Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 41 (9.10.1914)
- Date
- 1914-10-09
- Page
- Seite 484 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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484 Ich föiifc bei ihr Birnen. Ta tauchen neben mir zwei Kosaken auf. Die Gewehre auf dem Rücken, in der Hand die Reitpeitsche, die „Nagajka". Die Kosaken gehen daran, ihre Taschen mit Obst zu füllen. Als kein Platz mehr in den tiefen Hosentaschen ist, entfernten sich die beiden in größter Ruhe. Tie verblüffte Jüdin wagt schüchtern zu bemerken: „Ein Bund Birnen kostet sechs Kopeken." „Sechs Kopejken? Eharascho (gut!)" Mit einem starken Fußtritt wirft der Kosak den Korb mit Birnen und Zwetschen um, der andere Fußtritt schickte die Kuchen auf die Straße. Ter Zweite Kosak folgte dem Beispiel seines Genossen. „Da hast du deine sechs Kopeken!"- Im Bureau gibt man Passe für die Reise nach Warschau aus. Die Formulare werden in einem Zimmer vom rangältesten Kosaken, wahrscheinlich einem Kommandanten, ausgefüllt. In dem zweiten Zimmer warten die Gefuchsteller, fast lauter jüdische Kanfleute. Bevor sie vor dem Gesicht des Kommandanten erscheinen können, werden sie von einem jungen, etwa zwanzigjährigen, stark gebauten, energischen Kosaken in Reihen aufgestellt, geordnet und ermahnt. Ter junge Kosak spricht zu jedem der anwesenden Juden dieselben kurzen Worte: „Geld hergeben!" Es verschwinden in der Hand des Kosaken kleinere Silberstücke, oft auch ganze Rubel. Ter Kosak taxiert die Interessenten nach ihren Kleidern und ihrem Aussehen. Bei jedem jedoch macht er die Bemerkung, er habe viel zu wenig Geld bekommen. „Wer fahren will, muß auch zahlen. Geschäfte wollts ihr machen, aber euren Bruder wollts ihr nichts verdienen lassen!" llnd zunl zeitenmal fängt er an, das Geld einzukassieren. Wiederum klingt das Geld, kleinere tlnd größere Geldstücke. Da, unerwartet, folgt ein Lheatereffekt. Die Tür wird wirklich geöffnet; aber nicht die Tür, die in die Kanzlei des Kommandanten führt, sondern die rechts, die in ein anderes Zimmer geht. Der junge Kosak packt die am nächsten stehenden Juden, stößt sie gegen dieses Zimmer — ungefähr zwanzig Kauslente fallen in die Arme der Kosaken, die hinter den Türen schon warteten. „Jetzt werden wir euch was zeigen! Wartets nur!" Tie Nagajka beginnt zu pfeifen, man hört entsetzliches Schreien, das nur durch die schnell Zugedrückten Türen gedämpft wird. Ter junge Kosak schaut erst die im Wartezimmer gebliebenen Inden au und beginnt artig zu wiederholen: „Geld hergeben!" Die Szene, die vor einem Augenblick stattgefunden, hat ihren Zweck nicht verfehlt. Der Kosak nimmt jetzt eine noch reichere Steuer ein. Aber vor den Kommandanten werden nur wenige gelassen — die dem jungen Kosaken gefallen. Die übrigen Juden werden in den Hof hinausgetrieben. Und sie sind noch überglücklich, daß man sie nicht hinter die rechte Tür schickte, wo man btc Steller mit den Schlägen der Reitpeitsche quittiert.-- Wir fahren ans der Stadt hinaus. Es ist ein Wunder, daß lch überhaupt einen Wagen bekomluen habe. Ein graues Pferd, bei dem mall alle Rippen zählen konnte, zieht resigniert den Wagen, auf den ich mit meinem Koffer hlnausklettere. Nur die im voraus bezahlten sieben Rubel hatten den Fuhrmann — einen jungen Inden — bewogen, daß er mit mir hinansfnhr. Beide hatten wir Pässe .- unterwegs untersuchten einige Kosakenpatrouillen unsere Papiere uv'o fanden sie in Ordnung. So fuhren wir nnbebell:gt durch einige Dörfer, die an meinem Wege lagen. Schon sehe ich die ersten Hütten des Dorfes, in welchem die Pflicht meines Fuhrmannes beendet ist und von dem er nun nach R . . . . zurückkehren soll. Da ertönt ans einem Gebüsch der laute Ruf: „Stehen bleiben!" In demselben Augenblick halten wir die Pferde an. Wir sehen einige Kosakenlanzen. Dem Wagen nähert sich der Patrouilleukom Mandant. „Pässe hergeben!" Die Pässe werden vorgezeigt. „Sie sind ein Pole?" „Jawohl!" „Du ein Jewrh (Jude)?" „Jawohl!" Der Kommandant wendet sich au mich. „Steigen Sie vom Wagen sofort herunter; den weiteren Weg werden Sie zu Fuß zurückleaen!" Ich strenge mich an. dem Kosaken zu erklären, daß ich den Wagen schon bezahlt habe und daß ich jetzt genötigt wäre, den schweren Koffer allein zu tragen. Ich bitte ihn, er solle mir erlauben, bis ins Dorf hlneinzusahren. „Sie werden zu Fuß gehen, habe ich schon gesagt!" wiederholte der Kosak mit fester Stimme. Der Ton seiner Rede war so entschlossen, daß ich vom Wagen hernntersiieg und den Koffer in die Hand nahm. „Marsch, weiter!" ermutigte mich der Kommandant. „Da lurben Sie nichts zu suchen!" Ich entfernte mich nach dem Dorfe. Hinter mir ertönten zwei gedämpfte Schüsse. Als ich mich urnwendete, sah ich auf der Straße den jungen Juden bei seinem grauen Pferde liegen. Die Kosakenpatrouille zog weiter. * Einen ganz merkwürdigen Artikel enthält die „Franks. Zeitg.". Er lautet: Zangwill wirbt für Rußland! Ter bekannte Publizist Israel Zangwill, der Präsident der Territorial Association, der zuerst als Gegner der Beteiligung Englands am Kriege austrat und von dem im Anfang des Krieges mitgeteilt wurde, er sei wegen einer Rede gegen den Krieg verhaftet worden — die Nichtigkeit der Nachricht konnte damals nicht sestgestellt werden — hat sich bekehrt. Er hat ein Gespräch mit Sir Edward Grey gehabt und ist dadurch überzeugt worden, daß auch die Juden ihre Sympathien England und seinen Verbündeten, also auch Rußland, zuwenden müssen. Eine Ausnahme will er nur für die deutschen Juden machen, denen er gestattet, ihre Liebe ihrem Vaterlande zuzuwenden. Unter dem 9. September hat er nämlich, wie wir erst jetzt aus einer uns übersandten Zeitung ersehen, im konservativen „Standard" einen offenen Brief an die Juden der neutralen Länder, besonders an die amerikanischen, gerichtet, in dem er sie anffordert, ihre Sympathien Großbritannien und dessen Verbünde-. ten zuzuwenden. Er spricht die Erwartung aus, daß nach dem Kriege, wenn einmal England von dem deutschen Alpdruck befreit sei, es den russischen Juden besser gehen werde. Denn Sir Edward Grey habe ihm (Zangwill) versprochen, „er werde keine Gelegenheit versäumen, um die Emanzipation der russischen Juden zu ermutigen." Der in seinen Ansprüchen offenbar sehr bescheidene Herr Zangwill sieht in dieser Versicherung einen „Wendepunkt in der Geschichte der russischen Juden", eine „feste politische Basis" und nicht „eine bloße Redensart eines in einer kritischen Lage steckenden Politikers." Zangwill bittet die „neutralen" Juden, nicht „durch den Schatten Rußlands ihre Sympathien für diese unbesiegbare Insel verdunkeln zu lassen, die jetzt, wie nicht selten in früherer Zeit, für die Menschheit kämpft, und die noch Rußland und Deutschland zivilisieren wird." Dabei ist es dem Verfasser dieser rührenden Epistel einigermaßen unbequem, daß England Asiaten und Afrikaner zum Kampfe gegen Deutschland nach Europa bringt. Er tut diesen Einwand mit dem Witz ab, die schwarzen Soldaten kämpften für eine , weiße Sache, während Deutschland weiße Soldaten für eine schwarze Sache verwende. Man braucht den anglomanen Herrn Zangwill, der sich durch ein vollständig belangloses Versprechen des Herrn Grey einsangen läßt und darüber alle Drangsale und Verfolgungen seiner russischen Glaubensgenossen vergißt, nicht ernster zu nehmen, als er sich selbst genommen hat. Herr Grey hatte viele Gelegenheiten, nicht nur die Emanzipation der russischen Juden, sondern auch der anderen russischen Bürger zu „ermutigen". Er hat keine davon benutzt, er hat im Gegenteil die russischen wie die persischen Verfassungssreunde kalt und unbewegt den Hängegendarmen des Zaren ausgeliefert. Er wird die künftigen Gelegenheiten, wenn er noch Minister ist, ebenso benutzen, wie die früheren. Herr Zangwill aber macht über das, was in seine Lehre nicht paßt, einen Witz. Er scheint überhaupt sehr witzig zu sein, und so ist es kein Wunder, wenn auch dieser Appell an die neutralen Juden zugunsten Rußlands wie ein Witz, aber nicht wie ein guter, sondern wie ein sehr übler und grausamer wirkt. *