Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1914)
- Date
- 1914-10-23
- Page
- Seite 513 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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513 kläglichem Gewinsel mit Tod und Leben. Es war ein Sonnabend, da dieses Unglück geschah, und eine Gesellschaft junger Judenbnrsche in festlicher Kleidung gieng am User des Flusses spazieren. Die klagende Menschenstimme lockte sie eiligst herzu, und einer dieser Jünglinge sprang, wie er war, ohne seine Festkleidung abzulegen, n o ch z u be d enk en , o b es recht sey, solche Th at am S a b b a t h z u t h u n, in den Fluß, und rettete die Verunglückte - eine gute Hausfrau ihrem Manne, und eme zärtliche Mutter ihren -llindcrn. Der Ruf dieser That kam vor dem Retter schon ins Städtchen, unv der Mann der geretteten Frau gieng ihm mit seinen Kindern entgegen, dankte mit Thränen dem braven Israeliten, und bot ihm ein Geschenk, so groß ers nach seiner Armuth vermochte: allein, er schlug es mrs. Die Herrschaft des Städtchens wollte ihm ihre Achtung bezeigen, und lud ihn aufs Schloß: allein, der edle Jüngling, der nicht im Städtchen wohnhaft war, gieng still in seine Heimath zurück, und noch weis ni an nicht einmal seinen Namen. I h m w a r e s g e n u g, de n Willen Gottes zu befolgen, der nicht den Christen und Juden seinem Glaubensbruder, sondern einen jeglichen Menschen seinem Nächsten empfohlen hat -- er sey Priester, Levit oder Samariter. Das fünfte Stück: „Gewissenhafte Entscheidung eines st r e i t i g e n F a l l e s i m W e ch s.e l g e s ch ä f t c Don eine m j ü dischen K a u f m a n n", ist sehr lang ausgedehnt und nur durch einen Brief Moses Mendelss o h n s interessant, der als eine Art Orakel in allen diesen Dingen galt. Die Antwort des „Weltweisen" lautete: „In der That, haben Sie beh Schließung des Vergleichs zugegeben, und sich stillschweigend gefallen lassen, daß der Schuldner etwas von seinem Vermögen behalte, wo nicht zum Besten anderer Gläubiger, doch wenigstens zum Besten der Seinigen, die er unterhalten muß. So lange Sie also keinen Grund haben zu vermnthen, daß er zu mehreren! Vermögen gekommen, als Sie damals geglaubt, sind Sle allerdings verbunden, ihm zum Besten der Seinigen auch ein abg e n ö t h i g t e s V e r s p r e ch e n zn halten." Mir ist nicht bekannt, ob dieser Brief in der Sammlung Mendelssohnscher Briese enthalten ist; möge er darum jedenfalls hier stehen. 6. M i l d t h a t i g e und tolerante Gesinnung eines Juden gegen C h r i st e n. Die evangelisch-lutherischen Einwohner der Stadt Zierend erg in Niederhessen haben vor einigen Jahren von dem Fürstlichen Konsistorium in Cassel die Erlaubniß erhalten, sich von einem lutherischen Prediger in der Nachbarschaft in der dasigen reformirten Kirche das! heilige Abendmahl reichen zu lassen. Dieß ist auch schon öfters von! einem lutherischen Geistlichen aus einem benachbarten Waldeckischen Orte geschehen, wodey ihnen der reformirte Prediger, Beamte und Einwohner zu Zierenberg zu ihrem Ruhme allen möglichen Vorschub geleistet haben. Der Vorsteher dieser lutherischen Gemeine — ein nichteingeborener Handwerker — nahm sich der guten Sache mit Eifer an, sammlete nach erhaltener Erlaubniß beh einigen Gliedern der lutherischen Gemeinde in Cassel, um nicht nur die nöthigen Geräthschaften zur Haltung des heiligen Abendmahls anzuschaffen, sondern auch ein kleines Kapital zu erwerben, von dessen Zinsen die übrigen Unkosten jedesmals bestritten werden könnten. Dieser Vorsteher kömmt unter andern in ein Haus, wo er seine Schrift vorzeigt, etwas empfängt, und wieder weggeht. Gerade war ein Jude aus Cassel zugegen, der sich erkundigte, zu welchem Behrste diese Sammlung geschehe. Als er die Ursache vernahm, sagte er: „Ey, das ist ja vortrefflich, ich wollte gern auch etwas dazu geben, wenn ich wüßte, daß es der Mann annähme." Als man ihm diesen Skrupel gehoben, läuft er zum Haus hinaus, den Einsammler'zurückzurufen, kann ihn aber nicht mehr erreichen. Er kam zurück, legte einen halben Laubthaler auf den Tisch mit der Bitte, wenn etwa der, der jenen Vorsteher herumgeführt habe, wiederküme, so möchte man ihm es zustellen, damit es an Ort und Stelle gelange, doch ihn nicht dabeh nennen, sondern nur sagen, daß es von einem ehrlichen Juden sey. G eh e -h in P r o t e st a n t u n d K a t h o l i k, u n d t h u e i n ü h n - l i ch e m F a l l e e i n G l e i ch e s! Davon sagen die „Annalen" allerdings nichts, wohl aber von der Wohltätigkeit eines Franziskanerpriesters gegen einen polnischen Juden. In einem weiteren Bericht: „Belohnte Redlichkeit des getauften Juden David", wird erzählt, wie sich dieser David zum Schillzen der Weltstadt I e t t e l s e r aufgeschwungen habe! Nun möge noch das letzte Stück im Urtext folgen: 9. Ansetzung des j ü d i s ch e n Doktors H o ch h etmc r a l s A r z t auf einer L i ch t e n st e i n i s ch e n H e r r s ch a f t. Ein wackrer Jude, Namens H o ch h e i m e r, welcher zu F r e y - bürg die Heilkunde studirt hat, und daselbst Doktor geworden, kam mit den besten Zeugnissen von der dortigen Universität und den edelsten vorurtheilfreyesten Einwohnern versehen, nach Wien, um hier zu prakticiren. Er unterwarf sich einemabermaligen Examen, und bestand zur allgemeinen Zufriedenheit. Der Doktorhut giebt uun zwar das Recht zu kuriren: aber keine Kranke, die sich müssen kuriren lassen. Ueberzeugt von seinen Fähigkeiten, Kenntnissen, gutem Willen, und unermüdeten Fteiße, lvollte er die Kunst nicht durch Charlatane je entweihen. Und er hatte demnach keine Patienten, folglich keinen Verdienst. D e n u e r w a r k e i n M a u l a r z t, u n d n o ch o b e n d r e i n ei n I u d e. Er mußte oft mit leerem Ntagen studireu, und seine Patienten waren arme Leute, die er mit aller Treue behandelte nnd gesund machte. Der Fürst K a r l L i ch t e n st e i n, der ehemals zu Güttingen studirte, erfuhr dieses verkannten Mannes Schicksal, und er lies Ihn zu sich rufen. „Herr!" sagte Er: „Wollen Sie auf einer meiner Herrschaften leben, so setze ich Ihnen ein jährliches Gehalt von 500 fl. aus. Heilen Sie meine armen kranken Unterthauen. Scheint Ihnen in einigen Jahren keine bessere Glückssonne: so werden Sie eine Zulage erhalten." Da ihm Hochh e i m e r seine Dankbarkeit für dieses Anerbieten bezeugen lvollte, antwortete der Fürst: „Meine Unterthanen werden Ihnen danken. Ich brauche einen Arzt, und keinen Dank. Eilen Sie, damit Sie bald an Ort nnd Stelle kommen." Und auf diese Art ist ein Mann versorgt worden, der viel Gutes stiften wird, da ihm ein Feld eröffnet ist, wo er seine Talente und Kenntnisse anwenden kann. Das von mir erworbene Büchlein muß vor langer Zeit einmal in einer jüdischen Familie gewesen sein. Gerade die Seiten, die von den hier erzählten Tatsachen handeln, sind eingekniffen und zeigen teilweise durch Wasser verursachte Defekte. Vielleicht sind Tränen des Mitgefühls darauf gefallen. Flüchtlinge. Beptember im Verklingen. — Ein Tag, an -dem ich den Herbst so stark empfinde. — Nicht, daß ich durch Gärten ginge, in denen das welke Laub mich mahnte; nicht, daß siechende Wiesen, Felder ohne Frucht mich erinnerten. Durch die Straßen der Stadt gehe ich. Müde, langsam. Es ist windstill. Dann -und wann gleitet die Sonne durch die Wolken. Aber gerade diese Sonne mahnt mich so weh. Sie ist müde, traurig. Als wollte sie uns Trost spenden; aber sie glaubt nicht an seine Kraft. Wie, wenn ein Kranker sich mühsam aufrichtet, und lächelt: O nein, ich bin nicht krank! Und sinkt zurück. Und ich komme ans der ungarischen Tiefebene, wo die Sonne vor Tagen noch flammte, wo ich darin jauchzte und jubelte. Die Sonne, die stirbt, zeigt mir den Herbst. — Längs des Stromes gehe ich, spinne mich ein in traurige Gedanken. Alles Helle weicht; ich kann es nicht erhaschen. Ich gehe weiter, den Bergen zu. — Der Abend kommt, die Dämmerung; ich möchte mich an schm iegen an sie; ich habe sie lieb. - Ueber den Weg huscht etwas. Wie verklärt sieht er einen Augenblick aus. Ich schaue auch. Ein Licht zittert im Strom! Irgendwo in der Ferne ward es entzündet, —- -