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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-10-16 · Heft 42 (16.10.1914) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 42 (16.10.1914)
Date
1914-10-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Berlin, 16. Oktober 1914 78. Jahrgang Nr. 42 Allgemeine eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bonnements-prers; durch den Bach- Handel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 E - Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philipps-» Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen fLr Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „AUgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Sie und nicht wir. Von Ludwig Geiger. — Die Woche. LßNtIUll. __ Prüf. Richard M. Meyer. Von L. G. — Ausruf zur Sammlung von Büchern für unsere Soldaten im Felde und in den Lazaretten. — „Auf Vorposten." — Zar Nikolaus II. gibt sich fälschlich für einen Slawen aus. Von Dr. Markus Landau. — Aus den Erinnerungen eines jüdischen Groszkaufmanns ans der alten guten Zeit. Von Dr. Adolph Ko Hut. — Feuilleton: Stille Helden. Von S. Meifels. — Der neue Christ. Roman von Peter Ujvnri. Ueberseht von Rosa Trencseni. — Literarische Mitteilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindedote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Danzig. Briefen, Myslowitz, Posen, Lissa i. P., Nürnberg. Würzburg, Kaiserslautern, Frankfurt a.M., Ulm, Bern, Wien, New Uork. -- Bon Nah und Fern. Sie und nicht wir. Eine Kvlegsbetrachtuug. Von L u d w i g Geig e r. 3 m Jahre 1789 dichtete F. G. Klopstock eine Ode, die den Titel führt: „Sie und nicht wir". Der Patriotisch gesinnte Deutsche, der damals keinen Grund hatte zu vaterländischer Freude, blickte mit einem Gefühl der Beschämung aus das Nachbarland. In der Heimat sah er nichts als Knechtung und Unterdrückung; selbst der Ruhm der freien religiösen Entwicklung, den er Deutschland zuschrieb, vermochte nicht ihn darüber zu trösten, daß in seiner Heimat das Joch der gekrönten Despoten nicht zerbrach, daß sie den Gipfel der Freiheit nicht erstiegen hatte. Einhundertundfünsundzwanzig Jahre sind vergangen, seitdem diese Klage angestimmt wurde. Der Dichter der beweglichen Trauerode gestand bald öffentlich seinen Irrtum ein und wähnte, kurzsichtig und Politisch unreif, wie er war, durch die Pariser Greuel nicht bloß die Menschlichkeit geschändet, sondern die Sache der Freiheit gefährdet, ja vernichtet. Wir, politisch reifer geworden, denken anders. In der großen französischen Umwälzung am Ende des 18. Jahrhunderts erblicken wir den Beginn eines neuen segensreichen Zeitalters, das allen Völkern Europas den Beginn wahrhaften politischen Lebens gebracht hat. So dankbar jedoch wir ob dieses Freiheitsgeschenks nach Frankreich schauen, so haben wir keinen Grund, demütig oder gar beschämt unser Haupt zu senken. Und wenn wir heute denselben Ruf anstimmen wie der deutsche Dichter des 18. Jahrhunderts, so hat er für uns eine! ganz andere Bedeutung erlangt. Wir laßen ihn nicht mit Be- : schämung erschallen, sondern mit hoher Freude. Nicht wir sind es, die den Krieg begonnen haben, sondern sie. j Wenn Oesterreich-Ungarn, das die alte stolze Waffenbrüder-! schaft mit Deutschland aus den glorreichen Zeiten von 18)8 bis j 1815 durch heldenhafte Treue und Tapferkeit bewährt, das Ulti- ' matum an Serbien stellte — die unmittelbare Ursache zu dem j riesenhaften Weltbrande —so war es dazu durch den scheußlichen Mord an dem Thronfolgerpaare und durch die, wenn auch nicht eingestandene, aber offensichtliche Unterstützung solcher Greueltaten durch Rußland gezwungen. Nicht wir haben den i Krieg gewollt. Gewiß, wir hatten uns vorbereitet, wie umsichtige und vorschauende Menschen, die „in Sommers Mitten den Schlitten rüsten". Aber wir waren bis zum letzten Augenblick von aufrichtiger Friedensliebe erfüllt und haben, als die Feinde schon alles getan, um uns zu überfallen — heuchlerisch -und heimlich , noch immer versucht, mit den bösen Nachbarn in Ruhe zu. leben. Und als nun das fürchterliche Ringen anhub, da offenbarte sich, auf wessen Seite die musterhafte Ordnung war. Nicht sie waren fertig, sondern bewiesen nur, welch bodenloser Leichtsinn, welch ungeheure Prahlerei sie beherrschte, wir aber bezeugten der staunenden Welt, was in stiller, geordneter, jahrzehntelanger Arbeit geleistet worden war. Denn nicht wir sind die Prahler, die uns vor getaner Mühe rühmen, wir hätten etwas geleistet, sondern sie; nicht wir die Betrüger, die Vorgaben, unsere Magazine sind gefüllt, sondern wir sind die emsigen, aber ehrlichen Handwerker, die still ihre Arbeit verrichten und erst zufrieden sind, wenn sie den Erfolg betrachten und ihn der staunenden Welt zu zeigen vermögen. Das Fertigsein ist viel, aber nicht alles. Die Bereitschaft muß eine frohe sein. Sie wollten den Krieg, aber nur aus Beutesucht und Neid, aus Scheelsucht und Haß, wir wünschten den Krieg nicht und zogen doch mit Begeisterung hinein. Auf ihrer Seite nichts als Maulheldentum, trotz der pomphaften Versicherung, diesmal würden die Pickelhaube und die Ulanenlanze keinen Schrecken verbreiten, man werde die Zeppeline herunterschießen, mit eigenen Luftkreuzern ganz Deutschland überfliegen und sicher nach Berlin kommen — bei uns Bater- > landsliebe, die den Mund nicht öffnet zum losen Prahlen, sondern zum Hurrarufen, die statt unnützer Reden zu Taten anfeuert. Denn der Patriotismus beruht nicht in leeren Worten, sondern in vollen Taten; durch vielen Selbstruhm ist noch keine Schlacht gewonnen worden, kein Land erobert. Ihrer Anmut rühmen sie sich, ihrer Leichtigkeit und Beweglichkeit,. . sie wiesen höhnisch hin aus unsere Rauheit und Plumpheit. Aber sie bedachten nicht, daß mit Anmut sich Leichtsinn paart und Schlaffheit im Gefolge der Grazien einherschleicht. Unserer Rauheit aber ist die Beharrlichkeit zugesellt. An der Stelle ihrer Lauheit stehen unsere angespannte Straffheit und Ausdauer in Mühen und Plagen, im Ertragen von Hunger und Durst, von Hitze und Kälte: Diese Ausdauer überwand und überwindet das, was sie Elan zu nennen, belieben. Der Hahn bläht sich auf und kräht, aber der plumpe Bär packt mit seinen Tatzen und läßt nicht los. Sie sind mit der Lüge im Bunde, wir haben die Wahrheit zur Begleiterin und Schntzgötitn. „Und lispeln englisch, wenn sie lügen", hat schon unser größter Dichter gesagt. Freilich hat uns alle, die wir mit Franzosen zu tun hatten, ihre Liebenswürdigkerr entzückt, aber wir erkannten schon längst daß hinter der freundlichen Miene und dem bezaubernden Lächeln Tücke und Unwahrheit stecken. Aber wie weit diese innere Unwahr-

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