Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 42 (16.10.1914)
- Date
- 1914-10-16
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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78. Jahrgang Nr. 42 Der Gemeindevote. Berlin, 16. Oktober 1914 Beilage zur „Allgemeinen Leitung drF Judentums". Korrespondenten und Kachrichten. Skvtschlsnd. 22 Berlin, 14. Oktober. Am Mittwoch, 7. Oktober, besuchte die K aiserin die im israelitische n Krankenhei in (Adaß Jisroel) befindlichen Verwundeten. Das Krankenheim hatte dem Noten Kreuz den größeren Teil seiner Betten zur Verfügung gestellt, und waren dort auch bereits nach der Schlacht bei Tannenberg alle verfügbaren- Betten belegt worden. Nachdem ein Teil der Verwundeten vor etwa vierzehn Tagen in ein Erholungsheim entlassen werden konnte, kamen vor acht Tagen neue Patienten an, die im Westen gekämpft hatten. Wiederholt war die Oberhosmeisterin Gräfin v. Brockdorff zum Besuch erschienen, und jetzt kam die Kaiserin persönlich in Begleitung ihrer Hofdame Gräfin v. Rantzau und deren Gatten. Sie kam gegen zwei Uhr im Automobil vorgefahren und blieb nahezu zwei Stunden. Sie wurde von den Chesärzten Sanitätsrat Dr. Adler und Professor Tr. Blumenthal empfangen und durch die Räume geführt. Die Kaiserin unterhielt sich mit jedem einzelnen der Verwundeten und übergab ihnen Bilder mit eigenhändiger Unterschrift und Blumen. Besonders interessierten sie zwei Langfnhrer Husaren, die unter dor Führung des Kronprinzen an der Erstürmung von Longwy teilgenommen haben. Ihr Interesse erregten auch die Röntgenaufnahmen, an Hand deren sie sich die Wirkung der Geschosse erklären lieh. &&& Berlin, 14. Oktober. Wie österreichische Blätter berichten, stehen im russischen Heere rund 40 0 00 0 Inden. Der russische General K o n w r a t j e w hat in einem Befehl über die jüdischen Soldaten gesagt: „D i e i n m eine r Kolo n n e st e h enden j ü bischen Soldat e n h a b e n s i ch ausgezeichnet bewährt und sich durch oft gezeigte Unerschrockenheit u n d Intelligenz i m Ei rsasse n des D i e n st e s h ervorget a n." Die Kolonne des Generals Konwratjew mnsaht Soldaten, die aus russischen Gegenden stammen, in denen die Pogroms, von den sogenannten „echten Russen" gegen die Juden inszeniert, zur Tagesordnung gehören. Bor Wochen hatten sich die Vorstände der russischen Juden um die Erlaubnis bemüht, daß es den dienstfreien Juden im Felde, wenn ein Ruhetag stattfindet, gestattet werde, gemäß ihrer Religion die höchsten Feiertage durch Gebete feiern zu dürfen. Die Bitten wurden abgelehnt. Zynisch wurde der Ablehnung des Gesuches für die israelitischen Soldaten hinzugefügt, „daß ein Ruhetag im Felde zugleich der russischen Staatskirche zu dienen hat und die jüdischen Soldaten dem Feldgottesdienst der russischen Staatskirche beiwohnen können". So haben die dienstfreien Juden im Felde am Ruhetag des 21. September, um ihren religiösen Gefühlen Nachkommen zu können, den Rubel rollen lassen. Nur so war es möglich, daß eine Anzahl Juden von den Empfängern der Rubel kommandiert wurde, auf dem Felde, wo gestern noch gekämpft wurde,' die an dem Tage gefallenen Russen zu beerdigen, um nach dieser Arbeit unbemerkt in einer halbzerschossenen Scheune zusammenzukommen und zu beten. Eine Haferkiste wurde in der Mitte, ausgestellt, darüber wurde ein Gebetmantel gebreitet, den ein Soldat vorsichtig aus dem Tornister holte. Aus diesem Tornister kam auch ein Gebetbuch für die Festtage des betreffenden Soldaten, der in Rowno Torfgeher war und zugleich bei der kleinen Judengemeinde das Amt eines Borbeters versah. Andächtiger, inniger ward wohl selten von Juden gebetet, als von der Schar jüdischer Soldaten in der halbzerschossenen Scheune ans dem Schlachtfelde von gestern. Manche Träne floß während des Gebetes: die Soldaten dachten an das Schicksal der Juden, an Frau und Kinder in der Heimat. Noch waren die letzten Worte nicht verklungen, als der Kanonendonner den Beginn einer neuen Schlacht einleitete. Es verschwanden die Gebetbücher in den Tornister, und hinaus stürmten die Soldaten, die vor wenigen Minuten so warme Gebete zum Himmel emporsendeten. Tas neue Jahr hat für die russischen Juden, die im Felde kämpfen, mit Gebet unter Schlachtendonner begonnen. Daß die Juden Rußlands ihre Vaterlandspflicht zu erfüllen wissen, ersehen nur auch aus Berichten der amerikanisch-jüdischen' Presse. So erhielt dem „Reform Advocate" zufolge ein jüdischer Student der Medizin aus Wilna namens O s n a s das militärische St.-Georgs- Kreuz, weil er während eines heftigen Gefechtes in Ostpreußen unter größter Lebensgefahr mit Aufbietung aller Kräfte die Fahne seines Regiments rettete. Da Osnas mehrfach verwundet wurde, bat sein Kommandeur telegraphisch Aerzte herbei, das Leben des „Helden Osnas" zu retten. Welchen Dank Rußland „seinen lieben Juden" für ihre Aufopferungen zn bringen weiß, lehren die neuen Nachrichten von Pogromausbrüchen. Berlin, 14. Oktober. Tas Eiserne Kreuz für tapferes Verhalten vor dem Feinde erhielten: der an der jüdischen Lehrerbildungsanstalt zu Berlin angestellte Seminarlehrer Gottfried Sende r, der Chemiker Dr. Phil. W. F r ü n k e l, der Leutnant der Reserve Rechtsanwalt Willy Gott h e l f, der Sohn des Geheimen Justizrats Jacobsohn-Berlin, Tr. Hans I a c o bs o h n, der Rittergutsbesitzer R i ch a r d I s r a e l - Schulzendorf bei Berlin, der Bizewachtmeister Assessor Tr. jur. E a s s e l, Sohn des Landtagsabgeordneten, Stadtverordnetenvorsteher - Stellvertreter Geheimen Justizrats Cassel-Berlin, H a n s F r e h st a d t: der Sohn des Herrn E u g e n C a s P a r y und der Einjährige P a n o s s k y, Sohn des Stadtverordneten Panofsky-Berlin. Tie gleiche Auszeichnung erhielten: der Augenarzt Dr. R. P a d e r st ein- Berlin, Tr. M. G r ä tz - Pankow, Dr. Eugen G v t t s ch a l k - Charlottenburg (gegenwärtig der 2. Sanitätskompagnie der X. Division angehörig), Schwiegersohn des Herrn Rabbiner Tr. Perlitz in Rakel, der Vizewachtmeister der Reserve H e i n r i ch F r i e d r i ch, zweiter Vorsitzender des Fortbildungsvereins Montefiore-Berlin, der Stabs¬ und Regimeutsarzt Dr. C u r t M a n d o w s k y , ein Vetter des Herrn Direktor Dr. Georg Minden-Berlin und Sohn des Vorstehers der jüdischen Gemeinde in Glatz Tr. Albert Mandowsky, der als.Stabsarzt den Feldzug 1870/71 mitgemacht hat. Ter Einjährig- Freiwillige Gefreite H e i n r i ch K o ch m a n n, Sohn des Inhabers der Zigarettenfabrik „Problem" in Berlin, ist znm Unteroffizier im 7. Gardedragonerregiment befördert und mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. Das Eiserne Kreuz erhielten ferner: Tr. med. R o s e n b a u m - Königsberg i. Pr., Vizefeldwebel Leo Kamn i tz e r vom 18. Infanterieregiment Osterode (Ostpreußen), H a r r h M ü l t e r - Breslau, Kaufmann M a x B ö h m - Ratibor, der Unteroffizier Leo L e ß m a n n - Hamburg, Sohn des Verlegers des „Hamburger Israelitischen Familienblatts", Arnhold Bernstein und A r t u r Gold st ein- Hamburg, M a r Elias- Hannover, Ingenieur bei dem Luftschiff „Zeppelin 9", Ernst Dülken- Köln, Hermann L e v i t a - Tiez, Tr. S a l b e r g - Steele, Kaufmann R. Gumpert in Parchim (Mecklenburg), der Musketier Levi Ochs in Herleshausen bei Eisenach, der Einjährig- Freiwillige Gefreite Hermann Rosenau, Sohn des Herrn Hofjuweliers Rosenau in Bad Kissingen, die Herren Otto Ehrenb e r g, Otto W a l l a ch und K a r l B l u m in Kassel und Unteroffizier der Reserve Siegfried S a m u c l aus Köln-Ehrenfeld, der zugleich zum Bizefeldwebel befördert wurde . 6. T. Berlin, 14. Oktober. Professor Tr. Richard M. Meyer wurde am 11. d. M. auf dem Friedhof in der Schönhauser Allee im Erbbegräbnis beigesetzt. Vorher fand im Hause Vvßstraße 16 eine Trauerseier statt. Tie weiten Räume waren mit Leidtragenden überfüllt. Darunter befanden sich: der Rektor der Universität Professor Tr. Planck und der Prorektor G ras B a ud i s s i n : ferner Ulrich v. W i l a m o w i tz - M ö l l e n d o r f f, Bürgermeister Tr. R e i ck e , A d o l f Lasso n , Geheim rat Rießer , Max F r i e d l ä n d e r , Siegfried Ochs, Emil Ludwig, Frau Geheimrat R o e t h e, der niederländische Gesandte v. G e v e r s, Geheimrat Dr. P a n l s e n, die Geheimräte E l st e r « und Meyer vom Kultusministerium, die Professoren See borg, R i e h l und Erd m a n n , Geheimer Admiralitätsrat Professor Tr. Köbner, der Direktor des Grauen Klosters Geheimrat Belle r mann, der Direktor der Commerz- und Tiscontobank Kurt S o b e r n h e i m und andere mehr. Mit Chorgesang begann und schloß die Feier. Jakob Schaffner verlas eine Rede des Professors Oskar Walzet aus Dresden, der selber durch Unpäßlichkeit am Erscheinen verhindert war. Tann nahm der Direktor des Charlottenburger Angnsta-Gymnasiums, Professor Tr. Otto S ch r ö der, der bekannte Bekämpfer des „papierneu Stils", das