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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-10-09 · Heft 41 (9.10.1914) · p. Seite 491

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 41 (9.10.1914)
Date
1914-10-09
Page
Seite 491 (sequence 11)
Language
German
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-- 491-- Sabbat nachmittag ging ich . zu . meinem Freunds dem Bijyuteriehändler, Er. bewohnt.. ein. kieiueL - Häuschen -im niederländischen Stil, bäs mir. sehr gefiel. - Ich fand in der „guten Stube" den Hausherrn, den Fuchsbart mit seiner jungen hübschen Frau, deren traurige Augen schon von vielem Leid zu erzählen wußten. Außerdem war eine alte Frau anwesend, die mit einem großen Aufwand von Worten und Tränen ihr Schicksal beklagte. Sie war eine Enkelin des „Czortkower" Rabbi, nach Minsk an einen reichen Getreidemakler verheiratet. Der einzige Sohn war wegen eines politischen Verdachts verurteilt worden, aber es gelang ihm nach Amerika zu entkommen. Nun war ihr Mann gestorben, sie hatte ihr Vermögen flüssig gemacht und befand sich aus dem Wege nach New Jork, um den verlorenen Sohn zu suchen, denn er hatte seit Jahren nichts von sich hören lassen. „Vielleicht, oj sicher, ist er gestorben, im Elend, verhungert, in der fremden Welt. Was nützt mir mein Geld?" Mein gutherziger Freund suchte sie zu trösten, ich tat das meine, und der Fuchsbart gab Philosophie zum besten. „Geld ist gar nix. Man muß es auch haben. Hat man's, ist weiter nix. Man muß noch Masel dazu haben." Es ist Vorabend. Die Menschen spazieren luftschnappend in den Gäßchen. Man wartet auf den ersten Stern. Wenn er am Himmelsgewölbe auftaucht, blitzen in den Wohnungen Lichter auf, und schon sieht man Alltagsmenschen, Alltagsmienen. Eine gute, eine gesegnete Woch! beglückwünscht man sich. Ich komme von dem nahen Park und begegne Mgter Woolf. Er hat den Hut weit in den Nacken geschoben und schmökert an einem Zigarettenstummel. „Nun, wie geht's, old boy", ruft er. „Danke gut. Und Ihnen? Haben Sie Nachrichten aus London?" „Ah pah . . . damned . . . nichts, gar nichts ... . ich kann verrecken und meine Frau —" Wir kommen aus den Boulevard, wo die elektrischen Lampen flammen, bunte Reklamen aufleuchten, Musik ertönt. Eine elegante Menschenmenge drängt sich in den Cafes, in den prächtigen Restaurants und Bars. Satte, genießerische, prassende Menschen ... Er tut mir leid, der alte Knabe an meiner Seite, der im Finstern hungert und von der Straße die Zigarettenstummel verstohlen aufhebt ... Ich muß zwar mit dem Pfennig rechnen, aber bei Gott, heute abend wird er gut essen, trinken und rauchen — ich freue mich schon auf sein Entzücken! Die Buchhandlung Kahan ist der Sammelpunkt der jüdischen Intelligenz. Zu jeder Tageszeit trifft man dort interessante Menschen aus allen Winkeln der Welt, die sich hier wie zu Hause fühlen. Der Besitzer ist ein Russe, ein Warschauer glaube ich, ein bleicher stiller Mann, mit milden seelenguten Augen. Er hat ganz klein angefangen, mit einigen Machsorim und etlichen Heften Volkserzählungen. Heute brechen die hohen Regale unter der Bücherfülle aller Literaturen. Er ist sogar als Verleger hervorgetreten, und zwar mit den „Wolken" von Salomon Dembitzer, der durch seine „Hausiererlieder" bekannt geworden ist. Ich bin im Gespräch mit einem hebräischen Literaten vertieft, als ein breites Lachen die Lust erschüttert, das mir sehr bekannt klingt. Ich schaue mich um und erkenne meinen Freund Dembitzer, der mich glücklich umarmt. Er ist seit einigen Monaten in -Antwerpen, wo seine alte Mutter einen kleinen Handel treibt. Er aber dichtet, erfüllt von - seiner Mission, mit Verachtung der „Krämer" geladen, schwankend zwisckien unbändiger Lust und tiefster Verzweiflung. — Ein Ueberbleibsel aus der Zeit, als man noch „Nur-Dichter" zu sein wagte, eine Gestalt Murgers, wandelt er zwischen den Menschen, einsam und todwund, eine großes Kind, eine Heinenatur! * * „Ich beneide die jüdischen Kinder, die hier aufwachsen", sagte mir der Faktor eines Lagerhauses, ein Breslauer. „Denn sie wachsen unter günstigen Auspizien aus. Auf der Straße lernen sie die Sprache des Volkes, das Vlämische. In der Schule kommen die Aussprache, das Französische hinzu, das Englische wird in den höheren Klassen genommen, und das Deutsche ist für den, der zu Hause den Jargon hört und spricht, eine leichte Sache. Wenn hier einer, in die Jünglingsjahre tritt, steht ihm die Welt offen. Antwerpen ist gleichsam eine Vorstadt Londons, Paris ist nahe, im Rücken haben wir das industriell mächtig aufstrebende Deutschland. Der junge Mann hat nur zu wählen. Seine Sprachenkenntnisse und die praktische Schulung befähigen ihn zu höchsten Leistungen. Der Hafen aber war ihm eine Akademie des Lebens, die ihn mit allen j Rassen, allen Nationen und allen Gütern der Welt vertraut? gemacht hat. Mit wissenden Augen tritt er ins Leben. Ich wollt', ich wär' ein Antwerpener Kind ..." Ich nehme Abschied von meinen Antwerpener Freunden Es wird mir schwer ums Herz, von diesen lieben guten Menschen zu scheiden, vielleicht auf immer. Der Zug nach Paris geht um die Mittagsstunde. Ich bummle noch einmal auf dem sonnigen Boulevard. Der Park grüßt herüber, die Türme winken in der blauen Höhe — ade Antwerpen, du gute Stadt! Literarische Mitteilungen. ' — D ie ältesten Nachrichten der Juden in Halle. Von Dr. H. Tykocinski. Berlin 1913. Sonderabdruck aus der „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums". Die Schrift bietet ein sehr hübsches Beispiel dafür, daß die Geschichtsforschung aus der Kombination lateinisch-mittelalterlicher mit u hebräischen Quellen reichen Gewinn erzielen kann. Sehr scharfsinnig - wird die Stadt Sole oder Sala mit Halle a. d. Saale identifiziert Besonders wichtig ist auch der Nachweis, daß die hebräischen Quellen um ein Jahrhundert weiter zurückgehen als die mittelalterlichen. Die Ansiedlung der Juden in Halle läßt sich bis auf das 11. Jahrhundert zurückverfolgen. Während des zweiten Kveuzzugs haben dort Juden gelebt. Man entnimmt ferner daraus, daß einzelne Weinhändler Juden waren und daß schon im 12. Jahrhundert ein jüdischer Gelehrter in Halle gelebt hat. Der kleine Aussatz muß als sehr willkommener Beitrag für die Geschichte der Juden in Deutschland bezeichnet werden. L. G. — Agoudath Israel. Vers la Renaissance Juive. Conference faite ä Paris le 4 mai 191*3 par le Commandant A. Lipman a la Reunion organisee par le Comite Parisien de rAgoudath j IsraöL Cette Conference a ete imprimee ä rimprimerie de la j- Revue „Foi et Reveil“. (Directeur: M. le Rabbin J. Bauer, 5, j rue Deloye ä Nice.); Die kleine Schrift gibt die Geschichte des neu begründeten orthodoxen Vereins und teilt die zu Hamburg, Frankfurt und Kattowitz gefaßten Organisationen mit. Sie polemisiert ferner gegen die drei Versuche, dem Judentum innere Stärkung zu geben: moderne Ausgestaltung des Gottesdienstes mit Orgel; Reform; Zionismus. Der Verfasser sieht das einzige Heil für die Zukunft in der Orthodoxie, plädiert dafür, daß jeder .einzelne Talmud lerne, und hält es für möglich, daß dieser Vorschlag wirklich ausgeführt wird. Ebenso ist | er der Ansicht, daß jeder einzelne, wenn er nur wolle, den Sabbat j und die Speisegesetze streng beobachten könne. Zum Schluß konstatiert er, daß die Agudath Israel in Frankreich erst 200 Mitglieder zähle, hofft aber auf eine allgemeine Verbreitung des Vereins in

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