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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-10-16 · Heft 42 (16.10.1914) · p. Seite 500

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 42 (16.10.1914)
Date
1914-10-16
Page
Seite 500 (sequence 8)
Language
German
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500 Wohlstand, sondern auch durch wissenschaftliches und humanitäres Bestreben bekannt und angesehen. Die zahlreichen gesellschaftlichen Beschränkungen, die auf allen geistigen und materiellen Lebensinteressen lasteten, hätten die Leipniker bezw. mährischen Juden moralisch vernichten müssen, wenn sie nicht der Gedanke aufrechterhalten Hütte, daß sie für ihre Religion dieses Opfer brachten. Daher suchten sie im Ghetto Trost in dem Bewußtsein, daß einst bessere Tage kommen würden. Mit dieser Zuversicht im Herzen fanden sie Beruhigung in der strengen Einhaltung der Religionsvorschriften, und daher hegten sie den Ehrgeiz, als Schriftgelehrte zu gelten und sich durch Unterstützung der Armen auszuzeichnen. Reizende Genrebilder vom damaligen jüdischen Familienleben entwirft der Verfasser. „Alle Familienväter, selbst die ganz ununterrichteten, die ganze Woche zumeist außerhalb ihres Wohnortes mühsam und sorgenvoll mit dem Erlverb beschäftigt, kamen Freitags nach Hause, brachten die schwer errungenen Ersparnisse ihrem Weibe, kleideten sich hübsch an, besuchten mit ihrer Familie die Synagoge, lebten den einen Tag vergnügt und glücklich, um dann Sonntag früh die mühsame Wanderschaft wieder anzutreten, auf lvelcher sie durch das Bewußtsein gestärkt wurden, daß sie für Frau und Kind arbeiteten." Bezeichnend für die damaligen Verhältnisse ist es, daß in jeder Gemeinde ein sogenanntes Beth Tin bestand, dem drei angesehene Schristgelehrte nebst dem Rabbiner des Ortes Vorständen, und dessen Aufgabe es war, Differenzen gesellschaftlicher wie materieller Natur nach dem mosaischen Gesetze friedlich zil schlichten. Geleitet wurden sie zu dieser Ge-! pflogenheit durch den natürlichen Wunsch, mit ihren Angelegenheiten nicht die Gerichte zu behelligen, sondern sie unter sich 31t ordnen. Ein sehr geachtetes Mitglied und Vorsitzender eines solchen > Kollegiums war auch der Großvater Wilhelm Gutmauns! namens Isaak Gutmann. Er stammte aus Kol in in Böhmen j und gehörte dort einer geachteten Familie an, aus deren! Mitte mehrere Rabbiner stammen. Er heiratete in eine reiche! Familie ein nach Leipnik. Dem Einfluß seines angesehenen! Schwiegervaters war es gelungen, ihm dort eine sogenannte! Familienstelle und damit die Möglichkeit zu verschaffen, sich! zu verheiraten. Er führte ein sehr glückliches Familienleben und wlrrde nahezu 00 Jahre alt. Sein Erwerb war die Erzeugung von kleinen Schafwollwaren. Ter Bater des Ver-; fassers hieß Markus Leopold Entmann, er widmete sich theologischen Studien, ohne jedoch davon einen praktischen Gebrauch zil machen, denn bald nach seiner Verheiratung ' importierte er unter Leitung seiner Verwandten Wolle aus! Ungarn, um dagegen die fertige Ware dann zu exportieren. j Bezeichnend ist, was Wilhelm Gutmann von den Er-! ziehungsgrundsätzen seines Vaters mitteilt: „Er hatte in der Erziehung seiner Kinder die Methode, ihnen nicht Moral j zu predigen, sondern vielmehr die Gewogenheit nach jeder Mahlzeit, zlnneist aber abends, eine belehrende Unterhaltung,! hauptsächlich mit dem Hofmeister, zu Pflegen, mit der Absicht, Personen aus der Geschichte unserer eigenen Familie und der jüdischen Religionsgenossenschaft überhaupt zu erwähnen, die sich durch wissenschaftliche Bedeutung und wahrhaft opfermütige Frömmigkeit allszeichneten. Das Leben eines damaligen Israeliten war ja ein fortlaufendes Martyrium, weshalb es keine Mühe kostete. Lebensgestalten zu schildern, die geeignet waren, aus die Entwicklung des Empfindungsvermögens junger Gemüter vorteilhaft 31t wirken. Unterstützt wurde diese Erziehungsart von der Lebensweise; meiner Eltern und von der Achtung und den Sympathien, >! die sie allgemein genossen haben. Es wurde z. B. keine Mahlzeit von der Familie eingenommen, ohne einen Teil davon an Arme zu überlassen, nebst Geldspenden, die vor Feier¬ oder Samstagen verteilt wurden. Es war nicht gestattet, sich über jemanden abfällig 311 äußern, weil die mosaische Religion verbietet, jemanden zu verurteilen, bevor man sich nicht selbst in seiner Lage befunden hat, und da dies nun nicht möglich ist, so ist man verpflichtet, von seinen Nebenmenschen so lange das Beste zu denken, als man nicht vom Gegenteil überzeugt ist und nicht mit ihm in näheren sozialen oder geschäftlichen Verkehr tritt, in welchem Fall es allerdings gestattet ist, sich von der Verläßlichkeit vorher zu überzeugen. Es hat dies den praktischen Wert, daß man, indem man von seinem Nebenmenschen Gutes denke, gleichzeitig ein gutes Vorbild hat, dem namentlich junge Gemüter gern folgen." Von dem religiösen Sinn seines Vaters gibt der Autor der Lebenserinnerungen manche lehrreiche Beispiele. Hier nur einiges davon: „Gutmann sen., der nahezu 40 Jahre als angesehener und wohlhabender Kaufmann und Industrieller in Leipnik gelebt, hatte durch Mißerfolge aller Art sein Vermögen verloren. Bald darauf erkrankte er lebensgefährlich. Nachdem er; ungefähr drei Vierteljahr lang das Bett gehütet, wurde er j von seinem Lieblingsneffen, dem Rabbiner Schrötter aus Lundenburg, der selbst sehr kränklich, in Gemeinschaft mit anderen Freunden besucht. Der Rabbiner sprach ihn mit den Worten an: „Onkel, Sie haben sich in Ihrem ganzen Lebenslauf bemüht, nach dem Willen Gottes zu leben, und in den letzten Jahren mußten Sie so furchtbar leiden. Ich bitte, sagen Sie mir, sind Sie mit Gott zufrieden?" Mühsam richtete sich der Schwerkranke von seinem Lager auf, faltete die Hände und sagte in hebräischer Sprache: „Gott des ganzen Weltalls, ich wünsche, du wärest mit mir so zufrieden, wie ich es mit dir bin. Alles, was Gott tut, ist wohlgetan." Ergriffen von dieser Szene, verließen die Anwesenden das Krankenzimmer. Nur die Gattin, der zwölfjährige und älteste Sohn unter sieben unversorgten Kindern, blieben im Zimmer des dem Tode Verfallenen zurück. Frau Gutmann war sehr erschüttert, doch suchte sie ihr Mann zu beruhigen, indem er zu ihr mit erhobener Stimme sagte: „Mein geliebtes Weib, beruhige dich. Ich gebe dir die Versicherung, daß Gott dich nicht verlassen wird, und daß du für deine Kinder so wirst sorgen können, als wenn ich dir ein bedeutendes Vermögen hinterlassen würde." Wilhelm Gutmann, der spätere Kohlenkönig Oesterreichs, studierte ursprünglich Theologie und bereitete sich zum Rabbinat vor. In Leipnik, dann jn Tapolesan und Zsambokrot in Ungarn saß er zu Füßen großer Talmudisten, doch befriedigte ihn die Gottesgelahrtheit nicht. Trotz alledem konnte er sie nicht aufgeben, da er, allezeit ein pietätvoller Sohn, den Willen seines sterbenden Vaters erfüllen wollte. Um jedoch der bald nach dem Tode des alten Gutmann eingetretenen Not in der Familie zu steuern, hielt er sich als ältester Sohn für verpflichtet, die Mutter in der Versorgung der jüngeren Geschwister zu unterstützen und so dem Talmudstudium Valet zu sagen. Nur mühsam und nach jahrelangen schweren Entbehrungen und Kämpfen gelangte er zu einigem Wohlstand, um später, unterstützt durch seine reichen Erfahrungen, seinen kühnen Unternehmungsgeist und seine soliden Grundsätze, die ihn als Großkausmann alle Zeit auszeichneten, zu einem vielfachen Millionär zu werden. Ich übergehe die Schilderung der glänzenden kommerziellen Laufbahn der Selfmademans und will nur hervorheben, daß der Verfasser sich alle Zeit dessen bewußt war, daß er lediglich den Grundsätzen, die ihn zeit seines Lebens lei-

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