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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-10-23 · Heft 43 (23.10.1914) · p. Seite 512

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 43 (23.10.1914)
Date
1914-10-23
Page
Seite 512 (sequence 8)
Language
German
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512 daß der ausgezeichnete und wohlverdiente Arzt ein frommer Mann war und geblieben ist. Er sagt einmal: „Der Gott, an den ich immer glaubte, der mir nie den Lebensmut sinken ließ, war mir gnädig." Seine Zugehörigkeit zum Judentum spricht er einmal in folgenden Worten aus: „Dieses Bewußtsein einer alten geschichtlichen Bedeutung des jüdischen Glaubelts und die Pietätvolle Liebe 511 meinen Eltern, die tiefe Anhänglichkeit an ihre innigen Herzensempfindungen, nicht zuletzt andf) die Scheu vor Anwendung des Nützlichkeitsprinzips, allch die tiefsten seelischen Vorgänge des eigenen Ich haben mich stets den Gedanken an die Taufe ohne innere Ueberzeugung weit von mir weisen lassen. Mir erschien und erscheint noch ein Abfall vom Judentum wie eine öffentliche Absage an meine Familie und an alle die Tugenden, welche ich als Kind an den Märtyrern des jüdischen Glaubens bewundert hatte. Dieses Empfinden konnte durch keine Zurücksetzung, Kränkung, Schmähung imb Unbill, welche ich nicht selten im Leben als Jude erleiden mußte, ausgelöscht werden." Das sehr anregende Buch, ails dem wir demnächst Proben mitteilen wollen, sei allgemeiner Beachtung empfohlen. Möge der verdiente Mann sich nodj lange seiner Tätigkeit erfreuen können. Uns vergilbten Müttern. Mitgeteilt von Dr. L e 0 p 0 l d H i r s ch b e r g , Berlin. ürzlich fiel mir ein Buch in die Hände, das auf das immerhin ganz respektable Alter von rund 120 Jahren zurückblicken kann. Es sind die „Annalen der bürgerlichen Tugend oder wahre Fakta zur Bildung des Geistes und Herzens", 1792 zu Flensburg und Leipzig in der Kortenschen Buchhandlung gedruckt; ein zweiter Teil ebendort im Jahre 1796. Der ungenannte Herausgeber verfolgt damit den Zweck, durch Mitteilung wahrer, aus glaubwürdigen Berichten stammender Begebenheiten die Gesinnungen der Liebe, Wohltätigkeit und Toleranz zu erwecken. Gewiß ein edles Ziel! Aber das Menschengeschlecht läßt sich lveder durch Schriften noch durch Taten beeinflussen, und was Wotan zu Alberich sagt: „Alles ist nach seiner Art, An ihr wirst du nichts ändern" wird immer wahr bleiben. Nicht wenige dieser Mitteilungen betreffen Handlungen j ü - di scheu Edelmuts. Diese Hervorhebung der Konfession als etlvas besonders Eharakteristisches spiegelt den Geist der Zeiten aufs deutlichste wider; der Zeit-en, in denen die Juden nicht nur fast aller Menschenrechte beraubt waren, sondern allgemein für Lebewesen untergeordneter Gattung betrachtet wurden. So möge denn der wörtliche Abdruck einiger dieser Episoden lediglich als Illustration der Worte von Fausts Famulus dienen: „Verzeiht! Es ist ein groß Ergötzen, Sich in den Geist der Zeiten zu versetzen. Zu schauen, wie vor uns ein weiser Mann gedacht, Und wie wir's dann zuletzt so herrlich weit gebracht." 1. Edle W 0 h t t h ä t i g k e i t eines Juden gegen einen leidenden E h r i st e n. Zu Manheim wurde im Jahre 1788 der reformirte Prediger, Herr Kirchenrath K r i b e l, zu einem Kranken gerufen, der mit der äußersten Armuth zu kämpfen hatte, und bey dem alle Leiden der Menschheit vereinigt zu sehn schienen. Kälte, Blöße, Hunger und die heftigsten schmerzen quälten ihn zu gleicher Zeit. Ter gefühlvolle Geistliche ward bis zu Thrünen gerührt. Er sprach dem Kranken zwar Trost und Vertrauen auf Gottes Vorsehung ein: aber helfen konnte er nicht und gieng mit weinenden Augen von diesem Schauplatze des menschlichen Elendes hinweg. Unterwegs überließ er sich eben der: traurigsten Vorstellungen, als ihm der menschenfreundliche Herr von Lamezan begegnete, der sein beträchtliches. Vermögen beynahe zur Linderung des menschlichen Elendes verwandt hat. Dieser las die schwermüthigen Vorstellungen des Predigers auf seinem Gesichte. Er erkundigte sich nach der Ursache seines Kummers, und erfuhr sie unverhohlen. Er kam, sah das Elend, und leistete Hülfe. Er ließ die Lagerstätte reinigen, sorgte für Nahrung und Arzneyen, und erhandelte beh einem Juden einige Möbels mit einem Bette. Er wurde um 6 Louisd'or mit dem Juden einig, welcher das Bette in die Hütte des Elenden trug. Hier wurde der Jude von dein traurigen Anblick so gerührt, daß er dem Herrn von L a m e z a n die ganze Geräthschast für 3 Louisd'or, dafür er es einige Tage zuvor eingekanft hatte, überlassen wollte. Dieses Anerbieten nahm Herr von Lamezan zwar an: übergab ihm aber dennoch für seine Bemühung einen halben Louisd'or. Und der großen üthige Jude drückte dieses Geldstück dem Kranken in die abgezehrte Hand, mit den Worten: Hier Freund! lindere dein Elend mit dieser Gabe. 2. Wohlthät-igkeit eines I u b c n gege n ch r i st l i ch e A r m e. In der Anhältischen Stadt G. wurden die christlichen Einwohner zu einen: sreywilligen Behtrage zu einer gewissen gemeinnützigen Absicht ermuntert. Aus Gründen, die nur von Bornrtheiten eingenommene Leute überzeugen können, verweigerten ihn alle. Wahrscheinlich durften aber die Besserdenkenden, wegen Mehrheit der Stimmen, nicht thun, was sie wollten. Ein gemeiner I u d e, der bey mittelmäßigen Glücksumstünden eine kinderreiche Familie hat, hört von dieser christlichen Eollekte, und bietet unaufgefordert seinen Behtrag an. Da er der einzige war, der geben wollte, so konnte das fröhlich nicht viel helfen: man dankte ihn: daher für seinen guten Willen, ohne davon Gebrauch zu machen. Nach einiger Zeit wird von dieser Geschichte bey einem Mann in einer andern Stadt gesprochen, der Sinn für so etwas hat, und jeden Keim des Guten nährt und pflegt. Dieser bittet den Prediger des Orts, dein Juden zu sagen, daß man auch auswärts sich über seine Bravheit gefreut, -und, um ihm wieder eine kleine Freude zu machen, — es war kurz vor dem letzten Wehnachtsfest — wolle man ihm etlvas 31t einem Weynachtsgeschenk für seine Kinderchen einhändigen. Als der Prediger seinen Auftrag verrichtet, steht der Jude betroffen, und weis gar nicht, lvovon die Rede ist. Nur nach gegenseitigen Fragen und Antworten begreift er endlich, wofür das Geschenk bestimmt sey. Er ist sichtbar gerührt, und üilßert sich nach einer kleinen Pause gegen den Prediger mit folgenden Worten: „Aber wenn mirs der Herr nicht übel nähme, so wollte ich dieß Geschenk lieber der hiesiger: Armenkasse überlassen." Dreß geschah. Der Jude quittirte förmlich über den Empfang des Geschenks, bestimnlle es aber zugleich für die Armen. 3. Unerschrockenheit des Juden A b r a h a m z u Plaue::, bei Rettung eines verunglückten Christen. Zu Eede, eine Meile von Genthin im Magdeburgischen, gieng die Dorfgemeinde vor dreh Jahren über den nicht weit davon entlegenen zugefrorenen Plauschen Canal, um Holz zu fällen. Ein Mann, unter dem das Eis brach, siel hinein, und ob ihm gleich die Uebrigen Stangen zureichten, so konnten sie ihn doch nicht retten. In diesem Augenblick führte die Vorsehung den Juden Abraham aus Plauen herbei), welcher schnell zurück, nach den: bey der Schleuse gelegenen Hause lief, zweh Stricke holte, einen um seinen Leib band, und die Versammelten bat, daß sie ihn damit herausziehen möchten, wenn er etwa hineinfiole. Mit dem andern Strick wagte er sich bis nicht weit von der Oeffnung, wo der Bauer sich noch immer bemühte, sich selbst zu helfen. Er warf ihm den Strick zu, und es glückte ihm den Menschen herauszuziehen, und so durch seine Menschenliebe, Unerschrockenheit, und wohl überlegte Eilfertigkeit, sein Leben zu retten. Auch hat dieser brave Jude beh manchen Feuersbrünsten sich besonders thätig und heldenmüthig belviesen. 4. G x 0 ß m ü t h i g e Bereitwilligkeit e i n e § I üben, c i n e ungl ü ckliche Christin am S a b b a t h zu retten. In: Sommer 1789 gieng die Frau eines Taglöhners zu L e n g - feld, ein zum Fränkischen Ritterkreise gehöriges Städtchen, in den Wald, Viehfütter zu holen. Der Rückweg führte sie über einen schmalen Steg, da strauchelte sie, und wurde vom Nebergewicht ihrer Bürde in den Fluß hinabgestürzt, der daselbst Ziemlich tief ist. Der Schrecken betäubte sie, daß sie nicht vermochte, sich weder von ihrer Last los zu machen, noch mit ihr aufzurichten: und so rang sie unter

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