Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1914)
- Date
- 1914-10-23
- Page
- Seite 510 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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um dann eventuell den Einsender festzustellen. (Am 1. September stand sie bereits in Nr. 238 der „Nnchr. s. St. u. L. Oldenbnrg", in der „Allq. Z. d. I." aur 11. September.) Nur Antisemiten haben ein Interesse an der Verbreitung falscher Ruhmesnachrichten über Inden, weil sie sich dadurch das Mittel schassen, später auch die wahren verbürgten Nachrichten miznzweifeln und abzuleugnen-. Auf nufere Erkundigung in Rimbeck erhielten nur folgendes Schreiben: Rimbeck (Station Scherfede), den 17. September 1914. Deutsche Israelitische Zeitung Negensbiirg. Antlvortlich Ihres werten Briefes vom Heutigen teile Ihnen mit, daß Witwe Fischel von hier drei Sohne im Feldzug hat, jedoch hat bis heute noch keiner geschrieben, daß er eine -Fahne erobert hätte. Sollte es sich bestätigen, dann werde ich Ihnen solches sofort mitteilen. Zeichne hochachtnngsvoll M. Löwengrilnd." Es braucht nicht erst hervorgehoben zu werden, daß nur solche rühmliche Taten voll jüdischen Soldaten verbreitet werden sollten, welche wohl verbürgt sind. Damit ist die Sache erledigt; die Geschichte vor: d e r E r o b c r u n g d e r e r st e n f r anzösi s ch e n F <x h n e d u r ch eine n I u den gehört den: Reich de r Fabel an. Der geehrten Kollegin erwidern wir nur, daß unsere Nachricht von einem, wie uns schien, vertrauenswürdigen Gewährsmann aus Westfalen stammt, der uns den „Dortmunder Generalanzeiger" übersandte (ver-gl. unsere Nr. 37 S. 443). Auch wir stehen auf dem Standpunkt, nicht aus Furcht vor den Antisemiten, sondern aus Liebe zur Wahrheit, nur solche Nachrichten zu bringen, die wirklich wahr sind; leider sind wir in diesem Falle das Opfer eines bedauerlichen Irrtums geworden. # Das „Berl. Tagebl." schreibt: Wie die „lieben Judeu" in Nadom g eh ä ng t \v w r-d e n. Nach der Rückkehr der Russen. Bon einer Persönlichkeit, die absolut zuverlässig ist und die für wenige Tage vom östlichen Kriegsschallplatz nach Berlin zurückkehrte, erhalten Nur die nachstehende Notiz: „Radom, das schon einmal im Besitze der Deutschen gewesen ist und in das nunmehr unsere Truppen zurückgekehrt sind, ist auch einer der Orte, die ein eindrucksvolles Beispiel zu der Proklamation des Zareil an seine „lieben Inden" liefern. Nach der vorübergehenden Besetzung Radoms durch die Deutschen kehrten die Russen dorthin zurück. Unmittelbar nachdem sie die Stadt besetzt hatten, verhafteten sie drei Juden: einen jüdischen Gelehrten mit Namen Tanziger und zwei seiner Verwandten, die Kaufleute sind; alle drei verheiratet, der eine Vater von neun, der andere Vater von drei Kindern. Der jüdische Gelehrte Danziger ist der Sohn eines weithin berühmten Talmudforschers, und ihn selbst bezeichnet die Bevölkerung als einen „wahrhaft göttlichen Mann" seiner Frömmigkeit wegen. Er lebte völlig weltabgewandt; er hat sich niemals mit Politik beschäftigt, und auch seine beiden Verwandten sind friedfertige Männer, die sich nur um ihre Geschäfte kümmerten. Ohne Gerichtsverfahren und ohne Richterspruch, ohne daß die Bevölkerung oder die Frauen und Verwandten der Verhafteten irgendetwas von dem Vorgänge erfuhren, w u r d e n die drei gehängt. Ihr Verbrechen war, daß der eine von ihnen auf Requisition einem deutschen Offizier zwei Pferde hatte übergeben müssen. Zur Bestrafung hierfür wurde er und seine beiden Verwandten aufgeknüpft. Als der Vorgang bekannt wurde, eilte der russische Pope zu dem kommandierenden Offizier, um sich für die Unschuld der Verhafteten zu verbürgen. Es war zu spät; und als am folgenden Tage die Witwe eines der Gehängten zu dem russischen Oberkommandierenden kam, erklärte er ihr höhnend: „Sie können stolz darauf fein, daß ich Ihren Mann habe hängen lassen. Er hat sein Leben für die Gesamtheit der Juden in Radom gelassen, denn meine Kosaken wollten eigentlich alle Juden hier totschlagen." Dieser barbarische Vorfall ist eine Einzelheit, die aber zugleich typisch ist für das Verhalten der' russischen Soldateska gegenüber den Juden. Es ist zwar der Befehl gegeben, sogenannte „laute" Pogromme zu vermeiden, damit uicht die Juden iu London, in Paris und in New-Dork allzusehr „verstimmt" würden. Hingegen kursiert hier iin Osten eine Aeußerung des Oberkommandierenden Großfürst Nikolai Nikolaijewitsch, die folgendermaßen, lckutet: „Wenn sich meine Soldaten schinden, dann müssen sie auch ihr Vergnügen haben, und wenn dabei ein paar Judenschädel eingeschlagen werden, so hat das trotz des Geschreis der Londoner Synagoge weiter keine Bedeutung." Dementsprechend wird denn auch mit den „lieben Juden des Zaren" in Rußland jetzt verfahren, und zwar in Polen, an der galizischen Grenze und vor allem in Bessarabieu. Und ein derartig barbarisches Volk, das zu seiner Grausamkeit noch den Wortbruch fügt, ist der Bundesgenosse zweier Kulturvölker, England und Frankreich, und wird von Japan, das seit Jahrzehnten deutsche Kultur sich anzueignen suchte, zum Freunde begehrt!! * Zur Ergänzung des A -u s r u f s z lt r S a in m l nt n g vor: B ü ch e r n f ü r u n s e r e K r i e g> er u n d V e rw u n d e t e n sei bemerkt, daß die erbetenen Werke aus der jüdischen und allgemeinen Literatur entweder in der Bibliothek der jüdischen Gemeinde, Oranienurger Str. 28 oder — außerhalb der Bi'bliotheksstunden — beim Portier des Nebenhauses, Oranienburger Str. 29, abgegeb'M werden können, daß die Bücher aber auf Wunsch im Bezirke der Berliner Gemeinde abgeholt werden. Krokellor Heinrich lüilch. Von Ludwig Geiger. einrich Kisch, der in einem sehr schön ausgestatteten Buche') von seinem Leben Kenntnis gibt, ist nicht bloß seinen zahllosen Patienten in Marienbad eine wohlbekannte Persönlichkeit. Vielmehr haben seine vielen Aufsätze und Schriften von 1863 bis 1914 (die Zusammenstellung der bloßen Titel füllt acht enggedruckte Seiten), die sich keineswegs bloß auf Marienbad und die dort heilbaren Krankheiten beziehen, sondern die sich über viele Teile der Medizin erstrecken, ihm bei seinen Fachgenossen einen guten Namen gemacht. Außer dieser wissenschaftlichen Anerkennung sind dem verdienten Manne mannigfache Ehren, viele Orden zuteil geworden, von denen der Autor ohne Ruhmredigkeit in seinem Buche Kenntnis gibt. Es sei versucht, aus diesem Werke für unsere Leser das Wesentlichste zusammenzustellen. Heinrich K i s ch ist am 6. Mai 1841 in Prag geboren. Er stammt aus einer allen Prager Familie. Ein Mitglied seiner Familie, Dr. Abraham Kisch, um die Mitte des 18. Jahrhunderts, war der erste promovierte Arzt jüdischen Glaubens in Prag. Er mußte bei der Verfolgung seine Heimatstadt verlassen, ging nach Berlin, wo er Mendelssohns Lehrer, im Lateinischen wurde, und durfte sich dann in Prag ansiedeln. Kischs Familie läßt sich bis in den Anfang des 17. Jahrhunderts verfolgen. Der Gemeindenotar Jacob, ein sehr redlicher Mann (1623), gehörte ihr an. Ebenso ein anderer, Joseph Kisch, der 1744 beim Einrücken der Preußen in wunderbarer Weise aus Lebensgefahr errettet wurde. Heinrich Kisch verlebte eine arme, freudlose Jugend. Sein Vater, dessen Familie 1811 durch den Staatsbankerott ihr Vermögen eingebüßt hatte, leitete eine jüdische Privatschule unter finanziellen Bedrängnissen und regierungsseitigen Quälereien bis 1874. Er war ein trefflicher Lehrer von spartanischer Einfachheit, der den Sohn in jeder Weise förderte. Dieser verlebte von seinen sieben Gymnasialjahren die ersten unter vielfachen Qualen, da die väterlichen Einnahmen weder für Essen noch .) Erlebtes und Erstrebtes, Erinnerungen von Dr. E. Heinrich K i s ch, Universitätsprosessor, Königl. Kaiser!. Regierungsrat, Wien- Btarienbad, mit dem Bilde des Verfassers, Deutsche Verlagsanstalt. Stuttgart und Berlin 1914.