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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-10-09 · Heft 41 (9.10.1914) · p. Seite 485

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 41 (9.10.1914)
Date
1914-10-09
Page
Seite 485 (sequence 5)
Language
German
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485 Derselben Zeitung entnehmen wir nachstehendes: Löwen •— ein mißlungener Pogro m. Eine echt russische Phantasie. Aus Zürich wird uns berichtet: Niemand wird es glauben, daß in der Hauptstadt des heiligen Rußland, wo die Zensur so streng ihres Amtes waltet, eine Zeitung ihre Bewunderung und ihre Liebe für die Deutschen zum Ausdruck bringen kann. Ja, das Blatt ist sogar empört, daß die braven deutschen Soldaten nur über Löwen ein strenges Gericht abgehalten und nicht auch Brüssel und Lüttich dem Boden gleichgemacht haben. Dies klingt unglaublich, aber mehr Staunen muß es erregen, daß diese Zeitung ein wahrhaft patriotisches russisches Blatt ist, das Leiborgan des Zaren, der dessen Mitarbeiter oft empfangen und mit Orden ausgezeichnet hat: die „Rußkoje Snamja", das Organ der — „schwarzen Hundert". Sie schreibt in Nr. 100: „Löwen, eine verpestete Juden st adt wie unser Berdischew, sollte anfänglich nicht zerstört werden. Die Deutschen waren aber sehr empört über die Provokation der geizigen, schmutzigen Juden, daß sie die Häuser zerstörten. Da Löwen wie Lüttich und Brüssel nur von verfluchten Juden bewohnt wird, waren die schmutzigen Juden, die alle Häuser der Stadt besitzen, empört und versuchten, stark genug, mit Deutschland zu kämpfen. Die belgischen verdammten Juden fanden in Wilson einen warmen Vertreter ihrer abscheulichen Interessen, da bekanntlich auch in den Adern des amerika-- nischen Präsidenten schmutziges jüdisches Blut fließt. Die Deutschen haben nur aus Furcht vor den Juden und Wilson leider aufgehört, Lüttich zu zerstören. Auch Kaiser Wilhelm ist leider nur ein Untertan des jüdischen Kapitals, dem er Folge leisten mußte. Kaiser Wilhelm mußte den Plan aufgeben, Paris zu bombardieren. Wenn Paris von den Deutschen belagert wird — mit Hilfe der Zeppelin- Schisse —, dann würde es schlecht mit den jüdischen Häusern und den jüdischen Millionen stehen. Jedes Zeppelin-Luftschiss führt eine Ladung von 100 Pfund Dynamit mit sich. Man kann sich jetzt vorstellen, welche Situation in Paris herrschen würde, wenndie Hälfte der Zeppeline Dhnamitbomben auf Paris herabwerfen würde. Darum haben die Juden, die systematisch die Völker vergiften, Maßnahmen ergriffen, um ihr Eigentum zu schützen durch — Wilson." Dieses Dokument zeigt deutlicher als die längsten Ausführungen, was an der „Einmütigkeit Allrußlands" ist, mit der man von Petersburg aus die Welt zu betrügen sucht. Schon während des Krieges läßt man diese schamlose Judenhetze zu — nach einem Siege würden bald genug die übrigen „Fremdvölker" an die Reihe kommen. Die „Rußkoje Snamja" wird freilich bald genug anfangen, auch die russischen Generale zu verdächtigen, daß sie von den Juden bestochen seien und darum sich schlagen lassen. Vielleicht wird dies nicht einmal so phantastisch klingen wie ihre bewegliche Klage über die mangelhafte Energie der deutschen Kriegsführung. # Eine Erklärung der „Staatsbürgerzeitung". Die „Staatsbürgerzeitung" veröffentlicht -an der Spitze ihrer neuen Nummer eine Erklärung, in -der es heißt: „Infolge Eingreifens des Oberkommandos in den Marken erklärt die „Staatsbürgerzeitung", daß sie im Hinblick auf die patriotische Haltung der gesamten Bevölkerung von nun ab ihren Charakter als antisemitisches Blatt ansgibt, und Zwar nicht nur für den Krieg, sondern auch für den Frieden." Das Eingreifen des Oberkommandos darf man wohl darauf zurückführen, daß den Militärbehörden der Antisemitismus als Gefahr für die Geschlossenheit des deutschen Volkes erscheint. Ihn in allen seinen Aeußerungen in Heer und Volk zurückzuweisen, ist um so mehr notwendig, als selbst die „Staatsbürgerzeitung" die „patriotische Haltung der gesamten Bevölkerung" zugestehen muß. Lekannte iBrrlinrr Glaubensgenossen. YI. Joseph Fraenkel wurde am 13. Januar 1828 zu Beuthen in Oberschlesien geboren. Seine Jugend fiel in jene Zeit, als das Handwerk unter den Juden in Preußen noch wenig verbreitet, die Beschäftigung mit demselben nicht besonders beliebt und angesehen war. Karl Emil Franzos hat uns in seiner Novelle „Moschke von Parma" ein anschauliches Bild von den Kämpfen und Leiden eines Knaben vorgeführt, der in einer altjüdischen Gemeinde den Vorsatz auszuführen versucht, ein Handwerk zu erlernen. In Berlin aber regten sich schon damals Bestrebungen, die darauf gerichtet waren, die Heranwachsende Generation zu Gewerbe und Künsten, zum Handwerk und zum Ackerbau hinzuleiten, um dadurch die einseitige Neigung zum Handel zu unterdrücken, den Ton und die gesellschaftlichen Verhältnisse zu ändern und so allmählich jede dem Ganzen widerstrebende Eigentümlichkeit zu bezwingen. Die Kunde von diesen Bestrebungen, denen in der Hauptstadt die Besten ihre Kräfte weihten, muß auch nach Oberschlesien gedrungen sein. Sie regte den Knaben mächtig auf, der als Dreizehnjähriger das mit Kindern, aber nicht mit Glücksgütern reich gesegnete Elternhaus verließ und nach Pleß in die Lehre als Kaufmann gezogen war. Kurze Zeit daraus ging er auf gut Glück nach der Residenz. Hier konnte er seiner Neigung, das Handwerk zu erlernen, Nachkommen,- hier bestand schon seit dreißig Jahren eine gedeihlich wirkende Gesellschaft zur Verbreitung der Handwerke und des Ackerbaues unter den Juden im preußischen Staate; hier lebten und arbeiteten Männer wie der berühmte Major Meno Burg und der Königliche Bauinspektor Salomo Sachs, die, beide aus den dürftigsten Verhältnissen hervorgegangen, trotz aller Kämpfe und Anfeindungen es dennoch zu einer hohen Staatsstellung gerade auf dem Gebiete gebracht hatten, das zu erlernen das heißeste Bemühen des Jünglings war. Sein Glück führte ihn auch in die Nähe dieser Männer. Burg und Sachs wurden seine Lehrer; hatte man es doch letzterem gestattet, eine Baugewerkschule zu errichten, an der auch Burg als Lehrer tätig war. Nach Sachs' Tode, der 1846 erfolgte, kam Fraenkel zu dem damals in Berlin sehr bekannten Maurermeister Schweinitz, wo er vier Jahre als Geselle arbeitete. Dann trieb ihn sein rastloser Drang nach höherer Ausbildung, auch noch die Königliche Baugewerkschule zu besuchen. Im Jahre 1851 ging er, um seinen Gesichtskreis zu erweitern, auf die Wanderschaft. Sein Weg führte ihn über Hamburg, Hannover, Bremen, Köln, Kassel nach München. Dort machte er halt, angelockt von den herrlichen Kunstschöpfungen, die das damalige Neu-München jedem Baugewerkschüler bieten mußte. Er besuchte dort ein Jahr lang die Akademie der bildenden Künste, und dort bildete sich sein Sinn in hohem Maße für die Kunst aus, der er sein Leben widmete. Von hier aus war der Weg für einen Jünger der Kunst von selbst vorgezeichnet. Er führte ihn wie alle seine Genossen vorher und nachher über Wien und Triest nach dem gelobten Lande der Kunst, nach Italien. Von da ging er nach Frankreich, in dessen schöner Hauptstadt Paris er sich vier Jahre lang aufhielt, und wo er bereits im Jahre 1858 um seines Fleißes und seiner Geschicklichkeit willen die bronzene Medaille erhalten hat. Nun aber ging es wieder nach der Heimat, und zwar nach Berlin zurück. Hier erbaute er das Krankenhaus der jüdischen Gemeinde in der Auguststratze und lieferte damit sein Meisterstück; hier legte er im folgenden Jahre seine Meisterprüfung ab, und hier fand er nun auch das Glück seines Lebens in seiner Gattin Klara Benda, einer jungen Dame aus einer der besten, ältesten und angesehensten Familien Alt-Berlins, mit der er bis zu ihrem Tode am 2. August 1903 in treuer und inniger Liebe verbunden blieb. Seit dem 1. März 1859 war Joseph Fraenkel selbständig als Maurermeister in Berlin etabliert, und jetzt ging sein Weg unaufhörlich vorwärts. Die künstlerische Ausbildung,

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