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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-10-09 · Heft 41 (9.10.1914) · p. Seite 490

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 41 (9.10.1914)
Date
1914-10-09
Page
Seite 490 (sequence 10)
Language
German
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490 Gegessen wird in einem Hinterzimmer an gedeckten Tischen. Es ist dort sehr heiß, und über Fliegenmangel kann-man sich auch nicht beklagen. - - . Dort lernte ich Mister Woolf aus London kennen. Er saß nachdenklich über einer Schale Tee und kaute an einer erloschenen Zigarette. Mister Woolf trug einen blauen englischen Anzug, er war beleibt, und sein Gesicht mochte fett Wochen mit keinem Rasiermesser in Berührung gekommen sein. Der Mann mußte einst bessere Tage gesehen haben, jetzt aber nagte er sicher am Hungertuch, wenn er zu Mittag „five o’clock tea" hielt. Ich bat ihn daher in liebenswürdiger Weise mein Dejeuner zu teilen, was er auf folgende Weise akzeptierte: „Soll verdammt sein, wenn ich's ausschlage . . . Ist mir eine Ehre . . . Woolf mein Name . . . Einfach Woolf aus London . . . (mit vollen Kinnbacken). . . Greenhorn? . . . Aus Vienna? . . . (klopft mir väterlich auf die Schulter) . . . Macht nichts! Sie sind friend — all right." Nachher, bei Tee und Zigaretten, machte er mich mit seinen Umständen bekannt. Hatte ein großes Restaurant m Whitechapel besessen ... eine Goldgrube. .. great busmess-. . . Da wird die Frau krank, monatelang . . . Fremde Leute im Geschäft haben lange Finger . . . Kurz, Zusammenbruch . . . Sie ist noch in London, er sitzt in Antwerpen und wartet aus eine Gelegenheit sich zu etablieren. „Ohne Geld? . . ." Ah Pah! . . . Kredit . . . Etwas hat noch die Frau . . . der Sohn in Australien wird schicken . . . Nur jetzt, einstweilen, geht's ihm schlecht, dem Mister Woolf. . . Wir treten auf die Straße, und zwischen einem Ausspucken, einem schallenden Lachen, einem jovialen Rückenschlag leiht er sich „auf einen Tag" 5 Frank. Dann verschwindet seine breite Gestalt in der Menge. * * * Der Voübärtige empfängt mich mit ungeheuchelter Freude und mit Vorwürfen. Warum ich nicht schon am Morgen gekommen bin, er habe schon Besorgnisse gehegt. Seine Frau ist ein wohlgenährtes, freundliches Wesen mit einem mütterlich guten Blick. Der Laden ist äußerst beschränkt, und die Vorräte an Gold und Silber scheinen unbedeutend zu sein. Billige Weckeruhren, Talmiketten und Broschen überwiegen augenfällig. Hinter dem Ladentisch summt ein Samowar, und schon bekomme ich den unvermeidlichen Tee serviert. „Sie werden bald merken, daß der Gegenstand, um den sich das ganze jüdische Antwerpen dreht, der Diamant ist. Wieviel Juden haben vor 30 Jahren in Antwerpen gelebt? Höchstens 500. Und heute? Man sagt, es sind 30 000, und täglich wird es mehr. Denn wenn einer da sein bißl Auskommen hat, ninimt er gleich die Mischpoche herunter. Glauben Sie, daß das gut ist? He? Vor fünfzehn Jahren, wie ich hergekommen bin, war Antwerpen noch ein Paradies. Der Mrdienst war reichlich, das Leben billig, man hat noch etwas beiseite legen können. Heute steht die Sache anders — es ist in den Werkstätten überfüllt, die Arbeitslöhne sind gedrückt, die Lebensmittel sind auch teurer, besonders die Fisch' am Schabbes sind nicht zu bezahlen." „Was verdient ein Schleifer wöchentlich, und bei wievielstündiger Arbeitszeit?" „Nu, verschieden. Ein Anfänger 30 Frank, ein guter Arbeiter kommt aus 70. Gearbeitet wird 10 bis 12 Stunden. Aber es komntt manchmal eine „tote Zeit", dann wird das Ersparte aufgezehrt." „Gibt es eine Abwanderung?" „Wenig. Trotz allem — Antwerpen ist eine goldene Stadt. Es ist nicht wie früher, aber doch, wer arbeitet, lebt ryhig, frei. die Kinder schöpfen „Bildung", auch der Aermste ist da ein Mensch— nicht wie im finsteren Rußland." Einige Kunden kamen herein, und da es zu dämmern begann, verabschiedete ich mich von den braven Leuten, die mich baten, recht bald wieder zu kommen. * * * Die Diamanten-Börse! Durch einen langen Hausflur kommt man in einen Vorraum, der in den Börsensaal führt. Der Flur und der Vorraum sind dicht gefüllt von Besuchern, alles Juden, die mit lebhaftem Stimmenaufgebot ihre Geschäfte abwickeln. Man sieht Typen aller Länder: den eleganten Pariser, den galizischen Peijesträger, den schäbigen Händler von der Wiener Praterstraße, den soignierten Engländer, den Russen, den festragenden Levantiner — ein schauderhaftes Kuddelmuddel aller Himmelsstriche und aller Sprachen. Doch überwiegt beim genauen Hinhören der Jargon. Ich gebe dem Portier einen Empfangsbrief an Herrn L., einem angesehenen Diamantenhändler, und werde von diesem Herrn bald fveundlichst begrüßt. „Sie sind hier im Herzen Antwerpens, des jüdischen nämlich", sagt er. „Hier tobt der Kampf, hier werden Vermögen verdient, hier zerrinnen Vermögen. Ringsum, in der Pelikanstraat, sind vie Bureaus der großen Händler, die mit Paris, London und Berlin arbeiten. In den Cafes der Pelikanstraat haben sich die kleinen Leute etabliert, aber auch dort werden Umsätze erzielt, die in die Hunderttausende gehen. Kommen Sie, es ist heiß, wir wollen einen Grenadin trinken." Die Pelikanstraat ist ziemlich lang, jedoch hat nur die kurze Strecke vom Bahnhof bis zur Kivietstraat jene legendäre Bedeutung. Gleich nach dem großen Terminushotel sind die Cafes dicht aneinander gereiht; vorn schmal, aber mit geräumigen, glasbedachten Höfen. Auf dem Trottoir wimmelt es in den Vormittagsstunden von Menschen, deren ausgetretene Schuhe kein Argument gegen diamantengesüllte Brieftaschen sind. In den Cafes werden unter ohrenbetäubendem Lärm Geschäfte abgeschlossen. Um weiße Marmortische sitzen aufgeregte, schreiende und beobachtende Leute. In kleinen Papierchen strahlen winzige blitzende Steine. Man tobt, brüllt, lacht, flucht; dazwischen werden Schecks über ansehnliche Summen ausgestellt, oft von Leuten mit schmutzigem Hemd und fleckiger Weste. Kellner schießen herum, Goldstücke klingen, die Luft ist heiß und schwer, durchsetzt von Staub und getränkt von menschlicher Gier . . . 4t 5|t s|e Sabbat in Antwerpen ... Die Straßen sind sauber gefegt, die Fenster blitzen hell und freundlich. Die Leute kommen aus den Synagogen — andere, bessere Menschen heute, mit schönen Kleidern und geglätteten sabbatlich verklärten Zügen. Alle Läden sind geschlossen, die Arbeit ruht, die Pelikanstraat liegt wie ausgestorben. In den kleinen Gäßchen treibt sich die Jugend herum, gewaschen, mit frisierten Köpfen, in weißen Kleidchen und blauen Matrosenjäckchen. Die jungen Leute stehen in Gruppen da und dort, in modischen Anzügen, und fuchteln unternehmend mit den Spazierstöcken drein. Liebe schöne Mädchen zu zweien und zu dreien spazieren auf und ab, den Frühling im jungen Herzen . . . Die Alten wandeln in würdigen Gehröcken, die schwieligen Hände aus dem Rücken, am Bahnviadukt entlang. Man grtißt Bekannte, tauscht einen Blick, ein Wort. Gut Schabbos! Gut Schabbos!

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