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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-10-23 · Heft 43 (23.10.1914) · p. Seite 511

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 43 (23.10.1914)
Date
1914-10-23
Page
Seite 511 (sequence 7)
Language
German
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für Schulgeld und Bücher ausreichten, in den späteren ging es ihm bei dem einigermaßen wachsenden Wohlstand des Vaters etwas besser. Kisch war ein guter Schüler, dessen Lieblingsstudien die Sprachen, Stilistik, Geschichte und Geographie waren. Schon mit 15 Jahren absolvierte er das Gymnasium unb sing an, in Prag Medizin zu studieren. In den ersten Semestern mußte er sich in bitterer Not durchs Leben schlagen, so daß er bei einem reichen Mann zwei Stunden täglich für sieben Gulden monatlich unterrichtete, kam aber dann durch Beziehung zu einer Zeitung in bessere materielle Verhältnisse. Dies geschah, indem er als Reporter in die Redaktion der „Prager Morgenpost" eintrat, zum Ersatz für einen Kollegen, der seine Stellung infolge einer Falschmeldung hatte ausgeben müssen. Kisch berichtete einige Jahre hindurch über Vereinssitzungen, Verhandlungen des Stadtverordnetenkollegiums, Gerichtssitzungen und Eliteballe, von Zeit zu Zeit auch über die sanitären Verhältnisse. Seinen deutschen. Standpunkt vertrat er besonders bei der Schiller-Feier 1859, aber auch in den Berichten 1861 über den Böhmischen Landtag und 1862 bei der Elsjahrhundertfeier des Bades Teplitz. Er lernte während dieser Tätigkeit viele Journalisten ilnd Schriftsteller kennen und gibt von manchen., zum Beispiel von Alfred Meißner, recht interessante Porträts. Aber diese literarisch-journalistische Tätigkeit war nur ei ne N ebenbeschäftigung für die Abendstunden. Seine Hauptzeit war dem medizinischen Studium gewidmet. Er studierte fleißig unter bedeutenden Lehrern, von denen er hübsche Charakteristiken gibt, die wärmste von dem Kliniker Anton I a ck s ch, andere von L ö s ch n e r, welcher den juiMn Studenten für die Balneologie gewann, von G u s s e n b a u e r , R e i tz, H a l l a , der als erster es wagte, einen jüdischen Assistenten zu nehmen, A. P r i b r a m, den später so berühmt gewordenen Mediziner, einen Jugendgenossen Kischs Prag hatte damals seinen Ruhm, eine der medizinischen Lehrstätten zu sein, stark eingebüßt. Zum Teil herrschten, namentlich in der geburtshilflichen Klinik, geradezu schauderhafte Zustände. Als Kuriosum sei erwähnt, daß es damals einen Dozenten für Homöopathie gab, und zwar deshalb, weil 1849 alle Doktoren die Befugnis erlangt hatten, an der Universität Vorlesungen zu halten. Ein Dr. A l t s ch u l machte von dieser Erlaubnis Gebrauch und las bis zu seinem Tode ungehindert weiter. Dieser Tr. Altschul und sein Kollege Dr. Porge versuchten, Kisch zur Homöopathie zu gewinnen, der letztere mit der Versicherung: „Beim Leben meiner Frau schwöre ich Ihnen, daß die Homöopathie kein Schwindel, sondern wirklich wirksam ist." . Aber diese Anregungen hatten bei DDMK dem jungen Mediziner kein Glück. 1862 — also erst 21 Jahre alt — wurde Kisch zum Doktor der Medizin promoviert. Er hatte die größte Lust, eine rein wissenschaftliche Karriere einzuschlagen, mußte sich aber, um seinen Lebensunterhalt zu erwerben und den seiner Familie zu verbessern, in die Praxis stürzen. Infolgedessen begann er schon 1863 vorübergehend in Marienbad tätig zu sein, benutzte aber die Wintermonate, um sich an fremden Universitäten, wie Berlin, Breslau, Wien, loeiter wissenschaftlich auszubilden. In Berlin wurde er von Traube gefördert, von dem er eine sehr originelle Schilderung entwirft. Auf einer Eisenbahnfahrt traf er den großen Virchow, der dem jungen Kollegen, der ihn über Vorsehung, Existenz eines göttlichen Wesens usw. befragte, den Rat gab: „Denken Sie nie über Dinge nach, zu deren Erforschung das menschliche Hirn absolut nicht genügend ausgebildet ist." Weder auf diesen Reisen, noch in Prag selbst, hatte er als Jude besonders zu leiden. Nur einmal in Prag geschah es ihm, daß ein Institutsleiter seine Bitte, das Material des Instituts zu benutzen, abschlug, und ans Kischs Entgegnung, jener habe doch einem Kollegen das Ansuchen gewährt, die Antwort erteilte: „Das ist etwas anderes, der Betreffende ist ja ein Im Jahre 1865 lies; sich Kisch dauernd als Brunnenarzt in Marienbad nieder, erregte zuerst durch seine Arbeit über kohlensaure Bäder und später durch viele andere wichtige Untersuchungen großes Aufsehen. Gleichzeitig war er als Dozent für Balneologie an der Prager Universität tätig, erlangte aber erst nach 37jähriger Wirksamkeit 1901 die Stelle eines beamteten außerordentlichen Professors, die er 1912 nach Vollendung seines 70. Lebensjahres aufgab. Er übernahm eine Zeitschrift für Balneologie lind veröffentlichte rasch hintereinander wichtige Arbeiten, unter denen besonders die über Fettleibigkeit außerordentliche Anerkennung fanden. Er beteiligte sich lebhaft am öffentlichen Leben, von dem er eine sehr unterrichtende Schilderung gibt, und stand mit seiner ganzen Sympathie auf Seite der Deutschen im Kampfe gegen die Tschechen. lieber seine Tätigkeit als Kurarzt macht er ungemein anziehende Bemerkungen; über seine Beziehungen zu Kollegen, über seine Stellung zu den Patienten. Die Zahl dieser war geradezu ungeheuer, keineswegs bloß Juden, sondern vornehme Männer und Frauen, Fürsten und Fürstinnen, ausländische und inländische. Unter den letzteren seien nur Prinzessin Friedrich Karl von Preußen und die Erzherzogin von Bayern, die Mutter des jetzigen Regenten, genannt. Es ist hier nicht der Ort, die medizinische Tätigkeit Kischs im einzelnen darzulegen. Es sei daher nur kurz erwähnt.

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