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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-10-16 · Heft 42 (16.10.1914) · p. Seite 503

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 42 (16.10.1914)
Date
1914-10-16
Page
Seite 503 (sequence 11)
Language
German
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503 Litkrsrilchr Mittrilungm. „Im Märtyrertum steckt Heldenhaftigkeit nnd kein Wahnsinn." „Das leugne ich nicht, aber ich kann mich dafür nicht begeistern. Es gibt ganz überflüssige Heldentaten." „So halten Sie das Heldentum der christlichen Märtyrer für überflüssig?" „Dasjenige der christlichen Märtyrer nicht, nur das Martyrium der Juden halte ich dafür." Frau Littauer konnte nicht länger an sich halten. Sie ging zu ihrem Sohne hin und umarmte ihn. Auch Frau Sonngott nickte billigend mit dem Kopfe. Gaston entwand sich sanft der mütterlichen Umarmung und fuhr fort: „Die christlichen Märtyrer verteidigten mit ihrem Tode die Idee. Die jüdischen Märtyrer wurden nicht wegen ihres Glaubens getötet — das war nur ein Vorwand — man tötete sie wegen ihrer Abstammung. Diese aber kann man durch keinerlei Demonstrationen verleugnen. Der Jude bleibt auch in der christlichen Religion Jude. Da aber das Interesse der Rasse höher steht als das Religionsinteresse, und da der Mensch sein Rassentum ohnehin nicht ablegen kann, und ihm dieses weder die Kirche, noch eine andere Macht nehmen kann, so ist es ganz überflüssig, wenn sich der Jude in Oel braten läßt, wo er doch sein Rassentum am besten wahren kann, wenn er am Leben bleibt." „Mit einem Worte, Gaston," lachte Frau Sonngott gutgelaunt, „Sie würden sich nicht in den Oelkessel hineinsetzen?" „Nein, wirklich nicht." „Und wenn es darauf ankommen sollte — würden Sie sich taufen?" Das war das punctum saliens. Darauf waren sie neugierig. Auch Else bekam vor beklemmender Erwartung Herzklopfen. Gaston wurde sehr ernst: „Ich weiß es nicht. In der Beziehung habe ich über diese Frage noch nicht nachgedacht. Ich ahnte, daß meine Mutter derlei Ziele verfolgt, aber — verzeihe, Mama, ich dachte, es sei dir nicht ganz ernst damit." „Doch, es ist mir ganz ernst damit", entfuhr Frau Littauer das Geständnis. „Auch dein Vater weiß es. Ich bin fest entschlossen dazu, er schwankt noch. Deshalb hat er dich nach Hause gerufen. „Wenn die Sache so ernst ist, dann sprechen wir nicht darüber", sagte Gaston. „Ist es denn kein interessantes Thema?" fragte Frau Sonngott. „Es ist in so hohem Grade interessant, daß es nicht in den Salon als Unterhaltungsstoff gehört." „Aber schauen Sie, Gaston, wir sind doch unter uns, ich könnte sagen en famille" — und sie blinzelte ihn bedeutungsvoll an. „Nun sagen Sie mir doch, würden Sie sich taufen, wenn irgendein Zweck, irgendein Interesse oder irgendeine Lage es so verlangen würde?" „Ich habe wissenschaftliche Zwecke, und diese verlangen es nicht." „Aber Ihre individuellen Interessen?" „Die sind vielerlei." „Ich weiß es, ich weiß es", sprach Frau Sonngott ungeduldig. „Sie wollen Universitätsprofessor werden. Das aber können Sie nur erreichen, wenn Sie sich taufen." „Dann werde ich mich, nicht taufen. Schämen müßte ich mich, wenn ich den Lehrstuhl dem geänderten Matrikelblatte lrnd nicht meinen wissenschaftlichen Forschungen, Werken und Erfolgen zu verdanken hätte." Noch eine Frage brannte Frau Sonngott aus den Lippen, aber sie getrqute sich jetzt, nicht mehr, weitere Fragen zu stellen. (Fortsetzung folgt.) — Mitteil u n g en zur j ü d is ch eu Volkskunde. Herausgegeben von Dr. M. Grunwald, Rabbiner der israelitischen Kultusgemeinde in Wien. 16. Jahrgang, 4. Heft (der ganzen Reihe 48. Heft) und 17. Jahrgang, 1. Heft (der ganzen Reihe 49. Heft). Diese Mitteilungen erscheinen zugleich als Organ der Gesellschaft für jüdische Volkskunde iu Hamburg. Wien 1913 und 1914. Jahresbeitrag, zugleich Abonnementspreis für die „Mitteilungen" 5 Mark. Die beiden Hefte dieser oft gerühmten Zeitschrift bieten wieder viel Anregendes. Besonders gefallen hat mir die Abhandlung von N. M. Gelber über „Berlbroder, ein Beitrag zur Geschichte der jüdischen Volkssänger". Von den mitgeteilten Volksliedern ist die große Allegorie aus Galizien so unvolksmüßig wie möglich, die aus Mohilew dagegen von kindlichem Sinne getragen und von großer Anmut. Ein sehr lehrreicher Beitrag ist der von A. Z. Jdelsohn „Aus dem geistigen Leben der echt orientalischen Juden in Vorderasien". Ein sehr merkwürdiges historisches Aktenstück ist das Testament Wolf Wertheimers aus dem Jahre 1762: die peinliche Art, mit welcher hier die Bezahlung der Schulden geboten wird, die Forderung, daß der fünfte Teil der nach Bezahlung dieser übriggebliebenen Masse zu milden Stiftungen verwendet werden soll, spricht für den großen Sinn des Testators. Auch sonst sind manche Beitrüge von hohem Interesse, doch können sie nicht alle einzeln erwähnt werden. Dagegen werden in der Bücherschau passende und unpassende Schriften kunterbunt zusammengestellt. Warum ln der genannten Zeitschrift Dumas' „Kameliendame" und Shaws „Pygmalion" angezeigt werden, ist mir nicht klar geworden, denn mit der Volkskunde haben sie herzlich wenig, mit der jüdischen gar nichts zu tun. L. G. # — D l e Frau P r o f e s s o r i n. Eine Schwarzwülder Dorfgeschichte von Berthold Auerbach. Mit einer Einleitung von Dr. Engen Wölbe. Leipzig. Druck und Verlag von Philipp Reclam jun. Die rasch hintereinander folgenden Neudrucke der Auerbachschen Erzählung in der schmucken Ausgabe der Reclamschen Universalbibliothek sind wohl zu begrüßen. Zum Lobe der ausgezeichneten Geschichte „Die Frau Professorin", die das Prädikat: ausgezeichnet verdient, trotz mancher Maneriertheit, braucht nichts weiter hinzugefügt j zu werden, nur wäre zu wünschen, daß der Herr Herausgeber in seinen Einleitungen etwas ausführlicher wäre und anderes behandelte, als er wirklich darstellt. Für die Würdigung der Auerbachschen Erzählungen ist es doch im Grunde recht gleichgültig, ob Vorgänge aus dem Leben des Herrn Baader nnd des bekannteren Professor Heule benutzt sind oder nicht, — das sind literarhistorische Kleinigkeiten, die, so interessant sie auch sein mögen, für die Würdigung der Geschichte nicht ausschlaggebend sein können; das einzig Wichtige für eine solche Einleitung wäre gewesen, zu zeigen, ob und wie der Verfasser imstande gewesen ist, den Gegensatz von Stadt und Land poetisch und philosophisch darzustellen, wie er die Charaktere gestaltet, wie er die Sprache gemeistert hat. Eine Einleitung in ein Dichtwerk muß sich mit dem Inneren dieses Werkes beschäftigen, den Leser auf die Arbeit vorbereiten und zum Genüsse einladen; Bemerkungen über das Aeußere können wohl als Beigabe willkommen geheißen werden, dürfen aber niemals die Hauptsache werden und gewiß nicht das Einzige, was der Herausgeber liefert. Da wir von dem rührigen Herausgeber wohl noch manche ähnliche Edition zu erwarten haben, so wäre es sehr zu wünschen, daß er diese Fingerzeige benutze. L. G. — Der alte israelitische Friedhof zu Worms a m R h e i n. Zwölf Kunstblätter mit Vorwort von Max Levy. Verlag von Christian Herbst, Hofphotograph, Worms. Preis: geb. 4,50 Mark. Ein Kunstwerk vornehmsten Stils; für das, was es bietet, keineswegs teuer. Den Inhalt gebe ich nach einem Artikel der „Wormser Zeitung" wieder. „Die markantesten Grabdenkmäler sind die Erinnerungssteine an die zwölf Märtyrer aus dem Jahre 1096, ferner werden in chronologischer Folge die Grabmale eines Rabbi Baruch (f 1275), Vater des Rabbi Meir, ferner des Rabbi Meir (Mahram) selbst und seines Freundes Wimpfen Cf 1308), eines Mahril (t 1427), Elia Loanz (t 1636), Jnspa Schames (f 1678), Verfassers des Mafe- Nisim-Buches und vieler anderer Gelehrten: Moses Brod Cf 1747), Napht. Hirsch Spitz Cf 1712), Mendel Menachem Rothschild aus dein

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