Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 41 (9.10.1914)
- Date
- 1914-10-09
- Page
- Seite 487 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229123-3229165--70779-3283144- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
die kommerziellen Einrichtungen wurden fast ausschließlich das Erbteil der mehr oder weniger jüdischen Deutschen. Es ist interessant — so fährt er fort — die Aufmerksamkeit auf die Israeliten zu lenken, die die Rolle des geschichtlichen Vorspannes spielten, was die wirtschaftliche und geistige Eroberung Rußlands durch die Deutschen anbetrifft. Diese Rolle mußte ihnen unausbleiblich zufallen, wenn auch nicht von Rechtswegen, so doch durch ihre Vorfahren. Die russischen Juden, die aus Deutschland eingewandert waren, erst in Polen, dann heimlich in -Rußland sich ausbreitend, bewahrten ihrem alten deutschen Vaterland viel Anhänglichkeit, wovon noch heute der charakteristische Beweis der deutsche Dialekt ist, dessen sie sich bedienen. In den letzten Jahren der Regierung Alexanders H., zur Zeit des Dveikaiserbündnisses, war nach der weiteren Ausführung des Verfassers die Untertänigkeit Rußlands unter Deutschland eine vollendete Tatsache. (?) Namentlich durch die Finanz- und -Einzelverträge habe sich Rußland damals in vollster Abhängigkeit vom deutschen Markt befunden. Diesem Zustand der Dinge, der die Entwicklung eines der reichsten Länder der Erde hemmte, habe Alexander III. ein Ende gemacht, unterstützt durch eine nationalistische Bewegung, die in den Massen des russischen Volkes ihren Ursprung hatte. Wir werden auf diese Wandlung, was die Juden betrifft, am Schlüsse noch zurückkommen. Zunächst aber wollen wir in Kürze und möglichst mit den eigenen Worten des Verfassers mittellen, wie er über die Entwicklung der europäischen Politik dachte: Der Tag wird kommM, und er ist nicht mehr entfernt, >vo Deutschland zwischen einem Zusammvnstvß auf dem Meere mit England und einem Kampfe auf dem Festland mit seinem kontinentalen Nachbar wird wählen müssen. Hier liegt die Gefahr! Wie ist sie zu vermeiden? Könnte sich Frankreich Deutschland nähern, ohne seine Stellung als lateinische Großmacht einzubüßen? Schon jetzt muß es gegen das friedliche Ueberhandnehmen der Deutschen aus seinem Gebiete kämpfen —in den Handelszweigen, in der Industrie. Die Anfertigung der Luxuswaren, die Produktion im Weinbau sind in gleicher Weise durch sie bedroht. Unter ihren Angestellten sind zum großen Teil Deutsche. Hotels und Restaurationen sind mit Inhabern deutscher Abstammung ersüllt. Frankreich würde bald eine Beute des preußischen Deutschtums werden. Anderseits würde eine deutsch-russische Annäherung nicht dieselbe Gefahr für Deutschland darbieten. Rußland kann sich bis an die Ufer des Stillen Ozeans ausbreiten. Dies Eindringen in den Osten wird von Deutschland begünstigt; mir das Bündnis mit Frankreich ist hinderlich. Daher ergibt sich für Rußland die Alternative: seinem Bunde mit Frankreich Zugunsten einer deutschen Annäherung zu entsagen oder seinen Plan der östlichen Ausbreitung fallen zu lassen. Die Eroberung Asiens würde für Rußland gleichbedeutend sein mit seinem tatsächlichen Austritt aus dem europäischen Konzert. Rußland lehnte den deutschen Vorschlag ab; aber es gibt Russen, die noch heute diese Ablehnung als einen Fehler betrachten. Haben sie recht oder unrecht? Allein die Zukunft ist imstande, diese Frage auszulegen. Aber welches auch die Ueberraschungen sein mögen, die uns diese Zukunft ausbewahrt, das eine ist schon jetzt gewiß, daß die Triple- Entente nur dann eine wirklich politische Verbindung sein würde, wenn Frankreich den dreijährigen Militärdienst durchsetzte und England die allgemeine Wehrpflicht einsührte. Die Dinge haben sich noch über Verhofsen des Verfassers hinaus in seinem Sinne entwickelt. Nicht nur das politisch und wirtschaftlich an Rußland gefesselte Frankreich, sondern auch das in seinen Entschließungen freie England hat sich dem rassischen Attentat auf die europäische Kultur zur Verfügung gestellt. Wenn, wie wir zuversichtlich hoffen, die auf Sittlichkeit gegründete Kultur über die Barbarei den Sieg davonträgt, wird dies allein Deutschland zu verdanken sein. Und auch Rußland wird vielleicht am deutschen Wesen gesunden, dessen Eindringen ein wahrer Segen für die Kultivierung Rußlands gewesen ist, während die seit Alexander HI. eingeschlagene nationalistisch-antideutsche Politik der Zivilisation 'des Zarenreichs und der Ausnutzung seiner natürlichen Reichtümer auf keinen Fall förderlich war. Mit dem Wiederaufleben der Erkenntnis, daß eine friedliche Invasion deutscher Arbeit und Gewissenhaftigkeit für Rußland nur vorteilhaft sein kann, werden auch die russischen Juden wieder besseren Zeiten entgegengehen, nachdem sie, wie wir oben gesehen haben, in den letzten Jahrzehnten wegen ihrer deutschen Vergangenheit und ihrer deutschen Verbindungen als Feinde des echtrussischen Aufschwunges betrachtet worden sind. Von hier aus fällt ein neues Licht auf die Pogrompolitik der russischen Regierung. Nicht der jüdischen Religion oder Nationalität galten die systematischen, auf völlige Vernichtung abzielenden Verfolgungen der jüdischen Bevölkerung Rußlands, sondern ihrer unausrottbaren Anhänglichkeit an das Deutschtum. Mrseiitilchk Lrikgsgevjchte. Von Professor Her m ct n n Gunkel (Gießen). (Aus der „Frankfurter Zeitung" abgedruckt.) ie vielen Gelehrten mag in diesen gewaltigen Tagen, die wie Meereswogen über unser Volk ergehen, der Stoff, an dem sie in Friedenszeiten arbeiten, schal und gering erscheinen! Anders der Forscher des Alten Testaments. Ihm offenbart sich die Hoheit dieses alten Buches jetzt aufs neue darin, daß es an Wucht und Größe nicht hinter den Schicksalen einer ganzen Welt, die sich jetzt vollziehen sollen, zurück tritt. Mögen die zarten Binsen in diesen Zeiten verstummen; die Donnerstimme dieses Buches wird durch das Kriegsgetöse unserer Tage nicht übertönt. Das alte Israel ist ein ebenso kriegerisches wie poetisch-begabtes Volk gewesen und hat daher eine Fülle großartiger Kriegsgedichte erzeilgt. Und gerade die größten Männer, die es hervorgebracht hat, die Propheten, die zugleich Dichter und zum Teil große Dichter gewesen sind, die in einer Welk lebten, da sich die Kolosse altorientalischer Weltreiche gegeneinander stürzten, haben die gewaltigsten Schlachtgesänge gesungen. Und auch das, was sich jetzt vor unseren Augen vollzieht, der Aufmarsch von Tausenden und Abertausenden zum Kriege, hallt in jenen prophetischen Gedichten wider. Denn eine Zeit, wie wir sie jetzt erleben, wo der Weltball den Atem anhält und aus das furchtbare Gewitter hört, das cut unseren Grenzen niedergeht, das ist nach altisraelitischem Empfinden die rechte Prophetenzeit. In solchen Tagen, da aller Augen in die Ferne gerichtet sind, schaut der Prophet in der Verzückung die Legionen des heranziehenden Feindes und vernimmt den surchtbarell Marschtritt der Regimenter. So hat Jesaias das Kommen der Assyrer geweissagt in Worten, die jener bekannten Schilderung Zolas vom Anmarsch der Deutschen nach Sedan ebenbürtig sind. Von dem Gotte Israels selber wider sein abtrünniges Volk Herbeigerusen, naht der Feind aus weiter Ferne, von der Erde Grenzen, mit ungeheurer Schnelle! Kein Unfall trifft das Heer auf seinem langen Wege! Mit übermenschlicher Eile, niemals Halt machend, niemals stockend, stets zum Angriff bereit, naht es heran! Furchtbar tönt sein Schlachtgeschrei dem Gegner in die Ohren. Und schon hat es ihn erfaßt! Schon steht es über ihm, wie der Löwe über seiner Beute! Und nun bricht die Götterdämmerung herein: das Ohr vernimmt nur noch Tosen, das Auge schaut nur Finsternis! Es ist ein Tag wie jener erste, ehe die Welt ward, da über dem tosenden Meere der Urflut die Finsternis lag! Er hebt ein Banner dem Volk ans der Ferne und zischt es herbei vom Ende der Well! Da kommt es eilends, geschwinde! Kein Müder, kein Strauchelnder in ihm, es braucht nicht Schlummer, nicht Schlaf! Nicht löst sich der Gurt seiner Lenden, nicht reißt der Niemen seiner Schuhe! Schon sind seine Pfeile geschärft, all seine Bogen gespannt! Die Hufe seiner Rosse sind wie Kiesel erachtet, seine Näder wie Sturmwind!