Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 41 (9.10.1914)
- Date
- 1914-10-09
- Page
- Seite 492 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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492 - Frankreich. Wir wollen ihn in dieser Zuversicht nicht stören, glauben aber nicht an deren Verwirklichung. 0. # — A l c x « lt b c v B v 6 b i: Liza Xiinar. Unter den ungarischen Schriftstellern steht Brodi in der ersten Reihe. Journalist von Beruf, schrieb er eine große Anzahl Novellen und Erzählungen, die ihn zu einem Liebling der Leserwelt machten. Von drei zu drei Jahren debütierte er auch aus dem Theater. Doch keines seiner dramatischen Schöpfungen errang einen solch glänzenden Erfolg, eine solche Würdigung und Anerkennung bei der Kritik, wie das unlängst in einem Budapester Theater aufgeführte „L i z a Ti m ü r". Brodi schuf darin zwei moderne Typen. Der Inhalt des Dramas ist schnell erzählt. Timor ist ein reicher (Großhändler (das Ebenbild des Haupthelden in Jökais Roman: „Der Gold men sch", von dem auch der Name genommen ist), der aus eigener Kraft durch Tüchtigkeit und Fleiß Millionär wird. Alle seine Schätze dienen ihm dazu, seine einzige Tochter glücklich an den Mann zu bringen in den höheren Kreisen, weshalb er sich taufen ließ. Er wählt einen reichen Bankier zum Schwiegersohn. Doch das verzogene, von allen umschmeichelte Kind, irregeführt durch die Reden der Mutter, die ahnen läßt, daß sie in ihrer Jugend der verbotenen Liebe huldigte, will einen wahren Grasen zum Manne haben. Als der Vater sich sträubt, die verrostete Grafenkrone mit seiner Million wieder zu vergolden, entsteht Zwischen ihm und der Tochter ein Konflikt, in dem das Kind, gestützt : auf die mütterlichen Andeutungen, dem Vater zürnst, er sei gar nicht! ihr Vater. Der erschütterte Millionär jagt die Tochter aus dem Hause, sie findet Zuflucht in der gräflichen Familie, die jedoch die verarmte Braut als Schwiegertochter nicht brauchen kann. Nun muß die Mutter ihr leichtsinniges Gerede als Flunkerei bekennen, die Tochter ins Vaterhaus zurückführen, wo der Hausarzt, ein alter Verehrer, um ihre Hand anhält. Die Geschichte ist weder im Theater noch in der Wirklichkeit neu. Das Packende liegt in der Charakteristik der beiden Hauptpersonen, des Vaters und der Tochter. Der erste ist der Typus der reich gewordenen Juden, die trotz Vermögen unb Ansehen ihren inneren Wert nicht erkennen, nur die eine Sehnsucht haben, im Kreise des historischen Hochadels als ebenbürtig anerkannt zu werden, die Verschmelzung mit jenen Kreisen durch Taufe und Heirat zu erzwingen. Trotz der äußeren Verleugnung des Judentums lebt in ihnen der Jude, wie in Timor, der nach dem Konflikte mit der Tochter nicht zujammenbricht, trotzdem sein ganzer Lebensplan scheitert, sondern nur der früheren Umsicht und Ruhe seinem Geschäfte nachgeht und sich zurücksehut in die Zeit, da er als Jude mit sich und mit der Welt nicht im Gegensätze war. Wie der Vater, ist auch die Tochter der Typus jener Mädchen, deren Glück noch vor der Geburt durch die Taufe begründet und durch die väterlichen Millionen gesichert werden soll, die von allen umschmeichelt, verzärtelt und verzogen werden, mit ihren Launen Vater und Mutter tyrannisieren und endlich eine K ata st r oph e h erbei füh reu. Brodi ist wie so mancher hervorragende ungarische Literat, z. B. Molnor, Leughet, Bizo u. a., Jude, darum muß es ihm als Tat allgerechnet werden, daß er in diesem Drama ein Sujet wählte, mit dem er die Verkehrtheiten, Auswüchse eines großen Teils der jü-! di sehen Plutokratie geißelt, die ihren volkswirtschaftlichen und sozialen | Wert ungenügend einschätzt, mit dem Mammon sich erkaufen will den Einlaß in jene Kreise, in denen die stärkste Animosität noch heute gegen das Judentum besteht, und die sich mit allen Kräften gegen die Eindringlinge wehren. W. G. Schwarz. * — I. Scheftelowitz: Das stellvertretende Huhnopfer, mit be- : sonderer Berücksichtigung des jüdischen Volksglaubens. Verlag Töpelmann, Gießen 1914. In einer interessanten Studie wird hier die immer noch nicht ganz | ausgestorbene jüdische Sitte, „Kappores zu schlagen", in einen religions- - geschichtlichen Zusammenhang gebracht. An einem reichen Material lvird die Verbreitung des Huhnopfers bei den verschiedensten Völkern f und Religionen geschildert. Das Tier vertritt die Stelle der dem Tode geweihten Menschenseele. Bei Krankheiten und Todesfällen, vor der Hochzeit llnd bei der Einweihung neuer Häuser werden Hühner gej schlachtet, vielfach in Verbindung mit magischen Beschwörungen,! Schwingungen irnb Besprengungen. Das Huhn selbst ist ein dämonisches Tier und vertreibt die Dämonen. Auch andere jüdische, biblische und abergläubische Sitten, wie das Beschütten des Brautpaares und das Bestreichen der Türpfosten mit dem Blut des Pesachlammes, werden im Zusammenhang behandelt und in die richtige Beleuchtung gestellt. Zum Schluß kommt der Verfasser auf die Ritualmordlüge zu sprechen, deren Unhaltbarkeit er nachweist. Die kleine Schrift gibt über das wahre Wesen einiger jüdischer Gebräuche Aufklärung und bietet viel Anregung. Rudolf Leszynsky. Sprkchlaal. Jüdischer V o l k s v e r c i n. Wiederholt ist in diesen Blättern über die segensreiche Tätigkeit des Volksvereins berichtet worden. Dies war eine Tätigkeit während der Friedenszeit. Mit dem jähen Hereinbruch des Krieges über unser deutsches Vaterland wurde der Verein aber vor eine ganz gewaltige Aufgabe gestellt, die zu lösen er in der mustergültigsten Weise verstanden hat. Hunderte von Ausländern, die in Groß-Berlin weilten, wurden durch den Krieg existenz- und obdachlos. Diese Bedauernswerten waren um so schlimmer daran, als ihnen der Rückweg in die Heimat abgeschnitten war. Hier galt es rasches Handeln. Der rührige Vorsitzende des Vereins, Herr S. K i r s ch steiu, der nie ermüdende Schatzmeister, Herr Herm. A r o n, erwiesen sich als vorzügliche Organisatoren. Dank der Opferbereitschaft einiger Wohltäter wurden in sehr kurzer Zeit sechs Herbergen errichtet, zu deren Herrichtung der Oberkommandierende in den Marken, Exzellenz v. Kessel, die Erlaubnis bereitwilligst erteilte, und die der Kommandant von Berlin, Exzellenz v. Jacoby, durch sein Entgegenkommen freundlichst unterstützte. Sowohl die obenerwähnten Opfer des Krieges wie mehrere hundert ostpreußischer Flüchtlinge fanden in den Herbergen gastliche Aufnahme bei freier Verpflegung. Eine ängstliche Sonderung nach den Konfessionen wurde nicht vorgenommen, so daß auch eiue reichliche Anzahl Andersgläubiger Aufnahme fand. Der Volksverein hat für dieses großes Werk — seit Bestehen der Einrichtung sind etwa 800 Personen, teils viele Wochen, beherbergt worden — feine Mittel, soweit als möglich, zur Verfügung gestellt, der Vorstand der hiesigen Jüdischen Gemeinde beteiligte sich in dankenswerter Weise mit großen Stimmen. Aber immer und immer wieder werden nerre Opfer notwendig, da das einmal begonnene Werk, soll es seinen Zweck ganz erfüllen, noch lange, lange Zeit in Wirksamkeit wird bleiben müssen. Edeldenkende Menschen mögen daher ihre Kriegsfürsorge auch auf diese vortreffliche und dringend erforderliche Einrichtung richten und durch reichliche Spenden zu ihrer notwendigen Erhaltung beitragen. Der Schatzmeister, Herr Hermann Aron, Berlin W 50, Rankestraße Nr. 9, nimmt Zuweisungen für den Volksverein mit vielem Dank entgegen. N. C o h n. * Sehr verehrte Redaktion! Es dürste für ihren geschätzten Leserkreis von Interesse sein, daß die Mutter des jüngst aus dem Leben geschiedenen italienischen Ministers Guido Fnsinato, Erminia Tuö Fusinato am 5. Oktober 1834 als die Tochter jüdischer Eltern ztl Rovigo geboren wurde. Das hochbegabte Mädchen bekundete frühzeitig ein bedeutendes poetisches Talent. Um den italienischen Lyriker Arnolds Fusinato heiraten zu können, wurde sie 1856 Katholikin. In der Folge Zählte sie zu den begeistertsten italienischen Patriotinnen. Ihre Gedichte werden als die gehaltvollsten und formvollendetsten der neueren italienischen Lyrik bezeichnet. Auch um die Förderung des Mädchenschulwesens ihres Vaterlandes hat sie sich insbesondere als Leiterin der ersten 1874 in Ronr begründeten höheren Töchterschule unschätzbare Verdienste erworben, die kurz vor ihrem 1876 erfolgten Heimgange von der damaligen Kronprinzessin Margarete von Italien ehrend Anerkennung fanden. Breslau. Regina N e i ß c r. Druckfehlerderichtigung. Nr. 39 S. 461 Sp. 2 Z. 29 von unten mich es hechen: Wallende r g statt Waldenberg.