Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-10-16 · Heft 42 (16.10.1914) · p. Seite 501

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 42 (16.10.1914)
Date
1914-10-16
Page
Seite 501 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229123-3229166--70798-3283164
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

501 teten, btn außerordentlichen Erfolg feiner Karriere, zir verdanken hatte. Da die Prinzipien, die er hier aufstellt, noch jetzt für das geschäftliche Leben unserer Glaubensgenossen als Richtschnur dienen müssen, sei es mir gestattet, sie hier zu Nutz und Frommen dieser Kreise wiederzugeben: „Man muß das Martyrium, das unsere Glaubensgenossen nahezu 2000 Jahre durchgemacht haben, tief empfinden und Trost in der strengen Befolgung nicht nur der Formen, sondern der ethischen Grundsätze des Mosaismus suchen, die bestanden in strenger Rechtlichkeit, absoluter Schonung fremder Interessen und wahrhafter Menschenliebe. Es darf nie abfällig über Nebenmenschen geurteilt werden. Die Unterstützung der Armen ist nicht eine Tugend, sondern eine Pflicht, und ebenso ist die Pflege der Wissenschaft ein Gottesdienst. .Ich finde, daß die Intentionen, die bei der Armenunterstützung obwalten, falsche sind. Die Unterstützung der Armen ist aus natürlichen Gründen und auch dem mosaischen Gesetz gegenüber keine sogenannte Gnadengabe des Reichen, sondern eine Pflicht, nach der der reiche Mann seinen Ertrag nicht genießen darf, ehe er nicht einen entsprechenden Teil davon an die Armen gegeben. Tie ganze Natur besteht aus Ungleichheiten, die sich gegenseitig ergänzen. Ebenso! inuß der wohlhabende Mann von seinem Ueberfluß an die , Armen abgeben. Als Beweis hierfür, wie sehr das in der Natur des Menschen gelegen ist, diene der Umstand, daß, wenn man selbst dem hartherzigsten Mann einen Armen zu seiner wohlbesetzten Tafel setzte, demselben sein reiches Mahl nicht inunden würde, ehe er den Hunger des Armen nicht gestillt ivüßte. Nur weil der Arme dem Reichen fernsteht, wird er : vergessen, und man sieht es irrigerweise als eine besondere j Muiusizenz an, wenn man sich seiner erinnert. Es ist demnach ' die Pflicht der Legislative, zwischen die beiden Faktoren zu; treten und durch eine Armensteuer für die Armen absolut zu! sorgen und dieselben nicht den Zufälligkeiten preiszugeben, die mit den sogenannten Gefühlsregungen im Zusammenyange stehen. Gegenüber von poptiven Mängeln muß * gostnve Hrlse stattfinden. Die Armut ist eine positive, nie aufyorende Krankheit der menschlichen Geseuschast, und dieser i gegenüber müssen eben ganz sichere Faktoren austreten, um sie; zu vekämpfen . . . Alle Humanität jedoch fließc aus der Gegnnung. Es ist daher das wichtigsre Erziehungsinstrument oer menschlichen Gesellschaft die Religion. Sie gibt den Leh- , ren der Eltern den Kmdern gegenüver die Autorität Gottes j und ist auch eine unentbehrliche Stütze der Erwachsenen. Sie! wahrt im Leid vor Verzweiflung, in Freuden vor Uebermut. Die für das menschliche Wohlbefinden geistig und sittlich fortschreitende Ethik ist wohl auch durch die Philosophie und durch die Erfahrung, die die menschliche Gesellschaft gemacht hat, genügend motiviert. Allein der Mensch ist nicht immer disponiert, Philosophie zu treiben noch sich mit der Vergangenheit der menschlichen Gesellschaft zu beschäftigen. Hingegen begleitet den Menschen das Gottesbewußtsein überallhin, sofern er es dahin gebracht hat, dieses erhabene Gefühl in! sich aufzunehmen. Es schützt ihn nicht bloß in Wort und Tat,! sondern es reinigt auch die Gedanken und Empfindungen des Individuums, was absolut notwendig ist, weil aus der Empfindung und den Gedanken doch schließlich die Tat hervorgeht. Die mosaische Religion hat den Vorzug, daß sie kein Dogma hat, und dasjenige, was uns vorgeschrieben ist, nämlich das Sittengesetz, ein Gemeingut der gesamten zivilisierten Menschheit ist, wir sohin nicht notwendig haben, an Dinge 31t glauben, die mit der modernen Wissenschaft in Widerspruch stehen." Stille holden. Von 3. Meisel s. it2 3 war ein glückliches Heim, das Heim der Familie Aron Friedmann. Es war ein jüdisch-biblisches Heim, wie es uns der Psalmist in kurzen allegorischen Zügen ergreifend und entzückend malt. Ein guter Vater, eine zärtliche Mutter und ein wackerer Sohn wohnten darin in friedlicher Ruhe und liebevoller Eintracht; das natürliche Bündnis der Familie war hier durch das Gefühl der Hingebung, der innigen Zusammengehörigkeit gleichsam zu einem göttlichen Bündnis vervollkommnet. Vater und Mutter Friedmann waren zwei glückliche Atensehen. In ihren Herzen wohnte die Freude, und in ihrem Hause lachte der Sonnenschein. Ihre Herzensfreude und ihres Hauses Sonnenschein - - das war ihr Sohn, ihr einziges Kind, ft ein Wunder also, daß sie alles, was sie Weiches und Gutes im Herzen hatten, für diesen ihren Sohn aufsparten. Ein Sohn! Das ist, was der Jude für gewöhnlich sagt, ein Schein auf die Zukunft, ein Kadisch. Ein Sohn ist der Träger des väterlichen Namens, ein frischer grünender Zweig am alten Stamme. Deshalb wurde der Sohn mit großer Sorgfalt erzogen, unter ständiger, liebevoller Obhut, auf daß er dereinst seiner Väter Namen Ehre machte. Die Eltern sorgten und strebten und mühten sich durch alle die Iünglingsjahre ihres Kindes und sahen mit Freude den Jüngling zum Manne reifen. Der Sohn wurde selbständig. Die Eltern hatten lange genug gesät, nun konnte der Sohn ernten. Die Eltern verlangten keinen Lohn, keinen Dank. 9htr aus den Allgen wollten sie ihn nicht verlieren; sie wollten auch fernerhin seine Leiden teilen, seine Freuden mitgenießen . . . Da stürmte plötzlich der Krieg ins Land. Weither, sah man seine Flammenzeichen rauchen, fernher hörte man seine Donner rollen. Die Kernschar der Nation eilte zu den Fahnen, des Volkes siegessicherer Arm griff nach dem Schwert. Die Kraft des Vaterlandes, in Frieden gesammelt, wuchs mit ungestümer Gewalt 31t einer mächtigen Feuersäule empor, deren Strahlen dem eigenen Volke leuchteten und deren Flammen durch die Reihen der Feinde sengend und verheerend fluteten. In den ersten Reihen der jungen Krieger focht auch der Sohn Aron Friedmanns. Er kämpfte mit jenem Heldenmut, der des Mannes höchste Tugend, die Todesverachtung, zeitigt. Wild tobte der Kampf am Wasgenwald. Alls tailsend Mündungen spien die Geschosse verheerende Flammenbäche aus. Ein Gewitter von Kllgeln lrnd Granaten ergoß sich über das Schlachtfeld. Tie Geschütze dröhnten, die Gewehre knatterten, aber die Krieger achteten der feindlichen Kugeln, der feindlichen Granaten nicht. Mit verwegenem Mute, mit wilder Seligkeit stürzten sie sich in das Feuer der Schlacht . . . Stundenlang währte die Schlacht. Stundenlang kämpfte, Schulter an Schulter mit seinen Kameraden, der Sohn Aron Friedmanns. Er kämpfte mutig, tapfer, schweigend, mit unbezähmbarer Energie, bis er, von einer feindlichen Kugel getroffen, als eines der ersten Opfer für die gerechte Sache fiel. Er siel — den Feind im Auge und im.Herzen das Vaterland und ein „Schüna Jisroel" auf den Lippen . . . Als Vater und Mutter Friedmann den Heldentod ihres einzigen Kindes erfuhren, entrang sich kein Sellfzer ihrer Brust, und keine Klage kam über ihre Lippen. Nur ihre Allgen füllten sich mit Tränen, und die Tränen glänzten wie

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.