Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 42 (16.10.1914)
- Date
- 1914-10-16
- Page
- Seite 495 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- 495baut erklärte, die Verantwortung für die Beschießung übernehmen zu wollen, begann mitternachts vom 7. zum 8. Oktober die Beschießung der Stadt. Zu gleicher Zeit setzte der Angriff gegen die innere Fortslinie an. Schon am 9. Oktober früh waren zwei Forts der inneren Linie genommen, und am 9. Oktober nachmittags konnte die Stadt ohne ernsthaften Widerstand besetzt werden. Die vermutlich sehr starke Besatzung hatte sich anfänglich tapfer verteidigt. Da sie sich jedoch dem Anstürme unserer Infanterie und der Marinedivision sowie der Wirkung unserer gewaltigen Artillerie schließlich nicht gewachsen fühlte, war sie in voller Auslösung geflohen. Unter der Besatzung* befand sich auch eine unlängst eingetrofsene englische Marinebrigade. Sie sollte nach englischen Zeitungsberichten das Rückgrat der Verteidigung sein. Der Grad der Auflösung der englischen und belgischen Truppen wird durch die Tatsache bezeichnet, daß die Uebergabeverhandlungen mit dem Bürgermeister geführt werden mußten, da keine militärische Behörde aufzufinden war. Die vollzogene Uebergabe wurde am 10. Oktober vom Ehef des Stabes des bisherigen Gouvernements von Antwerpen bestätigt, die letzten noch nicht übergebenen Forts wurdenvon unseren Truppen besetzt. —- Die Zahl der Gefangenen läßt sich noch nicht übersehen. Biele belgische und englische Soldaten sind nach Holland entflohen-, wo sie interniert werden. Gewaltige Vorräte aller Art sind erbeutet. - Die letzte belgische Festung, das „un.emehmbare" Antwerpen, ist bezwungen. Die Angriffstruppen haben eine außerordentliche Leistung vollbracht, die von Seiner Majestät damit belohnt wurde, daß ihrem Führer, dem General der Infanterie v. Be sei er, der Orden Pour le merite verliehen wurde. Wien, 10. Oktober. Amtlich wird Verlautbart: Gestern versuchte der Feind noch einen Sturm auf die Südfront von Przemysl, den die Besatzung wieder unter schweren Verlusten des Angreifers zurückwies. Dann wurden die rückwärtigen Bewegungen der Russen vor der Festung allgemein. Die Westfront mußten sie vollständig räumen; unsere Kavallerie ist dort bereits eingeritten. Der durch die Schnelligkeit der Operationen in Russisch-Polen und Galizien verwirrte Gegner versuchte zwar, seinen Angriff auf die Festung durch Hinausschieben von Heeresteilen gegen Westen zu decken, vermochte aber unseren Heranei lenden Armeen nirgends standzuhalten. Die fünf bis sechs russischen Infanteriedivisionen, die sich bei Lancut stellten, sind auf fluchtartigem Rückzüge gegen den San. Ebenso wurden eine Kosakendivision und eine Jnfanteriebrigade, die östlich Dymow eine verstärkte Stellung innehatten, nach kurzein Widerstande zurückgeworfen. Unsere Truppen sind dem Gegner überall an den Fersen. Auch Ungarn dürfte von den noch in den Komitaten Marmaros ^und Bestercze- Naszod herumirrenden feindlichen Abteilungen bald gänzlich gesäubert sein. Der stellvertretende Chef des Generalstabes v. H o e f e r, Generalmajor. Großes Hauptquartier, 11. Oktober, abends. Westlich Lille ist von unserer Kavallerie anr 10. Oktober eine französische Kavallerie,division völlig, bei Hazebrouk eine andere französische KavallericdiVision unter schweren Verlusten geschlagen worden. Die Kümpfe in der Front führten im Westen bisher zu keiner Entscheidung. lieber die Siegesbeute von Antwerpen können noch keine Mittei lnug-en gemacht werden, da die Unterlagen erklärlicherweise noch fehlen. Auch über die Anzahl der Gefangenen, über den Uebertritt englischer und belgischer Truppen nach Holland liegt kein abschließendes Urteil vor. Ans dem östlichen Kriegsschauplatz wurden im Norden alle Angriffe der ersten und zehnten russischen Armee gegen die ostpreußischen Armeen von diesen am 9. und 10. z u r ück ges chla gen. Auch ein Umfassungsversnch der Russen über Schirwindt wurde abgewiesen. Dabei wurden 1009 Russen zu Gefangenen gemacht. In Südpolen erreichten die Spitzen unserer Armeen die Weichsel. Bei G r oj ez südlich Warschau fielen 2000 Mann des 2. sibirischen Armeekorps in unsere Hände. Russische und amtliche Nachrichten über einen großen russischen Sieg bei Augustowo—Suwalki sind Erfindung. Wie hoch die amtlichen russischen-Nachrichten einzuschätzen sind, zeigt die Tatsache, daß über die gewaltigen Niederlagen bei Tann-enberg -und Insterburg keine amtlichen russischen Mitteilungen veröffentlicht sind. Wien, 11. Oktober. Amtlich wird Verlautbart, 11. Oktober, mittags: Unser rasches Vorgehen an dem San hat P r ze m y s l von der feindlichen Umklammerung befreit. Unsere Truppen rücken in die Festung ein. Wo sich die Russen noch stellten, wurden sie angegriffen und geschlagen. Bei ihrer Flucht gegen die Flußübergänge von Sieniawa und Lezajsk fielen massenhaft Gefangene in unsere Hände. Der Stellvertreter des Chefs des Generalstobes v. Hoeser, Generalmajor. * Am 9. Oktober ist König C a r 0 l v 0 it R u nt änie n, 75 Jahre alt, gestorben. Ihm folgt sein Nesse, ein Hohenzoller, wie der Verstorbene. Es ist zu hoffen, daß auch der Nachfolger die Neutralität wahre wie der Verstorbene. Wir wünschen von'Herzen, daß der neue König Kraft genug besitze, um gegen den Widerstand der Parteien seinen jüdischen Untertanen die lange vorenthaltenen -Rechte zu gewähren. * Von sonstigen Nachrichten ist folgendes zu -melden: -Herr Rabbiner Dr. Grunwald in -Wien schreibt uns, daß außer den Bayern auch die Württemberger und vor allem das stellvertretende Generalkommando des Gardekorps in Berlin (dieses 305 Exemplare) seines Kriegsgebetbuches auf Ersuchen von ihm empfangen haben! * Der „Pester Lloyd" veröffentlicht nachstehenden sehr bemerkenswerten Aufruf: Für die Einheit der un g arische n I n d c n s ch a f t. Die israelitische Landeskanzlei hat an die Rabbiner und Vorsteher der Statusquo- und orthodoxen ungarischen jüdischen Gemeinden folgenden Aufruf gerichtet: „Geliebte Brüder! In diesen großen, geschichtlichen Tagen, da die weitverzweigten Kraftfaktoren unseres Vaterlandes die in Jahrhund-erte währenden, tiefgreifenden Kämpfen verschärften Gegensätze niederringen und sich in der großen Einheit des Existenzinteresses der ungarischen Nation in edler Harmonie vereinen, reichen wir mit der Wärme einer nie erloschenen Liebe, die sich aus einem gemeinsamen uralten Quell nährt, unsere brüderliche Rechte Euch, die, an unserer leidensreichen uralten Geschichtegemessen, seit kurzem von uns formell gesondert den ewigen Zielen unseres Glaubens dient. Da unsere Angehörigen sich in der Erfüllung der hehrsten Pflicht vereinen, da unsere aus reinster Seele erbrachten Opfer zusammenfließen, um glänzende Beispiele der Vaterlandsliebe des Judentums als heiligstes Erbe auf unsere späten Nachfahren überkommen zu lassen, in diesen historischen Zeiten, da die Verteidigung unseres geliebten Vaterlandes uns die Hoffnung bietet, daß unsere in Knechtschaft dahinsiechenden Glaubensgenossen befreit würden, fühlen wir, daß das ungarische Israel zu dem durch unsere heiligen Gesetze geforderten Frieden zurückkehren muß, um mit der Fülle seiner ueugewordenen moralischen Kraft dem nationalen Wohlstand dienen und die Gedanken und Institutionen unseres Glaubens mit vereintem Eifer verteidigen und pflegen zu können. In diesen in vielfachem Sinne furchtbaren Tagen, da unser inbrünstiges Gebet auf den Fittichen erhöhter Andacht zu unserem Gott emporsteigt, wenden wir uns an Euch mit brüderlichem Friedensrus. Breiten wir einen Schleier über die Kämpfe der Vergangenheit, über Mißverständnisse und Jrrtümer, die ihre Bedeutung weit überstiegen. Suchen-wir unserem Glauben wieder mit vereinter Kraft, mit gemeinsamem Verständnis und Wohlwollen die kraftbringende friedliche Einigkeit zu geben. Der vereinigende Geist dieser großen Zeiten möge uns durchziehen. Entfernen wir aus unserem Gedankenkreis alles, was uns entzweien könnte, und suchen wir alles, was uns im Wesen unserer Prinzipien verschmilzt, damit wir derart unseren Pflichten der Zukunft, dem Berufe unseres Glaubens gegenüber gewissenhaft Nachkommen können. Wir sind hierzu bereit. Wir warten vertrauensvoll und erbitten Euren Entschluß. Es muß eine Form gesundenwerden, daß diese nicht so großen und nicht so tiefen Gegensätze aufhören. Wir glauben und hoffen, daß unsere!