Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1914)
- Date
- 1914-10-23
- Page
- Seite 516 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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516 „Eben deswegen," erwiderte Gaston. Er verreiste. Und Littauer ging zum Rabbi, um seinen Austritt zu melden, dann ging er zum Pfarrer, um seinen Eintritt zu melden; aber da hatte er schon die schriftliche Ansage des Domherrn in der Tasche, wonach er im Falle seines llebertritts beit Bau der Basilika bekommen werde. Dann begannen die großen Borbereitungen. Frau Littauer ließ neben dem Herrenhaus eine prachtvolle Kapelle erbauen, denn sie wollte in ihrer eigenen Kirche dem einzigwahren Glauben zuschwören. Das nimmt sich so viel nobler aus. Dann mußte man die Taufpaten beschaffen. Frau Zittau er beanspruchte als solche Baron und Baronin Szentpnty, und Littauer mußte sich ruhig dareinfinden. Dann wollte Frau Littauer eine öffentliche Feierlichkeit haben, und der arme Littauer mußte viele Tausende verausgaben, nur damit die Tagesblätter über die Pracht des Tauffestes Wunderdinge schreiben sollten. Frau Littauer trieb ihren Mann an, er möge doch schon endlich den Zeitpunkt des wichtigen Aktes festseßen. Littaner aber ließ sich nicht aus seinem Gleichmut bringen. Er verlangte zuerst den genauen Termin für die Konzession. Endlich nmrbc der Termin festgesetzt. Für denselben Tag hatte Littauer den Uobertritt bestimmt mit einer Stunde Differenz zu seinen Gunsten. Mit einem Worte, er wollte sicher gehen. Frau Littaner war an dem großen Tage aufgeregt, Littaner noch mehr. Die Frau erwartete die vornehmen Gäste: Baron und Baronin Szeutpüly, den Grasen v. Rikittyo, den Bischof, den Abgeordneten und die Journalisten. Littaner aber erwartete das Telegramm über das Ergebnis der Konkurrenz. Littaner Paradierte im ungarischen Galaanzug, doch war er nlißmutig. Müde ließ er sich im Armstuhle nieder und dachte nach. Das Uebertreten ist doch keine leichte Sache. „Es wird wundervoll sein," lächelte Frau Littauer, die unter den vielen Schmucksachen, mit welchen sie sich bei diesem Anlasse beladen hatte, schier zusammenbrach. „Denk dir nur, wie rührend es sein wird, wenn bei unserem Eintritt in die Kapelle unsere Orgel ertönen wird." „Wird auch gesungen werden?" „Wie denn nicht. Kantor Garas wird singen." „Der Garas? Der hat doch keine Stimme. Ich sag' dir, dieser SchmadJ hätte ein anderes PonemJ, wenn uns der Kantor Treihaft singen würde." „Der Treihaft?" entsetzte sich Frau Littauer. „Aber so lasse doch schon jene Juden. Höre mich an, etwas bedrückt meine Seele. Littauer, nach Ablauf von anderthalb Stunden werden wir Christen sein." „Alle Frad of üns!"'') „Es wäre gräßlich, wenn wir keine guten Christen wären. Versprich nur also, daß, wenn du den Ban der Basilika bekommen wirst, du die Heiligen aus echtem Karraramarmvr Herstellen lassest." Littauer sprang von seinem Sitze auf: „Ist das ein Geschäft?" rief er verzweifelt aus. „Rieht an dem lieben Gotte sollst du deinen Nutzen suchen," entgegnete Frau Littauer salbungsvoll. (Fortsetzung folgt.) Littrsrilche Mitteilungen. —;] i! r G e s ch i ch t e der a l t t e st a m e n t a r i s ch e n R e l i - g i o ii i ii i h r e r n n i v e r s n l e n P e d e n t n n g. Zlvei akademische Reden von Wolf Wilhelm Grafen Bandissin. Verlag von Georg I Tanse. -) Gesicht. :t) Dann sind wir schon glücklich. Stilke. Berlin NW 7, Hofbuchhändler Sr. Kaisers, und Köiiigl. Hoheit des Kronprinzen. 1914. Bon diesen beiden hochbedeutenden gehaltvollen akademischen Reden, die um so größeres Gewicht besitzen, da sie an der Berliner Universität gesprochen worden sind, ist in diesen Blättern schon die Rede gewesen; daß sie jetzt znsammengedrnckt als Broschüre in vornehmer Ausstattung vorliegen, ist froh zu begrüßen. Es find Bekenntnisse eines lühten Geistes in schöner Form, wohltuend durch die Klarheit der Sprache und durch die Vornehmheit der Gesinnung. Da es nicht möglich ist, in einer kurzen Besprechung alle reichen Gedanken des Heftchens darznlegen, so begnüge ich mich, ein paar Sätze mitznteiten, die die Hauptabsicht des Verfassers in seiner zweiten Rede erläutern, -^ie lauten: „In der Gesamtknltirr ist es immer abhängig gewesen von den umwohnenden Völkerschaften. Dagegen ist durch die Vermittlung des Christentums die nlttestameutliche Religion von Bedeutung geworden für die religiöse Anschauungsweise der auf der Höhe der Kultur stehenden Menschheit. Ich fasse deshalb den Nationalismus ans religiösem Gebiete bei den Israeliten ins Auge. Gerade er scheint mir lehrreich' zu sein für das Verhältnis zwischen dem, was national bestimmt ist, und dem, was der Menschheit gilt . . . Es war die bestimmt jüdisch-national gefärbte Form des Glaubens an Gott und sein Reich, die in das Christentum herübergenommen wurde. . . Tatsächlich ist das spezifisch national Bestimmte znm Universalen gewvrden. Die christliche Bitte, daß Gottes Reich kommen möge, ist unverkennbar der Ausdruck allgemein menschlichen Strebens in einer religiösen Form. Die Bitte ist der Herkunft nach israelitisch, dem Sinn nach allgemein human." L. G. * — Essays zur Religionspsychologie. Von Prof. Dr. Georg Runze. Verlag Deutsche Bücherei, Otto Koobs, Berlin W 57, Bülowstr. 89. Nr. 182/188. Preis 1 Mark. Die interessante Sammlung enthält allerdings manches, was für unsere Zwecke nicht in Betracht kommt. Sehr interessant ist aber ein Aufsatz des Buches, der einen großen Teil des Bändchens füllt und den Titel führt: „Die Stellungnahme zum Unsterblichkeitsglauben im Konfuzianismus, im Buddhismus und im Alten Testament und ihre neueren Parallelen." Ans S. 70 bis 88 wird der Unsterblichkeitsgtanbe im Alten Testament und in anderen jüdischen Schriften behandelt mit Anführung zahlreicher Stellen aus der Bibel. Die Schlußfolgerungen, zu denen der Verfasser gelangt, sind diese (S. 86—87): „Mag nun ein dogmatischer Zusammenhang zwischen der neutralen Ienseitslchre und der positiven Theologie in dieser over Mer Weise nachweisbar sein oder nicht, jedenfalls darf man in dem Fehlen bestimmter Vergeltungsideale nicht auf einen Mangel in der mosaischen Gotteslehre schließen. Aber steht etwa der sinnlich gerichtete Islam, der seine praktische Ethik znm guten Teil <tuf die Paradieseshoffnunoeit gründet, höher als das aus dem Mosaismus hervorgegangene spätere Judentum, zu welchem die Religion Mohammeds gerade in bezug aus die Auferstehungslehre sich etwa wie ein üppig wuchernder Schößling verhält? Ueberdies ist der Begriff eines ewigen Lebens im Sinne einer zeitlich endlosen Fortdauer schon dem Pentateuch nicht fremd. Nach dem jahvisüschen Genesisbericht bewirkt erst der Verlust der Unschuld die Austreibung aus der Stätte, da der Baum der Unsterblichkeit stand. Der Tod ist ein Nebel, folglich Strafe für die Sünde; aber mit der Borstellung eines unsündlichen Lebens, wie es dem Gebote Gottes entsprechen würde, verbindet sich offenbar die Vorstellung von der Möglichkeit eines dem Tode enthobenen Lebens. Der relative Verzicht aus das Fortleben fließt somit nach israelitischer Anschauung ans ethischen Motiven, während die Beweggründe, von welchen der mohammedanische Ienseitsglaube geleitet wird, den selbstsüchtigen Charakter des natürlichen Lebenstriebes nicht verleugnen. Auch die israelitische Stellungnahme zur Unsterblichkeit steht unstreitig in solidarischem Zusammenhänge mit der Gotteslehre, aber eben mit dem ethischen Charakter des gottesfürchtigen Monotheismus; und dieser Zusammenhang'weist keine unmittelbare Folgerichtigkeit, keine glatte Parallele auf, sondern überrascht durch den merkwürdigen Kontrast, welchen wir einstweilen als geheimnisvolles Rätsel anzuerkennen haben: der positive Glaube an den heiligen, allmächtigen und gütigen Gott einerseits, der relative Verzicht auf ein ewiges Leben anderseits." L. G.^ *