen und wirkte mit ihrem Mut begeisternd auf die Soldaten. Der Kaiser machte ihr ein wertvolles Geschenk. — Aus Konstantinopel wird berichtet: Hier sind in arabischer Sprache abgefaßte und in Syrien verbreitete Proklamationen eingelausen, die den Titel tragen: „Was die Engländer gegen den Islam getan haben". Es werden darin alle Unglücksfälle der Muselmanen aufgezühlt, die von England verursacht worden sind. — Aus New Vlorf wird geschrieben: Hier waren an dem vom Präsidenten Wilson angeordneten Friedensbettage alle Kirchen und Synagogen dicht gefüllt, und die Blätter füllen ihre Spalten mit den Friedens predigten des Erzbischofs vo-n New Jork, Kardinals Farley, und der Pastoren, Priester und Rabbiner. Versammlungen zu dem gleichen Zweck haben auch in anderen Teilen des Landes stangefnnden. Verantwortlicher Redakteur: Albert Katz in Berlin-Pankow, Florastratze 58. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Max Fahrnländer, Neulölln. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin.