Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1914)
- Date
- 1914-10-23
- Page
- Seite 514 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Ein zweites Licht huscht in das Wasser. Viele danach, unzählige. Alle seine Lichter zündet der Strom an. Die kleinen, armen, die reichen, mächtigen: zuckende Kerzen, stammende Fackeln. ■ i Wv sah ich gleiches schon? Ich sinne, sinne — und gehe Plötzlich durch die Ghettos Mährens, Ungarns, Galiziens. Wo am Abend, wenn der Sabbat kommt, Lichtlein neben Lichtlein in den Häusern aufflammt, und glimmenden Feuerschimmer über die Straßen >virst. — Freitag abend ist heute. — Ich will ins Judenviertel! Zu den Flüchtlingen aus Galizien und Belgien. Will bei ihnen sein, wenn der Sabbat kommt! Vor den: Hause, in der Straße abseits, steht eine Menge Menschen. Männer, Frauen, Kinder! Ich war gestern schon hier, und viele Tage vorher. Und es ist immer das gleiche: als wäre ich eben erst fortgegangen. Kleider, Wäsche, Schuhe werden hier an jüdische Flüchtlinge verteilt. -Hunderte, Hunderte kommen täglich, und der Vorrat in den Speichern geht nicht M,s. Denn jeder schenkt: der eine von seinem Ueberfluß, der andere von dem, was er entbehren kann. So seltsam ist das! Man kann das Sinnen nicht lassen. Dort durch das Tor ziehen die Menschen, die schenken; hier durch das zweite die Armen, die der Gaben bedürfen. — In langen Reihen stehen sie hier und vor dem Hause in der Seitenstraße, in dem Geld verteilt wird. Wer früher kommt, zuvorderst, die Späteren danach. Und während sie sehnsüchtig nach dem Eingang blicken, ungeduldig, daß schon an sie die Reihe komme, ziehen die Beschenkten rasch, beglückt davon. — Die anderen sehen ihnen nach, voll Zweifel, voll Angst: wird auch für sie noch etwas bleiben? — * Es ist still geworden. — Die Straßen, in denen noch vor einer Stunde Tausende von Flüchtlingen standen, sind fast einsam. Sabbat! Er kam so rasch, so unerwartet für diese Armen, daß sie sich gar nicht vorbereiten konnten. — An einem kleinen Bethaus komme ich vorbei. Trete ein. Der kleine Raum über lind über voll. — Und ich vergesse alles, >vas ich eben gesehen, fühle mich plötzlich eingehüllt in die Weihe, die hier herrscht. Etwas Heißes, Fieberhaftes liegt in den Zügen der Menschen! Das leise Gemurmel erstirbt. — Es ist still. — Die Stille hat etwas Schweres, Drückendes! An daheim denken sie wohl! Ihr Heim taucht vor ihnen auf, das Heim des Juden, das sein höchstes Glück beideutet. Sabbat ist's! In ihrer Stube sehen sie sich nach mühevoller Woche, mit denen, die ihnen lieb und teuer sind! Wohin schwand dies alles? Glühender Haß steigt auf gegen den Feind! Vergeltung für die jahrzehntelangen Qualen und Martern! O vernichte unseren gräßlichsten Feind, das russische Volk! Q Ewiger! Irgendeiner stöhnte es: O Ewiger! Und das Wort bricht die Stille! Aus den angsterfüllten Herzen quillt es gegen den Himmel: Ewiger! o hilf!-— In dem Bethaus nebenan, in der Synagoge auf dem weiten Platz, überall dasselbe. --- Mir ist's, als reichten sie einander die Hand, alle, alle über die Stadt, das Land, über die weite Welt. — * Alis der Straße nach dem Gottesdienst! - Sie sind noch erfüllt vom Gebet! Treten aus dem Gotteshaus. Wollen heimeilen. Wohin? Und blicken sv verwirrt, so haltlos in die Weite! Der leise Abglanz schwindet aus den Gesichtern! Not und Unglück prägen sich darein! Einer sieht den anderen an! Bin wie du! Und verstummt. Einen Augenblick stehen die Tausende still. Unsagbar groß diese Unbeweglichkeit, dieses Schweigen! Sabbat unter freiem Himmel! Nur da und dort droben ein flimmernder Stern. — * Einige gehen in ihre Wohnung! In ihr Zimmer, in dem die ganze Familie Platz finden muß. — Einem großen Zuge Menschen schließe ich mich an. — In die jüdische Volksküche ziehen sie. In vierfachem Turnus findet die Ausspeisung statt. Hier und in zahlreichen anderen Räumen. — Die Helle, die Wärme, das L-icht zaubern ihnen den Sabbat vor! Um die langen Tische sitzen die Hungernden! — Erquicken sich dann an Speise und Trank! Hunderte andere harren draußen, die Speisemarke in der Hand! — Sie alle kommen daran. Das Glück, das ich hier spenden sehe, bewegt mich so tief. Ich trete wieder auf die Straße. Der Knabe vor mir weint: er hungert! Ich schaffe ihm Einlaß! — Der Frau dort auch, die an der armseligen Marktbude lehnt. — Andere kommen auf mich zu. Ich gehe hastig davon: schwach, hilflos. * An der Straßenecke stehe ich! Diele Flüchtlinge ziehen an mir vorbei. Sie machen einen dunklen, düsteren Eindruck in den langen, schwarzen Kaftans. Einen von den anderen spreche ich an. — Es ist immer dasselbe. Das gleiche, traurige Geschick! Alles ließen sie daheim, flüchteten vor dem Feinde hierher! Etwas Schönes, Leuchtendes ist in all den Geschichten: freudig wollen sie das Opfer bringen, wenn der Feind mir besiegt wird, wenn sie ruhig heimkehren können. — Stolz, Kraft liegt in ihren Worten: wenn sie von den Söhnen erzählen, die im Felde stehen. In ihren Augen leuchtet es: sie werden siegen! * . Ein Jude schleppt sich mühsam, auf seinen Stock gestützt, weiter. Bleibt stehen und spricht einen anderen an. Eine kurze Weile; dann stelzt er weiter. Will auf mich zükömmen. Ich mache ihm's leichter. „Was -sucht Ihr", frage ich. „Mein Weib und mein Kind!" Und ich kann ihni nicht Helsen. Er war in der Nachbarstadt und flüchtete von dort. Konnte Weib und Kind nicht mehr erreichen. — Weiß niemand von ihnen? Sind sie noch am Leben? Sind sie geflüchtet? Er schleppt sich weiter. Jeden hält er an. „Herr, wißt Ihr nicht, wo sie sind, mein Weib und mein Kind?" Von der Nebengasse höre ich leise: mein Weib und mein Kind? * Mitten durch die Menge geht ein Knabe. Sechzehnjährig vielleicht. Mager, mit eingefallenen Wangen, dunkle Locken an der Stirn. In langen Kaftan gehüllt. Eine schwere Last am Rücken! Er kommt eben vom Bahnhofe. Ist viele Tage lang am Wege.- Und sucht nun Wohnung. Wie ich den Knaben dahinziehen sehe, die Bürde am Rücken, mahnt's mich so stark: „Wandere, Jude! Wandere weiter!" Wann endlich wirst du Ruhe finden? * Ein Jubelvuf! Zwei Menschen halten sich umschlungen, so glücklich, so innig. — Zwei Juden aus demselben Dorfe haben sich getroffen! Waren einander im Dorfe fremd. Hier in der Stadt schließen sie sich inniger zusammen. Ist das nicht die Heimat, die sie wieder fanden? O Langsam werden die Straßen menschenleer. — Ich gehe heim. Vorbei an den Marktbuden. Dort an der schwach brennenden Laterne lehnt ein greiser Jude. Blickt vertieft in sein Buch: er lernt! Leise, ihn nicht zu stören, gehe ich davon! *