Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 41 (9.10.1914)
- Date
- 1914-10-09
- Page
- Seite 483 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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griff auf Antwerpen schreitet erfolgreich fort. — Auf dem östlichen Kriegsschauplatz keine Veränderungen. Großes Hauptquartier, 2. Oktober, abends. Vor dem westlichen Arrnkeflügel wurden erneute Umfassungsversuche der Franzosen abgewiesen. Südlich Rohe sind die Franzosen aus ihren Stellungen geworfen. — In der Mitte der Schlachtfront blieb die Lage unverändert. — Die in den Argonnen vordringenden Truppen erkämpften im Vorschreiten nach Süden wesentliche Vorteile. — Oestlich der Maas unternahmen die Franzosen aus Toul energische nächtliche Vorstöße, die unter schweren Verlusten für sie Zurückgeworfen wurden. — Vor Antwerpen sind das Fort Wavre— St. Catherine und die Redoute Dorpweldt mit Zwischenwerken gestern nachmittag fünf Uhr erstürmt; das Fort Waelhem ist eingeschlossen, der westlich herausgeschobene wichtige Schulterpunkt Termonde befindet sich in unserem Besitz. — Auf dem östlichen Kriegsschauplatz scheint der Vormarsch russischer Kräfte über den Njemen gegen das Gouvernement Suwalki bevorzustehen. Großes Hauptquartier, 3. Oktober, abends. Auf dem französischen Kriegsschauplatz sind heute keine wesentlichen Aenderungen eingetreten. — Im Angriff auf Antwerpen fielen auch die Forts: Lierre, Waelhem,Koninshoycht und die zwischenliegenden Redouten. In den Zwischenstellungen wurden 30 Geschütze erobert. Die in den äußeren Fortsgürtel gebrochene Lücke gestattet, den Angriff gegen die innere Fortslinie und die Stadt vorzutragen. — Im Osten sind das 3. sibirische und Teile des 22. Armeekorps, welche sich auf dem linken Flügel der über den Njemen vordringenden russischen Armeen befanden, nach zweitägigem erbitterten Kampf bei Augustowo geschlagen. lieber 2000 unverwundete Gefangene, eine Anzahl Geschütze und Maschinengewehre wurden erbeutet. * Eine hochwichtige Nachricht, die mit dem Kriege zusarnmenhängt, deren Folgen erst in einiger Zeit erkennbar sein werden und die daher zunächst ohne Kommentar bleiben mag, wird vom „Berliner Tageblatt" mitgeteilt. Am 29. wurde gemeldet: Die G r g ä n z u n g der O f f i z i e r e m ä h r e n d d e s K r i e g e s. Eine Kabinettsorder ist ergangen, welche von einschneidender Bedeutung ist. Sie fetzt Abweichungen fest von den geltenden FruDensbestinunungen über den Offizierersatz und regelt diesen nach teilioeche neuen Gesichtspunkten. Das „Armeeverordnungsblatt" gibt bekannt- 1. Abweichend von den Bestimmungen der Heerordnung dürfen Offizieraspiranten (§ 17,6 Heerordnung) und ehemalige Offizieraspirunten (§ 46,10 Heerordnung) des Beurlaubtenstandes, die mobilen Truppenteilen angehören, im Falle der Geeignetheit und nach erfolgter Wahl durch das Osfizierkorps des Truppenteils (§ 47,2 Heerordnung) jederzeit zum Reserve- oder Landwehroffizier vorgeschlagen werden, wenn sie den Dienstgrad eines Fähnrichs, Feldwebels oder VizeseldwLbels, Wachtmeisters oder Vizewachtmeisters erreicht haben. Erachtet der Truppenkommandeur die bürgerlichen und sonstigen Verhältnisse des zur Beförderung zum Offizier Vorgeschlageuen für genügend geklärt, so kann er von der Einforderung des im § 47,10 Heerordnung vorgeschriebenen Zeugnisses des Bezirkskommandeurs absehen. 2. Einjährig-Freiwillige, die sich bei Ausbruch des Krieges noch im Dienst befanden, sowie die nach diesem Zeitpunkt eingestellten Kriegsfreiwilligen und Mannschast-en, die die Berechtigung zum.einjährig-freiwilligen Dienst besitzen, dürfen, sofern sie mobilen Truppenteilen angehören, schon vor den im § 20,4, 5a und b Heerordnung festgesetzten Fristen befördert und zu Osfizieraspiranten des Beurlaubtenstandes -ernannt werden. Wegen des Vorschlages zum Reserve- oder Landwehrofftzier gilt das unter Ziffer 1 Gesagte. 3. Unteroffiziere und Mannschaften, die sich vor dem Feind auszeichnen, dürfen, sofern sie dem Beurlaubtenstand angehören, zum Reserve- oder Landwehrofflzier, sofern sie dem Friedensstand angehören, zum Offizier des aktiven Dienststandes vorgeschlagen werden. Voraussetzung hierfür ist die Erreichung des Dienstgrades eines Feldwebels, Wachtmeisters, Vizefeldwebels oder Dizewachtmeisters. Eine Beförderung dieser Unteroffiziere und Mannschaften zu Fähnrichen kommt nicht in Betracht. : Den Vorschlägen zur Beförderung von Unteroffizieren des aktiven Dienststandes zu Leutnants hat wie bei den vorzuschlagenden Fähnrichen die Wahl des Osfizierkorps vorauszugehen. Bei den Unteroffizieren und Mannschaften des Beurlaubtenstandes kann der Truppmkommandeur von der Einforderung des im § 47,10 der Heerordnung vorgesehenen Zeugnisses des Bezirkskommandeurs absehen, wenn er die bürgerlichen und sonstigen Verhältnisse für genügend geklärt erachtet. 4. Die Vorschläge zur Beförderung zum Offizier nach den vorstehenden Ziffern 1 bis 3 sind Mir durch die kommandierenden Generale für die ihnen unterstellten Truppenteile aller Waffen vorzulegen. Im übrigen ist nach § 90 Mobilmachungsplan zu verfahren. Ich will gestatten, daß diese Vorschläge in einfachster Form — auch mittels Meldekarte — unter Angabe des Namens des Vorgeschlagenen, Truppenteils, Dienstgrades und einer kurzen Begründung gemacht werden. Die Wahl zum Offizier des aktiven Dienststandes kann in vereinfachter Form derart erfolgen, daß der Kommandeur die erreichbareil Teile des Osfizierkorps befragt und deren Einverständnis meldet, Wahl- Verhandlungen der sonst üblichen Art aber nicht vorgelegt werden. Wird der Vorschlag von dem Kommandeur eines nur für das mobile Verhältnis bestehenden Truppenteils oder einer solchen Formation vorgelegt, so ist von diesem vorher das Einverständnis des Kommandeurs und auch des Osfizierkorps des Friedenstruppenteils einzuholen, von dem die Abgabe des betreffenden Unteroffizers erfolgt ist. Hierüber ist bei dem Vorschlag zu melden. Die Verordnung wird in Deutschland adgemetit begrüßt werden. Sie eröffnet tüchtigen Männern und Jünglingen die Aussicht, in das Osfizierkorps des Heeres zu einer Zeit hineinzukommen, die das Wesen des Ofsizierberufs darstellt. 3fr Ueber Rußland und die Juden ist verschiedenes zu berichten. Das „Prager Tagblatt" erfährt: Verläßliche Nachrichten aus Galizien stimmen darin überein, daß die Russen überall in Galizien, wo sie Ortschaften besetzen, mit systematischer Brutalität gegen die jüdischen Einwohner Vorgehen, die ruthenische Bauernbevölkerung gegen die Juden aufhetzen und jüdisches Eigentum sowie das Eigentum der zumeist geflüchteten polnischen Gutsbesitzer ruthenischen Bauern überantworten. Die von den Russen an jüdischen Einwohnern verübten Gewalttaten nehmen immer größeren Umfang an, wodurch der Aufruf des Zaren: „An meine lieben Juden" eine sehr merkwürdige Beleuchtung erhalte. 3fr Der „B. Z. am Mittag" entnehmen wir folgenden schauerlichen, aber höchst kennzeichnenden Brief: D i e „g e l i e b t e n I u d e n". K o s a k e n g r e u e l in Russisch-Polen. Der „Krakauer Czas" erhält von einem Manne, der soeben aus Russisch-Polen gekommen ist, folgende Schilderungen, die wir nach der „Wiener Arbeiterzeitung" wiedergeben: In den kleinen Städten Russisch-Polens spielen sich jetzt unvergeßliche Szenen ab, manchmal tragikomische, manchmal blutige. Die Kosaken, die wieder in polnische Dörfer und Städte eingezogen sind, wirtschaften dort aus die ihnen eigene Art. Als ich in R.in einem Gasthos saß, da sah ich plötzlich eine Abteilung Kosaken, die durch die Stadt galoppierte. Hinter den Kosaken her eilte eine Menschenmenge. In ihrer Mitte wurden unter Bewachung drei Juden geführt — einer in festlichem Seidenkaftan, zwei andere in den Nachtkleidern —, fast entblößt. Alle drei blaß, erschrocken und betend. Die Menge ihrer Glaubensgenossen umringte sie weinend. Der ganze unheimliche Zug ging in der Richtung nach dem nahen Stadtwäldchen. „Was ist geschehen?" fragte ich neugierig. „Die drei Juden werden gehängt", antwortete mir kurz ein Mann. „Man hat alle hiesigen Juden zusammengetrieben, damit sie der Hinrichtung Zuschauer:." „Was haben sie denn angestellt?" Man konnte mir keine genaue Antwort geben. Wahrscheinlich dürften die drei armen Juden den: preußischen Militär geholfen haben. Nach kurzer Zeit war die Exekution vorüber. Wie eine Schafherde, von den Kosaken getrieben, kehrten die Juden jammernd in die Stadt zrrrück. An einer Straßenecke hat eine Jüdin ihren Standplatz, wo sie Obst und Süßigkeiten verkauft.