Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 42 (16.10.1914)
- Date
- 1914-10-16
- Page
- Seite 499 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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3 - 499 —- hatte. Paul heiratete Dorothea Auguste, Prinzessin von Württemberg; seine Söhne, Alexander I. und Nikolaus I., waren also schon nur 7i« russisch und 15/i« germanisch. Nikolaus I. heiratete die Prinzessin Charlotte von Preußen; sein Sohn Alexander II. war schon nur zu einem Zweiunddreißigstel russisch, und da er eine Prinzessin von Hessen-Darmstadt heiratete, reduzierte sich das Slawentum des dritten Alexander aus ein Vierundsechzigstel, und das des jetzt regierenden Zaren, Sohnes einer dänischen Prinzessin, auf % Prozent; unter hundert seiner Blntkügelchen ist also nicht eines ganz slawisch oder russisch. Begreiflicherweise ist bei den „echten Russen" gar vieles aus romanowischen Zeiten erhalten geblieben, das, von den Reformen Peters unterdrückt, jetzt wieder aus den Tiefen des Volkes hervortritt. „Kratzt man die Haut des Russen ab, so findet man den Tartaren", hat vor langer Zeit ein Franzose gesagt. Pogrome, Verfolgung und Ausplünderung von Fremden und Andersgläubigen sind wiederholt von Geistlichen gepredigt, vom niederen Volke begonnen worden, Peter der Große hat ihnen Einhalt getan; deshalb ist er bei diesem nicht beliebt, und nur um populär zu sein und sich auf dem Throne zu erhalten, gibt sich Nikolai für einen Russen aus. Aus den Lrmnrrungrn rmes Milchen Grohkaukmanns aus der alten guten Leit. Von Dr. Adolph Ko Hut. Nachdruck verboten. m Jahre 1914 werden es zehn Jahre, seitdem einer der \ geachtetsten Großkaufleute Wiens, Wilhelm Ritter v. Gutmann, der Jahre hindurch Vorsteher der Wiener israelitischen Kultusgemeinde und einer der wirksamsten Förderer aller israelitischen Interessen war, in kühler Erde ruht. Erst jetzt wird bekannt, daß er, der schlichte und einfache Mann, der von seinen Wohltaten und seinen verdienstlichen Handlungen wenig Aufhebens machte, anläßlich seiner 40jährigen selbständigen geschäftlichen Tätigkeit seine „Memoiren" handschriftlich für seine Kinder und Familie ausgezeichnet und für diesen engen Kreis als Manuskript gedruckt hat. Durch das liebenswürdige Entgegenkommen eines ihm im Leben nahegestandenen Wiener Gelehrten wurde ich in die Lage versetzt, in diese höchst interessanten „Erinnerungen" einen Blick zu werfen. Ich glaube, daß die hier auszugsweise mitgeteilte Schilderung aus dem jüdischen Familienleben in der „alten guten Zeit" nicht allein in Oesterreich, sondern auch bei uns lebhaftes Interesse erwecken werde, und dies um so eher, als das' Ghettoleben von Anno dazumal immer mehr aus der Erinnerung der Zeitgenossen schwindet. Wilhelm Gutmann, der später vom Kaiser von Oesterreich in den Ritterstand erhoben wurde, verlebte seine Jugend in dem Städtchen Leipnik in Mähren, inmitten eines fruchtbaren Tales an dem Flüßchen Betschwar reizend gelegen. Die Bevölkerung bestand und besteht heute noch aus Katholiken und Israeliten. „Zwischen beiden Religionsgenossenschaften bestand eine vollständige gewerbliche und gesellschaftliche Scheidung. Nach den damaligen Gesetzen waren die Leipniker Glaubensgenossen lediglich Schutzjuden des dem Fürsten von Dietrichstein gehörigen Dominiums. Sie durften nur in der Judengasse wohnen, und im Erwerb waren sie fast ausschließlich auf den Handel beschränkt. Selbst , das Kleingewerbe durften sie nur in geringfügigem Maße ausüben. Ein Umzug in eine andere Judengemeinde oder in ein anderes Judendorf war ihnen nicht gestattet. Land durften sie nicht erwerben, und die Pachtung eines Gutes erfolgte nur dann, wenn dies durch kaiserliche Gnade ihnen erlaubt war. Das traurigste war die gesetzliche Bestimmung betreffs der Zunahme der jüdischen Bevölkerung. Es waren durchaus Pharaonische Zustände nach berühmten Mustern." In jeder jüdischen Gemeinde war die bestimmte Zahl der Familien vorgeschrieben. Einem jungen Mann ward 31t heiraten nur dann erlaubt, wenn ein Gemeindemitglied gestorben und dadurch eine Familienstelle leer geworden war. Ein derartiges grausames Gesetz führte manchmal recht tragische Fälle herbei. So kam es vor, daß junge Leute, die sich lieb hatten und gern heiraten wollten, Jahre hindurch auf den Tod eines anderen warten mußten. Entschlossen sie sich dennoch, ohne Erlaubnis der politischen Behörde in den heiligen Ehestand zu treten, waren ihnen Verfolgungen grausamster Art gewiß. Die betreffenden Behörden pflegten in solchen Fällen die Familien an einem Feiertag oder Sabbat zu überraschen und die Ehegatten zu verhaften. Die Frau wurde dann als Konkubine behandelt und gegen Mann und Frau die Anklage wegen Konkubinats erhoben. Auch finanziell ging es den Juden Leipniks schlecht. Sie mußten eine ganz ausnahmsweise hohe Verzehrungssteuer zahlen. So z. B. von jedem Pfund Fleisch drei Kreuzer, von einer Gans 20 Kreuzer, von einer Ente 10 Kreuzer, von einem Huhn 10 Kreuzer, von jedem Pfund Fisch drei Kreuzer und von jedem Eimer konsumierten Weins drei Gulden Konventionsmünze. Wurde diese Judensteuer nicht pünktlich und vollständig entrichtet, so drangen die Finanzwächter in die jüdischen Familien und übten an Ort und Stelle Justiz, die sogenannte Gerechtigkeit. Trotz dieser ihrer drückenden gesellschaftlichen Lage unterhielten die Juden mit den Christen regen und zumeist angenehmen geschäftlichen Verkehr, woraus sich zuweilen ein 1 sehr freundschaftliches Verhältnis zwischen den Anhängern der beiden Konfessionen entwickelte. Die christliche Bevölkerung ernährte sich zumeist von der Landwirtschaft, die dort vermöge der vorzüglichen Beschaffenheit des Bodens einen guten Ertrag lieferte. Das Städtchen jj Leipnik durchzieht die Kaiserstraße, die vor der Zeit des Vor- { handenseins der Eisenbahnen eine sehr wichtige und belebte k Verkehrsstraße bildete. Sie war fast ununterbrochen be- - fahren, zumeist von vier-, sechs- und achtspännigen Wagen. Leipnik gab eine sehr beliebte Raststation für diese Fuhrwerke ab, wodurch eine große Anzahl von Gastwirten, Fleischern, Bäckern, Schmieden usw. einen guten Erwerb fand. Leider aber konnte sich die jüdische Bevölkerung an diesen Geschäften nicht beteiligen, weil sie nicht außerhalb des Ghettos wohnen durfte. Auch in industrieller Beziehung zeigte sich Leipnik sehr rührig. Mehr als 200 Tuchmachermeister beschäftigten zahlreiche Gesellen zur Anfertigung der damals sehr beliebten Flanelle. Allein auch dieser Industriezweig war den Juden nicht zugänglich, weil sie, wie gesagt, lediglich auf das Ghetto angewiesen, in ihren Wohnungen nicht die erforderlichen Räumlichkeiten für den industriellen Betrieb finden konnten. Wohl aber entstand daraus ein kommerzieller Erwerbszweig. Sie lieferten nämlich den Flanellfabrikanten die Schafwolle, die sie in der Regel aus Ungarn importierten, und kauften dagegen die fertige Ware, um sie nach weiten Entfernungen, bis tief in Ungarn, zu verwerten. Leipnik hatte im Wollgeschäft auch für die Nachbarschaft Wichtigkeit, denn die gleichfalls im Tuchmachergewerbe tätigen Städte wie Weißkirchen, Odrau u. a. kauften ihr Rohmaterial in Leipnik. Da nun das Wollgeschäft im großen Umfang betrieben werden konnte, war infolgedessen fast die gesamte jüdische Bevölkerung wohlhabend und Leipnik als die hervorragendste Gemeinde in Mähren nicht nur durch