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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-10-23 · Heft 43 (23.10.1914) · p. Seite 508

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 43 (23.10.1914)
Date
1914-10-23
Page
Seite 508 (sequence 4)
Language
German
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508 der Kathedrale beobachtet. Es ist selbstverständlich, daß alle unseren Truppen nachteiligen feindlichen Maßnahmen und Streitmittel bekämpft werden, ohne Rücksicht auf die Schonung der Kathedrale. Die Franzosen tragen also jetzt wie früher selbst die Schuld daran, wenn der ehrwürdige Ban weiter ein Opfer des Krieges wird. Auf dem östlichen Kriegsschauplatz sind in Kämpfen bei Schirwind' die Russen gelvorfen und haben 3000 Gefangene, 26 Geschütze und 12 Ala schinengewehre verloren. — Lyck ist wieder in unserem Besitz, Bialla ist vom Feinde geräpmt. — Weiter südlich sind beim Znrückwerfen russischer Bortruppen auf Warschau 3000 Gefangene gemacht und 25 Geschütze erbeutet. (Amtlich.) Großes Hauptquartier, 15. Oktober, mittags. Bei Antwerpen wurden im ganzen 4000 bis 5000 Gefangene gemacht. Es ist anzunehlnen, daß in nächster Zeit noch eine große Zahl belgischer Soldaten, welche Zivilkleidung angezogen haben, dingfest gemacht wird. Rach Mitteilungen des Konsuls von Terneuzen sind etwa 20 000 belgische Soldaten und 2000 Engländer auf holländisches Gebiet übergetreten, wo sie entwaffnet wurden, und ihre Flucht umß in größter Hast vor sich gegangen sein; hierfür Zellgen Massen loeggeworfener Kleidersäcke, besonders voll der englischen Royal Raval Division. Die Kriegsbeute in Antwerpen ist groß. Mindestens 500 Geschütze, eine Unmenge Munition, Massen von Sätteln und Woylachs, sehr viel Sanitätsmaterial, zahlreiche Kraftwagen, viele Lokomotiven und Waggons, vier Millionen Kilogramm Getreide, viel Mehl, Kohlen, Flachs, für 10 Millionen Mark Wolle, Kupfer lind Silber im Werte von etwa einer halben Million Mark, ein Panzereisenbahnzug, mehrere Berpflegungszüge, große Biehbestände. Belgische lind englische Schiffe befanden sich nichl lnehr in Antwerpen. Tie bei Kriegsausbruch im Hafen von Antwerpen befindlichen 34 deutschen Dampfer und drei Segler sind mit einer Ausnahme vorhanden; jedoch sind die Maschinen unbrallchbar gemacht. Angebohrt und versenkt wurde nur die „Gneisenau" des Norddeutschen Lloyd. Die große Hafenschlelise ist intakt, aber zunächst durch mit Steinen beschwerte versenkte Kähne rlicht benutzbar, die Hafenanlagen sind unbeschädigt. Tie Stadt Antwerpen hat wenig gelitten. Die Bevölkerung verhält sich ruhig und scheint froh 31t sein, daß die Tage des Schreckens zu Ende! sind, besonders da der Pöbel bereits zu plündern begonnen hatte. i Die Reste der belgischen Armee haben bei Annäherung unserer Truppen « Gent schleunigst geräumt. Tie belgische Regierung mit Ausnahme des! Kriegsministers soll sich nach Le Havre begeben haben.! Angriffe der Franzosen in Gegend von Albert wurden unter erheblichen! Verlusten für sie abgewiesen; sonst im Westen keine Veränderungen. > Im Osten ist der russische mit starken Kräften unternommene Vorstoß! auf Ostpreußen als gescheitert anzusehen.! Der Angriff unserer in Polen Schulter an Schulter mit dem österreichischen Heere kämpfenden Truppen befindet sich im Fortschreiten. Unsere Truppen stehen vor Warschau. Ein mit etwa acht Armeekorps ans Linie Zwangorod - Warschau über die Weichsel unternommener russischer Vorstoß wurde auf der ganzen Linie unter schweren Verlusten für die R'nssen zurückgeworfen. Die in russischen Zeitungen verbreiteten Gerüchte über erbeutete deutsche Geschütze entbehren jeder Begründung. Großes Hauptquartier, 16. Oktober, mittags. Die Russen versuchten am 14. Oktober, sich wieder in den Besitz von Lyck zu setzen. Die Angriffe wurden Zurückgewiesen. 800 Gefangene, 1 Geschütz und 3 Maschinengewehre sielen in unsere Hände. — Brügge wurde am 14., Ostende am 15. Oktober von unseren Truppen besetzt. — Heftige Angriffe der Franzosen in Gegend nordwestlich Reims wurden abgewiesen. — Tie Franzosen melden in ihren amtlichen Bekanntmachungen, daß sie an verschiedenen Stellen der Front, zum Beispiel bei Berry au Bac, nordwestlich Reims, merkliche Fortschritte gemacht Hütten. Diese Meldungen entsprechen in keiner Weise den Tatsachen. Großes Hauptquartier, 17. Oktober, vormittags. In Brügge und Ostende ist reichliches Kriegsmaterial erbeutet, unter anderem eine große Zahl Jnfanteriegewehre mit Munition und 200 gebrauchsfähige Lokomotiven. Vom französischen Kriegsschauplatz sind wesentliche Ereignisse nicht zu melden. — Im Gouvernement Snwalki haben sich die Russen am gestrigen Tage ruhig verhalten. Die Zahl der bei Schirwindk eingebrachten Gefangenen hat sich auf 4000 erhöht. Ebenso sind noch einige Geschütze genommen worden. — Die Kämpfe bei und südlich Warschau dauern fort. WIEN, 17. Oktober. Amtlich wird verlautbart: Sowohl die in dev Linie Stary— Sambor—Medyka und am San entbrannte Schlacht als auch unsere Operationen gegen den Dnjester nehmen einen guten Verlauf. Nörd-- lich Wyszkow wurden die Russen abermals angegriffen und geworfen. Bei Synowucko forcierten unsere Truppen den Strhjfluß, gewannen die Höhen nördlich des Ortes und nahmen die Verfolgung des Feindes auf. Ebenso gelangten die Höhen nördlich Podbuz und südöstlich Stary—Sambor nach hartnäckigen Kämpfen in unseren Besitz. Auch nördlich des Strwiazflusses schreitet unser Angriff vorwärts. Nördlich Przemysl begannen wir bereits auf dem östlichen Sanuser festen Fuß zu fassen. Die Zahl der während unserer jetzigen Offensive gemachten Gefangenen läßt sich natürlich noch nicht annähernd übersehen. Nach den bisherigen Meldungen sind es schon mehr als 15 000. Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabes, von Hoeser, Generalmajor. & Von sonstigen Nachrichten ist folgendes mrtzuteileu: Feier des Versöhnungstages im Felds. Wie der Kaiser dem religiösen Bedürfnis seiner im Felde stehenden israelitischen Soldaten anläßlich des höchsten jüdischen Feiertages, des Bersöhnungstages, Rechnung getragen hat, geht aus einem Armeebefehl hervor, der auf Anordnung des Kaisers am 90. September streng ausgeführt wurde. Danach mußten sich sämtliche israelitischen Soldaten, sofern sie sich nicht in der Feuerlinie befanden und daher unabkömmlich waren, unter Führung jüdischer Reserveoffiziere und Offizierstellvertreter bei den einzelnen Brigaden an einem bestimmten Punkt am Morgen des Versöhnungstages einfinden, um dann eine hinter der Front belegene Stadt aufzusuchen. Da in Nordsrankreich nirgends Synagogen vorhanden waren, wurde der Gottesdienst der jüdischen Soldaten der einzelnen Armeekorps in katholischen Kirchen abgehalten. Die Feier begann morgens um Uhr und dauerte bis zum Eintritt der Dunkelheit. Die Feldrabbiner predigten Zweimal, vormittags und abends, und stimmlich begabte Soldaten fungierten als Vorbeter. Die meisten Besucher der Gottes- Häuser fasteten und hielten bis zum Schluß der Andacht aus. Dann erhielten sie aus eigens zu diesem Zwecke herbeigeschafften Feldküchen ein kräftiges Essen und kehrten in der Nacht noch zu ihren Regimentern zurück. Aus vielen Feldpostbriefen, die jüdische Soldaten an ihre Angehörigen in der Heimat schrieben, geht hervor, daß sie niemals einer so ergreifenden Andacht beigewohnt hätten wid an jenem Tage in Frankreich. — Die gegen Rußland kämpfenden israelitischen Krieger waren am 30. September für den ganzen Tag beurlaubt und konnten den Gottesdienst mit ihren Glaubensgenossen in den Grenzstädten Ostpreußens begehen. * Herr Hugo Freundlich (Stolp i. Pommern) stellt uns folgenden Feldbrief zur Verfügung: Hammerstein, den 22. September 1914. Nach beendetem Dienst sitze ich jetzt abends gemütlich in meinem Barackenstübchen, die kleine Petroleumlampe brennt auf dem Tisch, ich rauche eine Zigarre, denke an Euch, und lasse die Ereignisie des heutigen Tages an mir vorüberziehen. Ich hatte für vormittags den Befehl erhalten, die Oberaufsicht über den jüdischen Gottesdienst, der für die mosaischen Gefangenen stattsinden sollte, zu führen. Um %9 Uhr wurden die Soldaten aus den drei Kompagnien nach einem großen Reithause geführt, wo sie sich auf Holzschemeln niederließen. Es durchfuhr mich, ich weiß nicht, wie ich dieses Gefühl beschreiben soll, als ich den Zug in Empfang nahm und nach dem Reitftalle leitete, und als ich die verhältnismäßig ungeheuerlich große Zahl sah, die sich da vorwärts bewegte. Durch Umfrage unter den Gefangenen ist nicht nur der Beruf eines jeden, sondern auch die Religion festgestellt worden, und es ergab sich, daß unter den hier befindlichen etwa 6000 Kriegsgefangenen sich bei der 1. Kompagnie 130 2. „ 263 4. „ 245 zusammen 638 jüdische Gefangene

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