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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-10-16 · Heft 42 (16.10.1914) · p. Seite 502

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 42 (16.10.1914)
Date
1914-10-16
Page
Seite 502 (sequence 10)
Language
German
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502 die funkelnden Tautropfen, in denen die ersten Strahlen der Fruhfonne 'sich baden.'. - ' " . - \; : Sie seufzten nicht und klagten nicht, sie -zehrten nicht an ihrem Schmerz und ließen nicht den Schmerz an sich zehren. Sie legten bloß die Hände ineinander, und mit einer stillen Wehmut, die eine Art Tapferkeit in Milde sichtbar macht, sagten sie leise: „Unser einziges Kind! Unser Sohn! Er war die Freude unseres Herzens und der Sonnenschein unseres Heims, jetzt bleibt er der Stolz unseres Lebens!" 9hm muß der Vater für den Sohn das Kadisch beten ... So mancher Vater ist daran verblutet, so manches Mutterherz daran gebrochen. Vater und Mutter Friedmann aber bleiben aufrecht. Es ist, als hätte sich diesmal der Heldenmut des Kindes auf die Eltern fortgepflanzt. Vater und Mutter wissen wohl: die Zukunft ist verwischt, und die Gegenwart hat jeden Sinn und die Vergangenheit allen Inhalt verloren. Die Freude im Herzen ist erstorben und wird nimmermehr auferstehen. Des Hauses Sonnenschein ist erloschen und wird nimmermehr leuchten. Nur der Stolz auf ihren heldenhaften Sohn ist ihnen geblieben. Und dieser Stolz wird sie durch ihr freudloses Leben geleiten und ihnen den Mut geben, ihren Kummer in stiller Größe in tragen. Stille Helden! Lebendige Zeugen für die Tapferkeit derer, die fürs Vaterland starben . . . Der neue Christ. Roman von Peter Ujväri. Uebersetzt von Rosa Trencseni. «Fortsetzung) Bein Groll, sein Unwillen der Frau gegenüber, die ihn in Versuchung bringen wollte, waren ganz aufrichtig, aber er konnte sich die Sache nicht mehr aus dem Kopfe schlagen. Der Gedanke hatte sich mit eiserner Gewalt in seinem Hirn festgeankert. Je mehr er sich vor ihm entsetzte, desto mehr reizte, verfolgte, packte er ihn, bis er sich seiner nicht länger erwehren konnte. Die Basilika-Angelegenheit wollte er nicht fallen lassen. Aber wenn die Frau doch recht hatte? Wenn es wirklich Gottes Beschluß war, daß kein anderer als ein getaufter Jude die Kirche bauen sollte? Na, man muß sich in einer Sache von solcher Wichtigkeit nicht voreilig entscheiden. Er werde es mit seinem Sohne bez sprechen, das ist ein kluger Mensch. Und er schrieb dem Sohne, er möge wegen wichtiger Besprechungen für einige Tage nach Hause kommen. II. Gastvn kam nach Hause, aber sein Vater konnte nicht unter vier Angen mit ihn! sprechen, denn Frau Littauer ahnte etwas und hatte zu ihrem Sohne kein rechtes Vertrauen. Auch diesen mußte man erst mürbe machen. Und es kostete gar keine große Mühe, ihn von seinem Vater fernzuhalten. Sie machte mit ihm Besuche bei den Nachbarn, und Gaston ging gern mit ihr, wußte er doch, daß auch die Sonngottschen an die Reihe kommen würden, und dorthin zog es ihn mit Macht. Dort sehnte sich vielleicht auch jemand nach ihm: Else Sonngott. Von diesem Besuch erhoffte Frau Littauer den Erfolg. Frau Sonngott hatte schon ihre Ansichten geäußert und sie billigte dieselben selbstverständlich. Dann hatte Frau Sonngvtt in diesem Falle noch andere Interessen, als bloß die heilige Pflicht der Seelenerlösung. Das Sonngottsche Vermögen hatte sich erheblich vermindert, und es wäre ganz wünschenswert, ihm mit fremdem Gelde aufzuhelfen. Im allgemeinen mochte sie die Juden nicht leiden, immerhin könnte sie sich an den Gedanken gewöhnen, einen jüdischen Schwiegersohn zn haben, wenn dieser kein Jude mehr wäre. Indem sie die Sache derartig erwog, kam sie zu.dem .Ergebnis, daß Gaston Littauer ein annehmbarer Mann sei. Von seinem Geburtsfehler mußte man ihn natürlich erst reinigen, das aber dürfte keine schwere Mühe kosten. Gaston ist Gelehrter und gibt demnach gewiß nicht viel auf die jüdische Religion, dann ist er auch jung und verliebt. Und den verliebten Leuten ist es ganz einerlei, wo immer man ihnen das Stelldichein gibt. Diese begeisterte Christin betrachtete die katholische Kirche als einfachen Ort zum Stelldichein. Die beiden Frauen also verstanden einander, und wie in geheimer Verschwörung verbündeten sie sich gegen Gaston. Sie taten es nach Frauenart. ohne die Geduld und Umsicht der routinierten Verschwörer. Sie zündeten die Lunte ohne Berechnung an, und diese verbrannte, ohne daß die Höllenmaschine explodiert wäre. Frau Sonngott empfing Gaston mit geradezu mütterlicher Zärtlichkeit. Sie küßte Frau Littauer vornehm, hauchartig, aber Frau Littauers ganze Seele entflammte sich an diesem christlichen Kusse. „Wir haben einander sehr lieb," lächelte Frau Sonngott erklärend zu Gaston. „Auch Sie können stolz auf sie sein, Gaston. Wissen Sie, Gaston, sie ist nicht so wie die anderen." Frau Littauer schmolz schier vor Wonne hin. „Sie schmeicheln mir nur," sprach sie, das Kompliment bescheiden ablehnend. Frau Sonngott wurde beinahe böse: „Ich pflege niemandem zu schmeicheln. Auch Ihnen, meine Liebe, würde ich nicht schmeicheln. Jedoch sind Sie wirklich nicht so. Wissen Sie, Sie sind ganz anders." Gaston hörte diesem Gespräch nur mit halbem Ohre zu. Er betrachtete Else, von deren Antlitz plötzlich das süße, sonnenhelle Lächeln gewichen war, mit welchem sie ihn beim Eintreten begrüßt hatte. „Gaston, Sie sind ein gelehrter Mann; Philosoph, oder Anatom, oder was weiß ich was. Sie müssen so etwas verstehen. Nun sagen Sie mir, ob ich nicht recht habe, wenn. ich behaupte, daß Ihre liebe Mama nicht so ist, wie die anderen." Else erbleichte. Sie heftete ihre großen, blauen Augen auf Gaston und wartete mit angstvollen Blicken auf seine Entgegnung. Gaston hatte die feine Distinktion verstanden. „Mama ist wirklich anders", sprach Gaston lächelnd. Else kräuselte ihre Lippen: „Und Sie sind stolz darauf?" fragte sie scharf. "Ich freue mich darüber", erwiderte Gaston. „Sie freuen sich darüber?" „Ja, ich freue mich darüber. Sehen Sie, Else, es waren unter den jüdischen Frauen solche von sehr gefährlichem Temperament. Stellen Sie sich nun vor, daß auch meine Mutter von dieser Art wäre. Daß sie so wäre, wie die Mutter der Makkabäer. Daß sie so wäre, wie jene berüchtigte Hanna, die sieben Söhne hatte und die kaltblütig zusah, wie die Heiden sechs von ihnen in Stücke geschnitten, ans Kreuz genagelt, in Oel gebraten haben, weil sie ihren Gott nicht verleugnen wollten, und als die Reihe an den jüngsten kam, den sie am meisten liebte, da ermunterte sie auch diesen: er möge sich nur schön ruhig in den Oelkessel hineinsetzen. Wenn meine Mutter auch so wäre! Meine Mutter ist wirklich nicht so." Else lächelte und reichte Gaston die Hand. Die beiden Frauen wußten nicht ob sie sich ärgern, oder ob sie auch lächeln sollten. Sie hatten die Sache nicht recht begriffen. „Ihre Hanna war wohl verrückt?" brach aus Frau Sonngott der Unmut hervor. „Freilich war sie verrückt", stimmte Gaston zu. „Jenes Märchrertum hat keinen Sinn gehabt." Else wurde jetzt ernstlich böse:

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