Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1914)
- Date
- 1914-10-23
- Page
- Seite 515 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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- Haman 1× ep/1004757
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515 Eine Weile noch stehe ich vor meinem Hause. Blicke über den weiten Platz, fort in die Ferne, zu den Bergen. Nun weiß ich es plötzlich, nun wird es mir klar. Ein mächtiges Gefühl durchströmt mich! Flüchtlinge seid ihr aus fernen Gebieten. Ihr kamt hierher, fremd. Wer kannte euch? Wir aber kamen zu euch, alle mit freudigem Herzen, euch zu helfen. Wir fühlten es mit einem Male so jung, so stark: eins seid ihr mit uns, wir alle in den fernsten Ländern find eins, ein einzig Volk! E d u a r d K a u f m a n m Der neue Christ. Roman von Peter Ujväri. Uebersetzt von Rosa Trencsvni. (Fortsetzung.) rau Svnngvtt war beim Abschiednehmen kühler als beim Empfang. Else hingegen war freundlicher. Mit ihrem Mädcheniustinkt hatte sie herausgefühlt, daß sie soeben ihren größten Sieg geerntet habe. Weltliche Interessen sind nicht imstande, diesen hartköpfigen Menschen in seinem Glauben wankend zu machen; aber es gibt doch ein Interesse, welches ihn wankend machen wird. Else glaubte dies mit der Kraft der Ueberzeugung. Und sie freute sich bei diesem Gedanken und fürchtete sich auch ein wenig. Seit, langer Zeit kannte sie Gastvn und liebte ihn schon längst im stillen. Sein Ernst gefiel ihr, und nach seiner stattlichen Mannesgestalt formte sie die Helden der verstohlen gelesenen Romane, die alle schön, tapfer, allsdauernd und in ihrer Ueberzeugung unerschütterlich waren. Sie kannte Gastons Gefühle, lvußte, daß auch er sie liebe und nur darauf warte, daß man ihn zum Professor ernenne; dann erst würde er uin ihre Hand anhalten. Darin waren sie schon übereingekommen. Vom Glaubenswechsel wlirde nicht gesprochen. Bis zum heutigen Tage hatte sie den Uebertritt Gastons als ganz natürliche, selbstverständliche Sache ausgefaßt. Aber jetzt stiegen ihr Zweifel auf. Ihre Eltern— das ersah sie aus dem heutigen Gespräch — stellten den Uebertritt zur Bedingung. Gastvn ist nicht der Mann, der sich Bedingungen stellen läßt. Wie sich wohl Gaston entscheiden wird? Auch Gastons Seelenzustand war kein ruhiger. Zu Hause bestürmte ihn seine Mutter, und auch sein Vater wollte durchaus haben, daß er seine Meinung äußern solle. Er hätte diese in kurze Worte fassen können: der Uebertritt der Mutter sei eine Eselei, derjenige des Vaters eine Schufterei, aber ans so schroffe Art wollte er sich nicht ausdrücken. Einmal hatte er zu seinem Vater gesagt: „Schau, Vater, du kennst meine Ansicht. Was an dem Kleide die Verzierung ist, das ist der Ritus an der Idee. Er hat nicht viel Sinn, und wenn man ihn von der Idee loslöst, so. tut man klug daran. Aber wenn ihn jemand für mehr als das ansieht, sei es, daß er ihn nur für so viel hält als den Mörtel an dem Hause, so rühre er nicht daran, kratze ihn nicht ab, denn es könnten auch ein paar Ziegelsteine locker werden und nachstürzen, was aber schon zum Wesen der Sache gehört." „Das verstehe ich nicht," gestand Littauer aufrichtig. „Vielleicht kann ich deutlicher sprechen. Du bist ein polnischer Jude und — verzeihe — kein gebildeter Mensch. Das Wesen der jüdischen Religion ist dir unbekannt. Um bei einem Beispiel zu bleiben: Du kennst das Innere des Gebäudes nicht, kennst weder seine Konstruktion/noch seine Einteilung, du hast immer nur sein äußeres Mörtelwerk gesehen, das die Talmudgelehrten darauf geklebt haben: die Vorurteile, den Aberglauben, die Gebräuche. In diesen lebst du, in diesen bist du Jude. Haman hat niemals gelebt, noch König Ahasveros und Königin Ester, aber für dich ist Purim dennoch das Fest der Befreiung des jüdischen Volkes. Die heilige Schrift befiehlt nirgends, daß du unbedeckten Hauptes nicht beten, nicht essen, nicht trinken sollst, aber du glaubst, das wäre das Wesen des Judentums. Die Wichtigkeit des Jomkippur sehet ihr darin, daß ihr im weißen Hemde und in Strümpfen betet. Die Simches-Thora-Liturgie, ihr Rituale, ihre innere Bedeutung gelten euch nichts, aber, daß euch die Frauen von der Galerie mit Zuckerwerk und Nüssen bewerfen, das befriedigt euer religiöses Gefühl. Das Rassenbewußtsein ist euch verloren gegangen, bloß der Instinkt der Religion lebt in euch. Wenn du auch diesen erstickst, was bleibt dann noch vom Juden in dir?" „Eben davon ist ja die Rede, mein Sohn. Deine Mutter will, daß nichts übrig bleibe." Gastvn sah ein, daß es verlorene Mühe sei, vom Standpunkte höherer Auffassungen die Bedeutsamkeit des Uebertritts zu beleuchten. Er versuchte daher mit feinem Vater auf andere Weise, ganz volkstümlich, zu sprechen: „Welche Resultate erwartest du von deinem Uebertritt? Solange du lebst, bleibst du immer ein Jude unter de» Ehristen. Denke nicht, daß sie dich jemals als ihresgleichen betrachten werden. Ins Gesicht werden sie mit dir vielleicht freundlich tun, hinter dem Rücken werden sie dich verlachen, verspotten und sagen: dieser Jude ist noch schlimmer als der ungetanste Jude. Du wirst dich keiner Arbeit, keines Erfolges freuen können, denn Juden sowie Christen werden sagen, cs sei der Lohn für deinen Glaubensabfall. Die Christen werden dich so ansehen, als ob du ihnen den Bissen vor dem Munde wegessen würdest, welcher von Rechtswegen ihnen gebührt, und die Juden werden dich ansehen, wie man den Verräter ansicht, dem man das Allerschlimmste zutraut. Du wirst zwischen zwei Welten schweben. Die eine hat dich hinausgestoßen und die andere will dich nicht aufnehmen." Littauer hörte diesen Reden aufmerksam zu, beschäftigte sich mit ihnen eingehend mehrere Tage hindurch, um schließlich zu dem Ergebnis zu kommen, daß er das Judentum, von welchem Gaston sprach, nie verstanden habe und nie verstehen werde. Wahrscheinlich werde er auch das Christentum nicht verstehen, und so könne er weder verlieren noch gewinnen. Nur eins schien ihm übrig zu bleiben: die Welt des Geldes. Gaston erörterte die Sache nicht länger. Er ging hinüber zu Sonngotts, und jetzt gelang es ihm, mit Else unter vier Augen zu sprechen. „Gaston, entscheiden Sie sich noch nicht," bat ihn Else. „Sie wissen ja, daß ich Sie liebe, längst habe ich es Ihnen schon gestanden. Ich wäre unglücklich, wenn ich nicht Ihre Gattin werden könnte, aber ich wäre auch dann unglücklich, wenn ich glauben müßte, daß ich mich in Ihnen getäuscht habe, daß Sie nicht jener starke Mann sind, für den ich Sie gehalten habe, daß Sie nicht der Mann sind, welcher die anderen um Kopfeslänge überragt. Sie waren immer mein Held. Sie sollen nicht gleich beim ersten Zusammenstoß schwach und mutlos sein. Du lieber Gott, ich weiß ja, daß Sie sich taufen lassen müssen, aber ivarten wir noch. Geben Sie mir Zeit! Lassen Sie mich erst an den Gedanken gewöhnen, daß auch Helden sich ergeben!" Gaston beruhigte sie. Sie möge keine Furcht haben. Was immer er auch beschließen würde, unmännlich werde es nicht sein. Dann ging er nach Hause, um seinen Koffer zu packen. Er erklärte, daß, wenn er sich auch zum Uebertritt entschließen würde, er unter keinerlei Umständen mit seinen Eltern zugleich übertreten werde. „Aber es wäre doch so viel feierlicher," redete ihni die Mutter zu.