Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-10-23 · Heft 43 (23.10.1914) · p. Seite 509

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 43 (23.10.1914)
Date
1914-10-23
Page
Seite 509 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229123-3229167--70811-3283178
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

509 befinden. Dieser große Zug jüdischer Soldaten begann dann um 9 Uhr den Gottesdienst. Aus rohen Kistenbrettern hatten sie sich einen Mar (Betpult) zurechtgezimmert, darauf sechs Lichte befestigt und angezündet, und ein russischer Soldat aus Wilna, mit einem aus Hammerstein geliehenen Talliß bekleidet, fungierte als Kantor. Wenn auch die Aussprache des Hebräischen sich sehr von derjenigen unterscheidet, wie wir es in unseren Synagogen hören, so rührte es einen doch, wenn man bedenkt, daß diese Menschen, deren Muttersprache man nicht versteht, zu ihrem Gotte in derselben Sprache beten wie wir deutschen Juden. Wie ein Rauschen ging es durch die Hunderte der Gefangenen, als der Vorbeter das Schma Jisroel sprach, und als eine kleine Thorarolle herumgetragen wurde, drängten sich die armen Menschen an sie heran, um sie zu küssen. Viele Leute hatten kleine Taschengebetbücher mit sich, andere sprachen die Gebete auswendig mit. Auch auf einem von der Hammersteiner Gemeinde entliehenen Schofar wurde geblasen, in etwas anderer Art wie bei uns; aber es ging einem durch und durch. Zum Schluß des Gottesdienstes sammelte sich infolge Aufrufes eines der Soldaten eine Schar um den Dorbeter, der eine sehr schöne Tenorstimme hatte, und nun erklangen in vierstimmigen Chören Tempelgesänge, von 60 bis 70 Sängern vorgetragen, mit Sologesang. Traurige schwermütige Melodien, wie ich sie noch nicht gehört habe, unzweifelhaft die Kompositionen echt russisch-jüdischer Tonkünstler. Mancher Gefangene schien bei diesen Klängen an seine fernen Lieben zu denken, manches Auge sah ich bei jüngeren und älteren Männern voller Tränen. Als die Andacht mit einem gemeinschaftlichen Gebet geschlossen wurde, erbrauste noch einmal die große Halle von dem Gebete der ganzen Schar. Von draußen schien die Sonne herein. Zwitschernde Schwalben flogen im Raume hin und her, und beim Herausgehen drückten sich viele die Hand, die sonst im Lager getrennt sind, und die sich jetzt wiedersahen. Manche hatten ihr Brot und ihren Eßnapf mitgenommen, damit es ihnen nicht während ihrer Abwesenheit von den andersgläubigen Gefangenen genommen werden könnte. Ich sprach noch mit dem einen der Leute, es war ein jüdischer Assessor, ein stattlicher, sympathisch ausschauender Mann. — Ich war mittags um 12 Uhr mit der Aufsicht fertig und werde dieses Kriegserlebnis, das in mir unauslöschliche Eindrücke hinterlasien hat, nicht vergessen. Folgender Bericht geht uns zur Veröffentlichung zu: N. C. Auf Antrag einer sehr erheblichen Anzahl von Vereinsmitgliedern fand am 8. d. M. eine außerordentliche Mitgliederversammlung des Vereins der Beamten der jüdischen Gemeinde zu Berlin statt, in der Beschluß gefaßt werden sollte über Maßnahmen zugunsten der Mitglieder, welche im Felde stehen, sowie über sonstige Hilfsaktionen aus Anlaß des Krieges. Der Referent betonte, daß es in erster Reihe darauf ankomme, den im Felde stehenden Mitgliedern zu beweisen, daß man ihrer daheim in Liebe gedenkt. Es wurde demgemäß beschlossen, jedem Angestellten der Gemeinde, der an dem Feldzuge teilnimmt, auf Vereinskosten ein Paket mit Wollsachen und sonstigen Naturalien im Gesamtwerte von je 10 Mark zu senden. Es wur6^ ferner antragsgemäß die Befreiung der zur Fahne einberusenen Mitglieder des Vereins von den Vereinsbeiträgen während der Dauer des Feldzuges beschlossen. Die vqm Vorstand für das Rote Kreuz und die Hinterbliebenen. einberusenen Wehrmänner bewilligten je 100 Mark wurden nachträglich genehmigt; ferner wurde beschlossen, der Kriegshilsskommission der jüdischen Gemeinde ebenfalls 100 Mark zu gewähren. Dem Vorstande wurde noch aufgegeben. Fürsorgebestrebungen für die Witwen von Gemeindebeamten in die Wege zu leiten. Damit schloß die Versammlung. In ganz unerhörter Weise setzt Herr T h e o ö o t Frits ch sein verwerfliches Gebahren fort. Die „Welt am Montag" schreibt: Er will k e i ne n B u r g f r i e d e n. Eine grundsätzliche Absage -an die sonst von allen Parteien aufgenommene Parole des Burgfriedens erteilt Herr Theodor Fritsch, der Herallsgeber der antisemitischen Halbmonatsschrift „Hammer". Einen am 1. -Oktober veröffentlichten scharfen Artikel gegen das I u d e n t u nr läßt er in die Sätze ausklingen: Ein Burgfrieden ist unmöglich, solange eine Bevölker-llugsgruppe, durch besondere Gesetze verbunden, ihre Interessen denen der Allgemeinheit stets feindlich gegenüberstellt und immer nur ihren Sondervorteil sucht. Es ist der „ewige Fremdling" unter uns, der den Burgfrieden gefährdet: und er war es auch, der in Friedenszeit die Parteien und Stände mit heftigsten gegeneinander verhetzte, um im allgemeinen Unfrieden die Herrschaft an sich zu reißen. Das wollen wir doch nicht vergessen. Bor diesen Gefahren muß gerade in diesem Augenblicke besonders gewarnt werden, da unser argloses Volk im Begeisterungsrausche über seine kriegerischen Erfolge sich leicht in neuen listig gesponnenen Netzen sangen lassen dürfte. In wie vornehmer und wahrheitsliebender Weise dieser Kampf gegen den „ewigen Fremdling" — der Schulter an Schulter mit den rassereinsten „Teutonen" kämpft und blutet! — von dem „Hammer" geführt lvird, dafür spricht nachstehende Notiz in derselben Nummer des Blattes: Semitische Kriegstapserkeit. — Da die Kinder Israels sich so sehr ihres Kriegseifers rühmen, sollte man darauf achten, wo sie eigentlich ihre Tapferkeit betätigen. Mir scheint — am liebsten weit vom Schuß. Das Proviantamt ist fast völlig von Hebräern besetzt. Da andererseits auch die Getreide- und Viehhändler in hiesiger Gegend fast ausschließlich Semiten sind, so werden sie gute Geschäfte miteinander machen. Ich glaube, daß die Herren Semiten auch in anderen Gegenden meist in Kanzleien, in der Krankenpflege usw. untergebracht sind. In den Verlustlisten fand ich bisher noch keinen jüdischen Namen. Wenn Herr Th. Fritsch wirklich lesen wollte, so würde er in den Verlustlisten und den Todesanzeigen der großen Zeitungen Hunderte von jüdischen Namen gefunden haben; er würde ebenso bemerkt haben, daß mehrere Dutzend Juden Ritter des Eisernen Kreuzes geworden sind. Aber ein Mann seines Kalibers ist nicht zu belehren. Der zu Regensburg erscheinenden „Laubhütte" vom 25. September entnehmen wir folgenden Artikel (er ist uns erst Mitte Oktober zu Gesicht gekommen): Das Märchen von der Eroberung der ersten Fa h n e. „Das „Frankfurter Familienblatt" (Nr. 37) meldet: „R i m b e ck bei Paderborn. Der Infanterist Fischel, der die erste französische Fahne bei Lagarde erbeutete, hat das Eiserne Kreuz, eine goldene Uhr, den Zivilversorgungsschein und 3000 Mark als Belobigung erhalten." Es handelt sich wohl hier um eine Notiz, welche das Blatt einem politischen Blatte entnommen hat. Die Häufung der Anerkennungen läßt schließen, daß die Notiz aus antisemitischer Quelle stammt. Die „Mg. Ztg. d. Judentums" berichtet dagegen (in Nr. 38): „Wir hatten Nr. 37, Seite 443, und „Gemeindebote" Seite 4 mitgeteilt, daß die erste französische Fahne von einem Juden erbeutet worden sei: dies ist nicht richtig; wir bitten daher die Blätter, die unsere (?) Nachricht übernommen haben, auch dieser Berichtigung Raum zu geben. Von geschätzter Seite lvird uns geschrieben: „Der Soldat, der jetzt im Kriege die erste französische Fahne erbeutete, heißt Pfeuffer und liegt schwerverwundet int Lazarett. Der jüdische Soldat Fischel hatte dienstlich die Jahne nachher abzuliefern — daraus ist der Irrtum entstanden: er hätte sie erobert." Es ist nicht unwichtig festzustellen, ob die erste (falsche) Nachricht eine Originalmitteilung der „A. Z. d. I." war oder ein Abdruck,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.