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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-10-09 · Heft 41 (9.10.1914) · p. Seite 482

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 41 (9.10.1914)
Date
1914-10-09
Page
Seite 482 (sequence 2)
Language
German
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gung, um es zu erschüttern. Er hat seinem Autor tief in die Seele geblickt und ist von dem begreiflichen Verlangen erfüllt, inöglichst alle Daten seines Lebens zu ermitteln. Dafür gibt es jedoch so gut wie gar keinen Anhalt, alle Exegeten haben daher nur gewagte Vermutungen vorgebrncht. Eine wichtige Stütze scheint die politische Andeutung in 4,13—16 zu bieten: „Besser ein Jüngling, arm aber weise, als ein König, alt aber töricht, der es nicht mehr versteht, sich belehren zu lassen. Denn jener kann aus dem Gefängnis heraus zur Herrschaft gelangen, während dieser trotz seines Königtums ein arm Geborener ist. Ich sah alle Lebenden, die unter der Sonne wandelten, auf der Seite des Sohnes des zweiten (Ptolemäers), der an dessen Stelle trat. Endlos waren alle die Volksmengen anfangs, doch die Späteren freuten sich seiner nicht mehr. Denn auch dies ist eitel und Einbildung." Das bedeutet nach dem Verfasser, daß Koheleth in seiner Jugend den glücklichen, von aller Welt unterstützten Feldzug des Ptolemäus III. (= Sohn des zweiten) gegen Syrien und den späteren Abfall der Völker miterlebt hatte. Und aus den Anspielungen auf politische Entartung in Kapitel 10 wird geschlossen, daß dort die traurige Regierungszeit des Ptolemäus IV. Philopator und die Mißwirtschaft unter der Regierung seines minderjährigen Sohnes geschildert sind, so daß die Abfassungszeit von Koheleth genau in das Jahr 203, d. i. nach dem Regierungsantritt Ptolemäus' V. und vor dem Sturze seines Vormundes Agathokles, gesetzt wird. Man muß den Scharfsinn bewundern, mit dem das alles ermittelt wird, aber als gesichtetes geschichtliches Ergebnis darf es nicht angesehen werden. Das aber tut der Verfasser, wenn er weiter schließt, daß Koheleth, „der Menschenhirt", wie er das rätselhafte Wort wiedergibt, mit einem der angeblichen Sektenstifter Sadoq und Boethos identisch ist, die etwa in derselben Zeit gelebt haben müßten. Allein ihre Existenz ist nur durch jene Erzählung der Aboth di R. Nathan belegt, deren legendarischen Charakter alle Rettungsversuche des Verfassers nicht zu beseitigen vermögen. Mit einem kühnen Handstreich läßt sich die durch Abraham Geiger begründete und in ihren Grundzügen allgemein angenommene Anschauung vom Wesen und Ursprung des Sadduzäisinus nicht zu Falle bringen, mit unhistorischen Quellen kann man keine neue historische These begründen. Das Verdienst Geigers besteht darin, daß er die Forschung von den knappen und einseitigen Mitteilungen des Josephus und des Talmuds unabhängig gemacht, das Wesen der sadduzäischen Partei nicht aus den wenigen Sätzen einer subjektiv zusammengestellten Theorie, sondern aus den geschichtlichen Tatsachen und den wirklichen Zeitverhältnissen erschlossen hat; es bedeutet daher einen Rückschritt, wenn wir wieder zu Josephus allein zurückkehren. Und dafür, „daß der dogmatische Standpunkt des Sadduzäismus sich mit dem des Buches Koheleth deckt" (S. 48), ist der Verfasser trotz aller Mühe den Beweis schuldig geblieben. Wenn wir demnach den allgemeinen Anschauungen des Verfassers und seiner Gesamtauffassung des Buches Koheleth die Zustimmung versagen müssen, stehen wir dennoch nicht an, das Werk zu empfehlen. Die allgemeinen Thesen greifen in die Auffassung der Einzelheiten nicht sehr tief ein, und in der Erklärung des einzelnen hat der Verfasser unzweifelhaft oft glückliche Gedanken und anregende Wendungen. Koheleths Anziehungskraft beruht auf den Sätzen, die, unabhängig von Zeit und Rauin, allgemein menschliche Bedeutung besitzen, sie hat der Verfasser zu erläutern und von allen Seiten her zu beleuchten verstanden, man wind daher das Buch mit Interesse und mit Nutzen lesen. Me Woche. Berlin, 7. Oktober 1914. Uoch immer ist die Entscheidung nicht gefallen, aber Fortschritte sind überall zu verzeichnen: in Belgien, wo die Außenforts von Antwerpen gefallen, die Ausfälle belgischer Truppen zurückgeschlagen sind. In Frankreich tobt der ungeheure Kampf weiter, nun schon seit drei Wochen in einer ungeheueren Schlachtlinie, die immer noch erweitert wird. Man wird den Gegnern den Ruhm der Tapferkeit und der zähen Ausdauer lassen müssen, und man nruß ihnen auch zugestehen, daß sie die Großsprechereien nunmehr lassen. Wenn sie auch von Zeit zu Zeit den sicheren endlichen Triumph verkünden, so warnen sie doch vor ungerechtfertigtem Optimismus und erkennen die ungeheure Bravour der Deutschen an. Auch im Osten haben die Operationen wieder begonnen mit neuen großen Erfolgen der Deutschen. Dort freilich ist bei den Gegnern eitel Windmacherei und Großmannssucht. Die Russen, die bisher noch nirgends nennenswerte Erfolge erzielt haben, prahlen weiter, sie sprechen von einem Fünsmillivnenheere, das sie aufstellen wollen und das, unter persönlicher Führung des Zaren die Aufgabe haben soll, nach Berlin und Wien zu marschieren. Gewiß werden sich aus dem unermeßlichen Reiche noch ungeheure Massen zusammenbringen lassen, aber woher sollen die Führer Herkommen, Munition und Kanonen? England, das seine eigene Flotte schont und nicht wagt, das, wie es scheint, unbezwingliche Helgoland anzugreifen, begeht Neutralitätsbrüche, wo es kann, muß zusehen, wie von unseren kleinen Kreuzern Dutzende seiner Handelsschiffe zerstört werden, und begnügt sich mit dem billigen Ruhm, im Verein mit den Japanern, unsere Kolonien zu besetzen. Es ist höchst traurig, daß diese blühenden Ansiedlungen mit ihren geringen Besatzungen den Feinden schließlich zum Opfer fallen ruüssen, aber die Mannschaften wehren sich heldenhaft und fügen den Angreifern große Verluste bei. Die Neutralität der übrigen Staaten: Italien, Holland, Skandinavien scheint bestehen zu bleiben; es ist zu hoffen, aber nicht gewiß, daß Rumänien und die Türkei sich für uns, oder wenigstens gegen Rußland erklären. In Persien und Aegypten gärt es gegen Rußland und England, und wenn auch das letztere indische Truppen in Südfrankreich hat landen lassen, so ist wenigstens mit Aufständen gegen die englische Herrschaft zu rechnen- Was geschehen wird, vermag keiner vorauszusagen. Zunächst können wir uns freuen mit dem, was geschehen ist. So leicht, wie wir in den ersten Wochen hofften, geht es nicht vorwärts. Die Gegner im Westen nehmen alle Kräfte zusammen, aber wir leben der sicheren Erwartung, daß ihre Kraft bald und dann entscheidend gebrochen ist. Wir lassen die wichtigsten Nachrichten hier folgen: Großes Hauptquartier, 29. September, abends. Auf dem rechten Heeresflügel in Frankreich fanden heute bisher noch unentschiedene Kämpfe statt. — In der Front zwischen Oise und Maas herrschte im allgemeinen Ruhe. — Die im Angriff gegen die Maasforts stehende Armee schlug erneute französische Vorstöße aus Verdun und Toul zurück. — Gestern hat die Belagerungsartillcrie gegen einen Teil der Forts von Antwerpen das Feuer eröffnet. Ein Vorstoß belgischer Kräfte gegen die Einschließungslinie ist zurückgewiesen. — Im Osten scheiterten russische Vorstöße, die über den Njemcn gegen das Gouvernement Suwalki erfolgten. — Gegen die Festung Ossvwiec trat gestern schwere Artillerie in Kampf. Großes Hauptquartier, 1. Oktober, abends. Am 30. September wurden die Höhen von Rohe und Fresnoy (nordwestlich von Noyon) den Franzosen entrissen. - - Südöstlich von St. Mihiel wurden am 1. Oktober Angriffe von Toul her zurückgewiesen; die Franzosen halten dabei schwere Verluste. -- Der An-

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