Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 42 (16.10.1914)
- Date
- 1914-10-16
- Page
- Seite 498 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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-. 498- Feind herangekommen, und zahlreiche Juden, die in den Regimentern des Ostens dienen, waren so überhebungsvoll, an diesen Strapazen teilzunehmen mit der gleichen Begeisterung und der gleichen Zähigkeit wie jeder einzige Mann, in gleichem Schritt und Tritt mit ihren Kameraden. Mehrere Gefechte hatten schon stattgefunden; im hieß es am 26. August, als sich das Danziger Grenadierregiment Nr. 5 bei L ... . gerade vor einer unzweifelhaften feindlichen Uebermacht befand: „Freiwillige zrir Patrouille vor." Als einer der ersten meldet sich der jüdische Unteroffizier der Reserve Friedrich St., ein frischer, zwanzigjähriger Jüngling, aus dessen Augen Reinheit lind Mut leuchten. Der Leutnant, der das innige Familienleben seines Unteroffiziers kennt, fragt: „Wollen Sie denn durchaus dabei sein? Denken Sie doch an Ihre Eltern." Prompt kommt die Antwort: „Jetzt kenne ich keine Eltern, jetzt kenne ich nur das Vaterland!" Sprach's und ging erhobenen Hauptes dem Tode entgegen, denn eine ans dem Hinterhalt heraus wohlgezielte Kugel brachte ihm an der Seite seines Leutnants den Tod. Wie gefällt dem Verband gegen Ueberhebung des Judentums diese Erzählung, -deren Wahrheit verbürgt ist? Kann cs für sein Blatt „Auf Vorposten" einen passenderen Inhalt geben? Aber vielleicht nennt der Verband es eine „echtjüdische Anmaßung", daß eine selbstverständliche Pflichterfüllung, die jeder Mann im Heer zu leisten hat, zu einer Heldentat aufgeputzt wird. Gewiß, auch wir Juden sagen: e i n Held nur, einer unter vielen Tausenden! Gewiß, auch wir nennen solche Tat eine Selbstverständlichkeit, aber sollten wir dann nicht auch verlangen bürgen, daß uns gegenüber das Selbstverständlichste, die Schonung unserer menschlichsten und heiligsten Empfindungen, unserer Familienliebe, unseres Ehrgefühles, unserer Vaterlandstveue, mindestens in diesen schweren Tagen geübt werde? — Was ist die Hinterlist des Feindes, dessen Kugel einen unserer Glaubensbrüder trifft, gegen die schurkenhafte, niedrige Gesinnung, die unseren Söhnen, die in der Front stehen, vergiftete Pamphlete nachsendet, um den jüdischen Kriegern das zu nehmen, was allein aufvechterhält im Kämpfen und im Sterben: das Bewußtsein des gleichen Zieles, des gleichen Loses aller. Ist der Gedanke der Einheit des deutschen Volkes, den das herrliche Kaiserwort als das heilige Banner dieses Krieges entrollt hat ist diese Einmütigkeit, zu. der wir deutschen Juden bis zum letzten Tropfen unserer Kraft die Bausteine herbeitragen, der verdorbenen Phantasie oder der erwerbsgierigen Sensationslust jedes gewissenlosen Skribenten schutzlos pveisgegeben? Regt sich nirgends - nicht in den hochstehenden Männern und Frauen, die über den Opfersinn der jüdischen Bevölkerung das berufenste Urteil abgeben können — nicht in den Organen der öffentlichen Meinung - nicht an den verantwortlichen Stellen der Heerführung —- nicht in allen rechtlich und ehrenhaft Denkenden einmütig und laut die Entrüstung über solch tempelschänderisclies Beginnen? In dem Walde bei L ... . schläft auf Vorposten an der Ostmark unter einem kleinen Hügel, Seite an Seite -mit einem christlichen Kameraden ein junger Jude und träumt vielleicht davon, daß sein Blut geholfen habe, des Vaterlandes Einigkeit zu kitten. Wir aber, die wir für das deutsche Vaterland leben - und leben wollen, wir drücken die Hand auss schmerzlich zuckende Herz und wissen, daß die Opfer, die wir deutschen Juden in diesem Kriege bringen, vor dem Richterstuhl der Geschichte, vor dem Gotte der Gerechtigkeit doppelt wiegen. Rabbiner Dr. R. K älter- Danzig. Lür Nikolaus II. gibt lich källchlich kür einrn Slawen aus. Von Dr. Marcus Land« u. s ist eine durch Tausende von Beispielen zu beweisende Regel, daß Apostaten und Renegaten die ärgsten Feinde und Verleumder des Volkes oder der Religion, von der sie abgefallen sind, werden oder wenigstens sich als solche ausgeben, als solche -handeln, um das Vertrauen und die Gunst ihrer neuen Genossen jtt erlangen. Wer spielt nun jetzt den eifrigsten Deutschenfeind, den „echten Russen", den Vorkämpfer seiner „slawischen Brüder", die er aus fremder Tyrannei befreien -will, um sie dann selbst zu unterdrücken, zu versklaven? Wer anders als — Väterchen Zar, der „Selbstherrscher aller Reußen"! Aus diesen Aeußerungen und Tatsachen allein könnte man schließen, daß die jetzt Rußland Regierenden Apostaten von einer anderen Nationalität find, daß ihr ganzes Slawentum eine Lüge ist. Aber wir brauchen uns mit einer bloßen Schlußfolgerung nicht zu begnügen, historische und genealogische Werke liefern uns den Beweis, daß selbst der geschickteste, mit dem schärfsten Mikroskop bewaffnete Forscher in den Adern des jetzt regierenden Zaren kaum einen Tropfen slawischen Blutes finden könnte. Schon vor mehr als einem Jahrtausend haben die Russen nord-germanische Helden herbeigerufen-, um durch sie eine geordnete Regierung zu erlangen. In einem Gespräch mit einem Engländer nannte Zar Iwan HI. (t 1584) die Russen Lügner und Betrüger, und als der Engländer — vernünftiger als Georg V. und seine Minister — ihm dagegen bemerkte, daß er ja selbst Russe sei, berief sich der Zar auf seine normännifche Abstammung. Ob er und seine Ahnen, die zwei Jahrhunderte lang Vasallen der Tartqren gewesen sind, vor den Großkhanen mit dem Kopf auf den Boden schlugen und kniend den- Tribut überreichten, wirklich von dem Normannen Rurik abstammten, ist sehr zweifelhaft, aber man möchte es glauben, wenn man sich an die Worte des großen englischen Redners Edmund Burke die sehr gut auf die Herrscher- Rußlands passen, erinnert: „Sie waren Lehrlinge der Tyrannei, um selbst Meister darin zu werden." Als diese Großfürsten sich sklavisch vor dem Großkhan, seinen Weibern und Beamten beugten, um ein Stück Land oder einen hohen Titel zu -erlangen, trugen süson Habsburger die deutsche Kaiserkrone, und jetzt wagt es ein Minister des Zaren von der Keckheit Oesterreichs zu reden! - Aber gesetzt auch, daß der junge Michail, der nach langem Bürgerkrieg und Kämpfen mit den Polen, an denen er nicht teilgenommen hat, als Erster aus der Familie des Bojaren Roman Sacharinitsch im Jahre 1613 durch die Schlauheit seines Vaters, des Bischofs Feodor, und den Aberglauben des Volkes auf den russischen Thron -gelangte, ein Slawe war, so wurde des russischen oder slawischen Blutes bei seinen Nachrolgern immer weniger. Die ersten von ihnen haben noch Russinnen geheiratet, aber schon Peter, genannt der Große, hat nach Verstoßung seiner ersten Frau Eudoxia Lopuchin, die schwedische oder estländische schlaue, aber nicht sehr ehrbare Jungfer Katharina aus Marienburg geheiratet, die ihm zwei Töchter, Anna und Elisabeth, gebar. Diese waren also nur zur Hälfte russischen Bluts. Anna, welche 1728 gestorben ist, hatte den Herzog Friedrich von Holstein-Gottorp geheiratet und ihm den Zar Peter Hl. geboren, der also nur -ein Viertel russischen Blutes hatte. Seine Gattin, die berühmte, vielliebende Katharina ll„ war eine Prinzessin von Anhalt-Zerbst lind gebar Paul I., der demnach (vorausgesetzt, daß er ein ehelicher Sohn war) schon nur «in Achtel russischen Mutes