Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 41 (9.10.1914)
- Date
- 1914-10-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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78. Jahrgang Nr. 41 Berlin, 9. Oktober 1914 eitung des Audentums. Ein unparteiisches Mrgan für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-pre'ls: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere verrriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 324- Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: kluäolk Glosse, verlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Mi tun g des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Ktraße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Blosse, Berlin. Tfnll&ft* Die Rätsel des Buches Koheleth. Bon I. El bogen. — Die Woche. — Bekannte Berliner Glaubensgenossen. Bon A. K. — Deutschlands Stellung in der europäischen Politik und die jüdische Bevölkerung Rußlands nach russischem Urteil. Von Geh. Oberregieruugsrnt Dr. Mayer in Karlsruhe. — Israelitische Kriegsgedichte. Von Professor Hermann Gunkel, Gießen. — Feuilleton- Das jüdische Antwerpen. Eindrücke von Jakob Iingermanu. — Literarische Mitteilungen. — Sprechsaal. — Drriüfehlerberichtlgung. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Beuthen (Oberschi.), Reiße, Görlitz, Forst (Lausitz), Halle a.S., Nürnberg, Witzeuhauseu, Karlsruhe, Wien. — Von Nah und Fern. Lik Aätlrl des Luches lkshkleth. Eine Betrachtung zum Schlußfefte. Bon I. E l b 0 g e n. nter allen biblischen Büchern hat kaum eines von den Fortschritten der modernen Bibelsorschnng so wenig Nutzen gehabt wie das kleine Buch, das in diesen Tagen wieder in unseren Gotteshäusern gelesen und besprochen wird. Ueber die Erklärung der Einzelheiten wie des Zusammenhanges gehen die Meinungen noch sehr weit auseinander; es herrscht keine Einigkeit darüber, ob die zahlreichen Widersprüche Zeichen des Wankelmuts des „Predigers" oder der Ueberarbeitung infolge von Harmonisierungsversnchen sind. Darum ntufs jeder Beitrag zur Erläuterung des Buches Koheleth willkommen begrüßt werden. Der neueste von Ludwig LevyH verdient ilnsere volle Dankbarkeit, denn er trägt außerordentlich viel zur Aufhellung der Rätsel des soviel erklärten und noch immer dllnklen Buches bei. Uebersetzung und Erklärung sind, lvas bei der umfangreichen Literatur viel bedeutet, durchaus selbständig, weichen stark von den Vorgängern ab und bieten oft überraschende Ergebnisse. Der Verfasser legt überall den überlieferten Text zugrunde, von der viel beliebten Annahme von Umstellungen und Ueberarbeitnngen hält er sich fern. Nur einmal wird die vorliegende Reihenfolge der Sätze geändert (12, 5a, 6, 5b), selbst Eingriffe in den Wortbestand nimmt er nur in ganz vereinzelten Fällen vor. In sehr glücklicher Weise hilft er der Uebersetzung durch in Klammern beigefügte Ergänzungen nach. Dennoch ergibt sich ihm ein guter Sinn und Zusammenhang, weil er in Koheleth fortlaufende Gedankenreihen und Schlnßketten wiederfindet, die freilich nicht immer glatt und geradlinig verlaufen, sondern häufig die Stellung des Lesers zu den berührten Fragen berücksichtigen, daher auch dessen E i n w ä n d e Vorbringen und widerlegen. Damit verschwinden viele vermeintliche Widersprüche, da die als solche l) Das Buch Ooheleth, ein Beitrag zur Geschichte des Sadduzäisums, kritisch untersucht, übersetzt uud erklärt von Dr. Ludwig Levy, Rabbiner in Bri'mn. Leipzig, I. (5. Hiurichs, 1912. 152 S. Preis 4,50 Mark, gebunden 5,50 Mark. betrachteten Sätze nicht Koheleth, sondern seinen Gegnern angehören. Koheleth ist kein Theoretiker, er lehrt den Leser das Leben beobachten, das Denken und Handeln der Menschen prüfen, er streut darum Sprichwörter oder weitverbreitete Sätze in seine Ausführungen ein oder führt häufig beobachtete Beispiele menschlichen Tuns vor, um dann Theorie und Praxis der Leute als gleich verfehlt zu erweisen. Durch diese sehr überzeugende Methode erhält Levy oft einen klaren Zusammenhang, wo man sich bisher vergeblich abgemüht hat, einen solchen zu finden. In solcher Weise ist das ganze Buch Koheleth in nenn Themen eingeteilt, von denen 'hier nur einige erwähnt seien. „Nichts im Uebermaß" (4,4—5,6), wozu als Ergänzung tritt „Ter Mittelweg" (7,15-—29), während ein anderes Thema „Das höchste Gut" (6,12 7,14), das vorletzte „Die allzu Geduldigen und die allzu Lauten" (10,2—11,2) überschrieben ist. Daß Koheleth eines der j ü n g st e n Bücher des Kanons ist, dafür sind Sprache und Satzbau untrügliche Zeichen. Ter Verfasser hat mit vollem Recht die Sprache der Mischna, Wortbedeutungen und Konstruktionen der nachbiblischen Literatur für die Erklärung verwertet, mitunter vielleicht sogar des Guten zu viel getan. Bei der Jugend des Buches ist die Frage unabweisbar, in welchem Verhältnis es zur griechischen Kultur steht, die Frage ist bisher in sehr verschiedenartiger Weise beantwortet worden. Der Verfasser neigt der extremsten Richtung zu, für ihn ist Koheleth ein Jünger der griechischen Philosophen, der stoische und epikureische Lehren mit der jüdischen Weltanschauung zu verschmelzen versucht (S. 11 ff.). Levy geht darin so weit, daß er sogar in der Wahl der Worte bei Koheleth den starken Einfluß der griechischen Philosophie erblickt, das häufige ist das griechische das Seitenstück dazu, die M-* soll nt") min bedeuten, eine Uebersetzung von -ptyv.y., pattfn von hr^j/jz sein, und der schwierige Satz sn-pUPT ftK trpS' DTlPan (3,15) soll die Paungenese andenten „Gott erstrebt das schon einmal Erstrebte immer wieder, das heißt, er führt den Kreislauf der Dinge herbei, in dem sich dieselben Erscheinungen der Dinge immer wiederholen". (S. 18.) So bestechend das sich liest, so wenig überzeugend wirkt es. Man folgt den gelehrten und geistvollen Nachweisen des Verfassers von Gedanken Koheleths. die Beziehungen zur griechischen Philosophie verraten, sehr gern, muß sich aber doch schließlich fragen, ob der Beweis gelungen ist, ob wirklich in entscheidenden Punkten der Weltanschauung bei Koheleth Ansichten ausgesprochen sind, die sich nicht auch in anderen biblischen Büchern finden, und ob nicht das vorsichtigere Urteil Buddes berechtigter ist, das in Koheleth nur Funken wiedersieht, „die von allen Schulen hie und da aufzuliegen scheinen" (in Kautzschs „Bibel" II, 386). Unser Verfasser liebt es, zu konstruieren, aber sein Gebäude entbehrt der sicheren Grundlage, uud es bedarf keiner Anstren-