Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-10-16 · Heft 42 (16.10.1914) · p. Seite 494

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 42 (16.10.1914)
Date
1914-10-16
Page
Seite 494 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3229123-3229166--70791-3283157
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

■ - -494 Hastigkeit geht, welcher Pfuhl der Verlogenheit bei ihnen, bei allen unseren Gegnern sich auftun könnte, das ahnten wir, die Wahrhaften und Aufrechten, in Friedenszeiten nicht. Wir hätten es allerdings aus vergangenen Kriegsepochen merken können. Denn Napoleon, der große Lügenmeister, der freilich auch ein gewaltiger Kriegsheld und ein mächtiger Organisator war, der Armeen aus der Erde stampfte lind sie mit seinem Geiste beseelte, hat die Tradition der Lüge den Franzosen als trauriges, fast als einziges Erbe hinterlasfen. Sie Haben von ihm gelernt, die Welt mit Märchen zu hintergehen. Von ihm stammt die Kunst, mit falschen Siegesnachrichten das eigene Volk zu beherrschen — „gelogen wie telegraphiert", hat schon Bismarck ausgerufen - -, seine famosen Bulletins sind Muster und Vorbild für sie geworden, kleine Erfolge für große Triumphe auszugcben. Schlappen und Niederlagen zu verhehlen und das Volk einzulullen in falsche Vertrauensseligkeit. Sie lügen, und luir verkünden die Wahrheit. Während sie die Welt und vielleicht sich selbst glauben machen, daß Berlin zittere, weil die Russen mit starken Schritten sich der Hauptstadt Preußens nähern und den vernichtenden Stoß in das Herz Deutschlands vordereiten, marschieren 90 000 Russen ins Innere Deutschlands und mehr als 30 000 ins Innere Oesterreichs, aber als waffenlose -und besiegte Gefangene: wenn sie verkünden, daß in Berlin und Wien jedes Leben ertötet ist, Hunger und Not an die Pforten der Residenzen pochen, flutet das Leben in gewohnter Weise in den Hauptstädten der treu verbündeten Mächte, in Paris aber herrscht die bleiche Angst, die Cafes und Restaurants werden zu Stunden geschlossen, in denen sonst das Leben begann; nicht einmal die armen Zeitungsjungen dürfen wie ehemals ihre Lügen ausbrüllen, und die tapfere Regierung, mit Staatsschatz und Bankgeldern versehen, kneift aus Paris aus, der Lichtstadt, welche sie für uneinnehmbar ausgeben und marktschreierisch als das Haupt der Welt bezeichneten. Auf unserer Seite aber herrscht und thront die Wahrheit. Jedes Wort der Bewunderung und Verehrung ist zu schwach, um die Schlichtheit und Zurückhaltung des deutschen Generalquartiermeisters und des österreichischen Generalstabs genugsam zu rühmen. Kein Wort zu viel, keine höhnende Rede, keine Selbstberäucherung. Nur die Tatsachen werden verkündet, freilich Tatsachen von einer Größe, wie die Welt sie noch niemals geschaut hat. Nichts wird verschwiegen, keine Schlappe verheimlicht, kein Verlust bemäntelt. Wahr und groß, gewaltig und hehr, stärker fast als der Donner der Kanonen, klingt diese Sprache. Nicht wir üben Grausamkeit und Gemeinheit, Hinterlist und Roheit, sondern sie. Sie brauchen die Dumdumgeschosse, die völkerrechtlich verboten sind, sie — die Engländer, diese perfide Nation, deren Tücke so alt und bekannt ist wie die Weltgeschichte — hätten auf neutralem Gebiet Handelsschiffe an und bohren sie in den Grund. Während wir in ehrlichem Kampf mit einer ganzen Welt stehen, sind sie alle in unlöblichem Wetteifer, Franzosen, Belgier und Russen, unehrlich, ja gemein in ihren Mitteln. Sie sind es, die schon, bevor der Krieg begann, Deutsche quälten und mißhandelten, plünderten und mordeten, sic sind es, die während des Krieges ihre Bürger, auch Frauen und Mädchen, veranlaßten, aus die waffentragende Mannschaft aus dem Hinterhalt auf Deutsche zu schießen, die das Gastrecht aufs schnödeste verletzten, sie sind es, die, dem ersten Gebote der Menschlichkeit hohnsprechend, die heiligen Gesetze der Milde verlachend, Aerzte anfallen — natürlich hinterrücks, wie gemeine Meuchler —, sie sind es, die, Raubtiere an Wildheit überragend, mit bestialischer Roheit Verwundete verstümmeln. Gewiß, unsere Krieger können keine Sammetpfötchen zeigen. Auch wir müssen zupacken, zuschlagen und würgen. Meuchelmord muß gestraft werden und Hinterlist gezüchtigt. Der Gang der siegreichen Armee ist kein behutsames Lustwandeln, kein schonender Spaziergang. Aber sie und nicht wir sind es, die Wehrlose peinigen. Und wenn ehrwürdige Türme in Mecheln einstürzten, wenn ein Teil einer Stadt, selbst mit unschätzbaren Kunstwerten wie Löwen, vernichtet wird, so sind, mögen auch unsere ehernen Rohre das Zerstörungswerk getan haben, sie mit ihrer nichtswürdigen Unmenschlichkeit schuld daran und nicht wir. Gewiß trauert der Menschenfreund, der friedliche Bürger, der so gern sinnend und verehrend die Segnungen der Kultur anstaunte und Pries, über vieles, was geschieht, hüben und drüben, aber wer mit gerechtem Sinn diese furchtbare und doch so große Zeit durchlebt und der Historiker, der später, mit -abwägender Billigkeit, das entscheidende Urteil zu sprechen haben wird, wird bei aller Wehmut, die das Herz umschnürt, sprechen müssen: Sie und nicht w i r. Sie Woche. Berlin, den 14. Oktober 1914. Uebersicht kann mit meiner frohen Nachricht bey ginnen: Antwerpen ist unser. Zwar haben sich nicht alle Hoffnungen erfüllt; nicht die gesamte Besatzung ist in die Hände der Deutschen gefallen, vielmehr scheint der Hauptteil entkommen zu sein, aber der wirkliche und der moralische _ Erfolg ist ein kolossaler, die Leistung unserer Truppen eine bewundernswerte. Wir lassen die hauptsächlichen Nachrichten des Großen deutschen Generalstabs und aus dem österreichisch-ungarischen Hauptquartier hier folgen: Großes Hauptquartier, 5. Oktober, abends. Bor Antwerpen sind die Forts Kessel und Broechem zum Schrveigen gebracht. Die Stadt Lierre und das Eisenbahnfort an der Bahn Mecheln—Antwerpen sind genommen. — Auf dem rechten Flügel in Frankreich wurden die Kämpfe erfolgreich fortgesetzt. — In Polen gewannen die gegen die Weichsel vorgehenden deutschen Kräfte Fühlung mit russischen Truppen. Wie uns mitgeteilt wird, ist am 6. d. M., nachmittags das Torpedoboot „8 116" während des Borpostendienstes in der Nordsee durch den Torpedoschuß eines englischen Unterseebootes, verloren ,gegangen. Fast die ganze Besatzung konnte gerettet werden. Rotterdam, 6. Oktober. Beim ersten Sturm auf die Jnfanteriewerke von Tsingtau wurden die vereinigten Japaner und Engländer mit einem Verlust von 2500 Mann zurück-geschlagen. Die Wirkung der deutschen Minen, Geschütze und Maschinengewehre war vernichtend. Der rechte Flügel der Verbündeten wurde von dem österreichisch-ungarischen Kreuzer „Kaiserin Elisabeth" und dem deutschen Kanonenboot „Jaguar" wirksam beschossen. Die deutschen Verluste sollen gering sein. Die Japaner warten Verstärkungen aus Japan ab. 5. Oktober. Die Operationen in Russische-Polen und Galizien schreiten günstig vorwärts. Schulter an Schulter kämpfend, warfen deutsche und österreichisch-ungarische Truppen den Feind von Opatow und Klimontow gegen die Weichsel zurück. In den Karpathen wurden die Russen am Uzsoker Paß vollständig geschlagen. Der Stellvertreter des Chef des Generalstabes v. H o e f e r, Generalmajor. Großes Hauptquartier, 9. Oktober, abends. Heute vormittag sind mehrere Forts der inneren Befestigungslinie von Antwerpen gefallen. Die Stadt befindet sich seit heute nachmittag in deutschem Besitz. Kommandant und Besatzung haben den Festungsbereich verlassen. Nur einzelne Forts sind noch vom Feinde besetzt. Der Besitz von Antwerpen ist dadurch nicht beeinträchtigt. Großes Hauptquartier, 10. Oktober. Nach nur zwölstägiger Belagerung ist Antwerpen in unsere Hände gefallen. Am 28. September fiel der erste Schuß gegen die Forts der äußeren Linie, am 1. Oktober wurden die ersten Forts erstürmt, am 6. und 7. Oktober der starke, angestaute, meist 400 Meter breite Nethe-Abschnitt von unserer Infanterie und Artillerie überwunden. Am 7. Oktober wurde entsprechend dem Haager Abkommen die Beschießung der Stadt angekündigt. Da der Komman-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.