Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1914)
- Date
- 1914-10-23
- Page
- Seite 507 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/3224737-3229123-3229167--70809-3283176- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Dęblin 1× ep/1044429
OCR text
507 Sie Woche. Berlin, 20. Oktober 1914. «aufhaltsam ist das deutsche Heer in Belgien vorgedrungen. Nach dem Fall Antwerpens werden die verbündeten Engländer und Belgier an die Grenze verfolgt, Gent und Ostende befinden sich in den Händen der Deutschen. Ganz Belgien ist in ihrem Besitze. Ihrer Gefangennchmung sind die Verbündeten teils durch den Uebergang auf holländisches Gebiet, teils durch die Flucht aus bereitgehaltenen Schiffen entronnen. Aber da der größte Teil der Munition und vor allem die Geschütze zurückgelasfen werden mußten, so sind diese Flüchtigen, mögen sie nun in England oder an der' französiichen Küste gelandet sein, kaum als beachtenswerte Gegner anzusehen. Unterdessen marschieren unsere Truppen weiter nach der französischen Küste, um sich Dünkirchens und Calais" zu bemächtigen. Sind diese genommen, ein Ereignis, das wohl keine Wochen, nur Tage braucht, so ist der Weg nach England frei. Ob die deutsche Heeresleitung die Absicht hat, England zu besetzen, wie ein solcher Plan, wenn er besteht, ausgeführt wird, entzieht sich unserer Beurteilung. Wir dürften die feste Zuversicht hegen, daß, wenn eine derartige Aufgabe unternommen wird, sie mit ausreichenden Mitteln und mit kühler Ueberlegung ausgeführt wird. In Frankreich, wo sich seit Wochen die Millionenheere gegenübersteh>en, ist eine Entscheidung noch nicht gefallen. Auch in den Vogesen haben sich unsere Heere der Feinde noch nicht entledigt; die Belagerung von Belfort ist begonnen, und wir wünschen von Herzen, daß diese stolze Feste, die 1870 allen Belagerungskünsten widerstand, durch! d-ie großen Kanonen und den heldenmütigen Eifer unserer braven Truppen bezwungen werde. Auch im Osten bereiten sich große Ereignisse vor. Ist auch der Zar — endlich — zu feinen Truppen gezogen-, wenn er sich nicht schon wieder in Sicherheit gebracht hat, so hat das ruhmredige Großsprechen russischer Blätter, ebenso wie das Triumphgebrüll der Engländer urld Franzosen recht kleinlauten Darstellungen Platz gemacht. Wir wollen nicht in den Fehler der Gegner verfallen und die ungeheure Schar der an der preußischen Ostgrenze und an der Weichsel zusammengezogenen Massen geringschätzen und sie als eine verachtungswert-e Masse betrachten. Aber nach den ungeheuren Erfolgen, die die Deutschen in Ostpreußen und über die Grenzen hinaus, die Öesterreicher in Galizien und Ungarn davongetragen haben, darf man wohl die Hoffnung hegen, daß die vereinigten Heere — 'freilich nach langem, und wie zu fürchten ist, blutigem 'Ringen. — den entscheidenden -Sieg davontragen werden. Den entscheidenden, ob auch den endgültigen? Denn wenn auch die sranzösisch^englische Hauptmacht geschlagen, wenn auch die russischen Massen zurückgedrängt, großenteils gefangen und vernichtet sind, damit ist weder Frankreich noch Rußland völlig besiegt. Neue Heere können aufgestellt werden, neue Verwicklungen und Massenschlachten sind wahrscheinlich. Die Stellung der bisher neutralen Staaten hat sich nicht geändert, doch ist eine Verschlimmerung, eine Verschiebung znungunstenunserer Lage nicht ausgeschlossen. Portugal schwankt noch, doch scheint sein Uebergang zu unseren Feinden wahrscheinlich. Man hegt begründete Hoffnung, daß Rumänien trotz des Regierungswechsels und Italien ungeachtet des eben erfolgten Hinscheidens des leitenden Ministers San Giuliano ihre Neutralität bewahren; doch ist mit einem plötzlichen Wechsel dieser Stellung immerhin zu rechnen. Dagegen scheint es nach den neuesten Nachrichten, daß die Türkei mit ihrem Auftreten gegen Rußland Ernst macht, was nach der Schließung der Dardanellen als nahe bevorstehend gelten müßte; die ersten Schüsse zwischen türkischen und russischen Schiffen sollen gewechselt worden sein. Wir lassen nun die wichtigeren amtlichen Nachrichten von deutscher und österreichisch-ungarischer Seite, aber auch nur diese folgen: -Großes Hauptquartier, 13. Oktober, vormittags. Vom westlichen Kriegsschauplatz liegen Nachrichten von Bedeutung nicht vor. Heftige Angriffe des Feindes östlich Soissou sind abgewiefen worden. — Im Argonner Wald finden andauernd erbitterte Kämpfe statt. Unsere Truppen arbeiten sich in dichtem Unterholz und äußerst schwierigem Gelände mit allen Mitteln des Festungskrieges Schritt für Schritt vorwärts. Die Franzosen leisten' hartnäckigsten Widerstand, schießen von den Bäumen und' mit Maschinengewehren von Bamnkanzeln und haben neben etageuweise angelegten Schützengräben starke, festungsartige Stützpunkte eingerichtet. — Die von der französischen Heeresleitung verbreiteten Nachrichten über Erfolge ihrer Truppen in der Woevre-Ebene sind unwahr. Nach Gefangenen-aus>fa>gen ist den Truppen mitgeteilt worden, die Deutschen seien geschlagnen und mehrere Forts von Metz bereits gefallen. Tatsächlich habenunsere dort fechtenden Truppen an keiner Stelle Gelände verloren, Etain ist nach wie vor in unserem Besitz. Die fetzigen französischen Angriffe gegen unsere Stellung bei Saint Mihiel sind sämtlich abgewiesen worden. Unsere Kriegsbeute von Antwerpen läßt sich allch heute noch nicht übersehen. Die Zahl der in Holland Entwafsneten ist auf annähernd 28 000 Manngestiegen. Nach amtlichen Londoner undniederländischen Nachrichten befinden sich hierbei cuid) 2000 Engländer. Scheinbar haben sich vi-ele belgische Soldaterl in Zivitkleidung nach! ihren Heimatsorten begeben. Der Gebäudeurld Materialschaden in Antwerpen ist gering. Die Schleusen- und Fähranlagen sindvorn Feinde unbrauchbar gemacht worden. Im Hafen befinden sich 4 englische, 2 belgische, 1 französischer, 1 dänischer, 32 deutsche und 2 österreichische Dampfer sowie 2 deutsche Segelschiffe. Soweit deutsche Schiffe bisher untersucht worden sind, scheinen die Kessel unbrauchbar gemacht worden zu sein. Auf dern ostpreußischen Kriegs scha-uplatz verlief der 11. Oktober im allgemeinen ruhig. Am 12. Oktober wurde -ein erneuter Umfassllngsvers'llch der Nllssen bei Schirwindt abgewieseu, sie verloren dabei 1500 Gefangene ilnd 20 Geschütze. In Südp-olen wurden die russischen Bortrilppen südlich! voll Warschau durch -unsere Truppen zllrilckgeworfell. Ein Ueber-gangsv-ersuch der Rilssen über die Weichsel südlich Iwangorod wurdeunter Verlusten für die Russell verhindert. Oberste Heeresleitung. Wien, 13. Oktober. (Drahtbericht.) Alntlich wird verlantbart: Gesterll schlugen unsere gegen Przemhsl anrückendell Kräfte, unterstützt durch einen Ausfall der Besatzung, die Eillschließnngstruppen derart zurück, daß sich der Feind jetzt nur mehr vor der Ostfront der Festung hält. Bei feinem Rückzuge stürzten mehrere Krieasbrücken nächst Sosnica ein. Biele Rllssell ertranken int San. Der Kampf östlich Chyrow dauert noch an. (Sine Kosakendivision wurde voll unferer Kavallerie gegen Drohobyoz geworfen. In den durch sehr uugüustige Witterullg und schlechte Wegeverhältuisse außerordentlich erschwerten Märschen und Känlpferl der letzten Wochen hat sich die Leistungsfähigkeit unserer braven Truppen glünzelld bewährt. Ter Stellvertreter des Chefs des Generalstäbes v. Hoeser, Generalmajor. Großes Hauptgliartier, 14. Oktober, mittags. Bon Gent aus befindet sich der Feind, darunter ein Teil der Besatzuilg von Antlverpen, in eiligelll Rückzllge nach Westen zur Küste. Unsere Trllppell folgen. — Lille ist voll uns besetzt, 4500 Gefangene silld dort gemacht worden. Die Stadt war dlirch ihre Behörden deil deutschen Truppen gegenüber als „offen" erklärt worden. Trotzdem schob der Gegner bei einem Umfassungsverslich von Dünkirchen her Kräfte dorthill vor mit dem Auftrag, sich bis zuur Eintreffen der Umfassungsarmee zu halten. Da diese natürlich nicht eilltraf, war die einfache Folge, daß die zwecklos verteidigte Stadt bei der Einnahme dlirch unsere Truppeil Schädigungen erlitt. — Bon der Front des Heeres ist nichts Neues zu melden. — Dicht bei der Kathedrale von Reims sind zwei schwere französische Batterien sestgestellt. Ferner lourden Lichtsignale von einem Tllrnl