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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-10-09 · Heft 41 (9.10.1914) · p. Seite 489

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 41 (9.10.1914)
Date
1914-10-09
Page
Seite 489 (sequence 9)
Language
German
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489 Ein riesiger Neger in Livree nahm mir ohne weiteres die Tasche ab, was aber nicht meines Sinnes war, und es dauerte lange, bis er zur Rückgabe zu bewegen war. Er schwor in vier Sprachen, daß sein Hotel das komfortabelste, gemütlichste und billigste sei, hingegen die der Konkurrenz ausnahmlos verseuchte Höhlen mit schamlosen Preisen wären. Und er schüttelte betrübt das Haupt, als ich auch solchen Argumenten gegenüber fühllos blieb. Es war eine laue Juninacht, mit bestirntem Himmel und lindem Wind. Ich ging die Hauptstraße entlang, wo sich um diese späte Stunde das Nachtleben der besseren Kreise konzentrierte. Die großen Cafes und Restaurants mit ihren bis an die Straße reichenden Terrassen waren grell beleuchtet und von Gästen überfüllt. In manchen spielten Damenkapellen die neuesten Wiener Walzer, mehr rasch als richtig, wobei die Dirigentinnen sich in den geschmacklosesten Genialpvsen ergingen. Als ich vor einer Brasserie lauschend stand, hörte ich zum erstenmal in der fremden Stadt Laute aus dem fernen Osten. „Kiek fe an, wie se draht sich", sagte eine Stimme neben nrir. „Nu, far Geld, mir gesagt", entgegnete eine zweite. Die Kritik galt offenbar der blonden, in üppiger Jugendlichkeit strahlenden Dirigentin. Ich bemerkte einen dicken, ältlichen Mann mit graumeliertem Bollbart und einen jüngeren, erschreckend mageren, dessen Gesicht ein fadenscheiniger Fuchsbart zierte. Der mit dem Vollbart rauchte kleine, scharsriechende, russische Zigaretten, eine nach der anderen. Ich entschloß mich, bei diesen würdigen Glaubensgenossen nach einem billigen Nachtquartier mit ritueller Kost zu fragen, und es entwickelte sich folgendes Gespräch: Ich: „Entschuldigen Sie, nreine Herren, wenn ich inir erlaube, Ihre Gefälligkeit in Anspruch zu nehmen. Wollen Sie die Freundlichkeit haben, mir ein jüdisches Hotel zu nennen, wo es nicht zu teuer ist?" Der Vollbart: „Mboh . . ." Der Fuchsbart: „Wus will er?" Ich: „Ich suche ein jüdisches Hotel —" Der Vollbart: „Epes fügt er —" Der Fuchsbart: „A Goij!" Ich sah ein, dies wäre nicht der Weg, um zu einem Ziel zu kommen, so versuchte ich meine Jargonkenntnisse an den Mann zu bringen — mit bestem Erfolg übrigens. Die beiden verwandelten sich im Nu in liebenswürdige Ciceroni, und nachdem sie ihre Neugierde betreffs meiner Abstammung, meiner Verwandtschaft, meines Alters, meines Vermögens und meines Berufes auf das notwendigste befriedigt hatten, waren sie bereit, mir mit Rat zur Seite zu stehen, mit jener herzlichen Teilnahme, wie es der Jude dem Inden zu aller Zeit und in jedem Lande schuldig zu sein glaubt. Arm in Arm gingen wir im inunteren Gespräch, wie alte Bekannte, durch die engen und dunklen Gassen Antwerpens. Ich erfuhr bald, daß der Vollbärtige einen Bijouterieladen hielt, aus Russisch-Polen stammte, mit bescheidener Wohlhabenheit und sieben Kindern gesegnet war. Der hagere Fuchsbart war erst wenige Monate im Lande; er lernte das Diamantenschleifen und verzehrte mit seiner jungen Frau „Bar' Geld", wie er sich klagend ausdrückte. In einer schmutzigen Gasse, deren Gerüche nicht die des Paradieses waren, machten meine Schutzgeister vor einem schmalen zweistöckigen Hause halt. „Das ist das Odessaer Restaurant", erklärte der Bijouterie- Händler; „da sind Sie gut aufgehoben, es ist reinlich, billig, und für koscher garantier' ich. Leben Sie wohl, und besuchen Sie mich morgen in meinem Geschäft in der Pelikanstraat." Er gab mir die breite, biedere Hand, der Fuchsbart tat desgleichen, und ich stolperte über die ausgetretene Schwelle. Ein heißer Oualm von Schweiß, Tabakrauch und Küchenausdünslung schlug mir entgegen, als ich die Glastüre öffnete. Der Wirt in langer Schipeze, mit einem verschimmelten Filzhut, begrüßte mich respektvoll und führte mich in den „Salon", worunter ein großes, grüngestrichenes, mit Bildern von Montefiore, Herzl und Tolstoi geschmücktes Zimmer zu verstehen ist. Ein kleiner, zerdrückter Kellner brachte unaufgefordert Tee mit Gebäck und Zigaretten; der Wirt setzte sich gleichfalls unaufgefordert zu mir und stand nicht eher auf, als bis ich ihm zu verstehen gab, ich wäre sehr, sehr müde, wenn es mir auch furchtbar leid täte, eine so anregende Konversation unterbrechen zu müssen. Das Zimmer, lvelches nur angelviesen wurde, mochte ursprünglich eine Küche gewesen sein. Ein defekter Teppich verbarg nur notdürftig die grauen Steinplatten des Fußbodens. Ich legte mich erschöpft auf das hochgepolsterte Bett und fiel bald in einen tiefen, tramnlosen Schlaf. Der nächste Morgen brachte herrliches Wetter. Der Himmel war frühlingshaft, blaßblau, die Sonne flimmerte an den Sfützen der Türme und spielte an den Fenstern der hellen Häuser. Ich stieg in die elektrische Straßenbahn und fuhr zum Hafen. Zum erstenmal in meinem Leben sah ich große Schisse, nicht solche Miniaturdampferchen, wie sie auf der Donau den Verkehr vermitteln — nein, gewaltige Ozeanriefen, jeder eine Welt für sich. An den Docks der Hamburg-Amerika-Linie und des Norddeutschen Lloyd fühlte ich mich heimatlich begrüßt. Stundenlang sah ich zu, wie schwarze, drohende Dampfkrane ungeheure Lasten mit spielender Leichtigkeit in den Bauch der Schiffe verstauten. Aus den Lagerhäusern stieg der Dust fremder Zonen, das Wasser glänzte golden, flinke Motorboote schossen vorbei — es war wie ein bunter Traum, aus dem mich erst das durchdringende Röhren einer Dampfsirene weckte, die die Mittagstunde anzeigte. Ich ging gemächlich heim. Als ich am „Grooten Markt" vorbeikam, traf ich auf eine Auswauderertruppe. Es waren, das sah ich gleich, Landsleute von mir, Ruthenen, Tschechen, Ungarn, mit Weib und Kind, mit Sack und Pack. Den Schluß bildeten einige russische Juden, die gesondert gingen und auf dem Rücken schwere Bündel schleppten. „Wohin geht die Reise, Vater", fragte ich einen Greis, der mühsam unter seiner Last keuchte. „Nach Argentinien, junger Herr", sagte er. „Und Sie gehen Sie auch hinüber?" Ich ging an der Seite des Mannes mit. Er fuhr zu seineur Sohne, der im Pogromjahre in Argentinien Zuflucht gesucht hatte lind heute ein wohlhabender Farmer ist. Er hatte dort geheiratet, und als auch Enkel gekommen waren, litt es den alten Vater nicht mehr in der verödeten Heimat. „Ich hMs Haus verkauft, das Gewölb' halb verschenkt, und so Gott wird geben, werd' ich noch ein bißl Glück erleben." Wir waren vor die Office des Agenten gekoinmen. Ich gab dem Alten die Hand, wir wünschten uns Masel und B'roche, dann ging ich meines Weges, über das tragische Schicksal meines Volkes sinnend und über das uralte Problem einer Heimatlosigkeit . . . Ich aß zu Mittag in einem Krakauer Restaurant, das im Zentrum des Judenviertels liegt. Vorn stehen einige Marmortischchen, im Hintergründe ist der Schanktisch mit den beliebtesten polnischen Delikatessen beladen, welche sind: Bretzel, Fladen, marinierter Hering, Kilikower Brot, Knisches und in imponierender Größe eine Flasche Stanislauer Schnaps mit einer Batterie Gläschen.

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