Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1914)
- Date
- 1914-10-02
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Schoße der Erde übergeben, während der Geist fortlebe. Und allen möge sie sein das, was in dem Worte des Psalmisten über dem Halleneingange geschrieben stehe: „Dies ist die Pforte zum Herrn, Gerechte gehen zu ihr ein." Nach einem stimmungsvollen Chorgesang hielt der Kultusbeamte die eigentliche Weiherede, der er die Worte „Gott gebe dir seinen Frieden!" zugrunde legte. Frieden für die Toten und für die Lebenden solle das neue Haus bieten; der Tote finde ihn in der kühlen Erde, der Lebende in der Teilnahme der Leidtragenden und im Worte des Herrn. Mit dem Wunsche, daß der Ewige, der da Frieden stiftet in den Höhen, Sieg und ehrenvollen Frieden unserm geliebten Vaterlande geben und der gesamten Menschheit recht bald den Frieden bringenmöge, schloß der Geistliche seine weihevolle Ansprache. Mit dem Vortrage eines Liedes beschloß der Shnagogenchvr die ernste, schlichte Feier. — Frankfurt a. M., 25. September. Die F r a n k s lt i* t Loge U. O. B. B. hat sowohl der allgemeinen Kriegsfürsorge als auch der speziell jüdischen Kriegsfürsorge große Geldbeträge überwiesen. Außerdem hat sie es ermöglicht, daß das ihr nahestehende israelitische Mädchenheim in der Lage ist, unterkunftslosen Damen zeitweiligen Aufenthalt zu bieten. In gleicher Weise hat sie ihr Haus Eschersheimer Landstraße 29 Zu einen: Asyl für obdachlose männliche Personen eingerichtet; dasselbe steht unter Leitung von Dame:: der Frauenvereinigung der Frankfurt-Loge. Die ganze Einrichtung wurde aus freiwilligen Beiträgen bestritten. Anträge um Aufnahmen sind an die jüdische Wohlfahrtspflege für 1914 oder an den Arbeitsnachweis der Frankfurt-Loge zu richten. Die Frankfurt-Loge beteiligt sich ferner an allen Maßregeln, die zur Linderung der Not von den verschiedensten Organisationen in die Wege geleitet werden. 22 Wiesbaden, 25. September. Wie in anderen Gemeinden fand auch hier bald nach dem Kriegsausbruch ein überaus stark besuchter Bittgottesdienst statt, an dem auch die jüdische Mannschaft der hiesigen Garnison teilnahm. Herr Rabbiner Dr. Kober hatte neu ein getretene Militärpersonen aus den Eid vorbereitet und veranstaltete am vorletzten Freitag abends für die noch hier befindliche jüdische Mannschaft einen Militärgottesdienst. In den zahlreichen Lazaretten hiesiger Stadt befinden sich auch jüdische Verwundete, die von unserem Rabbiner regelmäßig besucht werden. Gleich nach Kriegsausbruch hat der jüdische Frauen-Krankenverein unter seinen Mitgliedern 2287 Mark aufgebracht und dem Kreiskomitee zum Roten Kreuz Zur Verfügung gestellt. Auch der Verein „Gemilus Chesed" hat 500 Mark für denselben Zweck aufgebracht. Der Verein zur Errichtung eines israelitischen Krankenhauses und Schwesternheims hat seine Räume der Militärbehörde zu Lazarettzwecken zur Verfügung gestellt und seine Schwestern mit den anderen Schwestern der Großloge zur Marinestation nach Kiel gesandt. Die Nassauloge U. O. B. B. hat sich mit dem israelitischen Unterstützungsverein zusammengetan, um den armen jüdischen Familien während der Kriegszeit hilfreich zur Seite zu stehen. Die Nassauloge hat außerdem für etwa 1000 Mark für unbemittelte Glaubensgenossen in Stadt und Bezirk Versicherungsscheine der Nassauischen Kriegsversicherung gekauft. Der israelitische Waisemmterstützungswerein hat 1000 Mark der Nationalstiftung für die Hinterbliebenen der im Kriege Gefallenen überwiesen. Daß außerdem die jüdische Privatwohltätigkeit im Dienste der Allgenreinheit sehr rege ist und zahlreiche Männer, Frauen, Mädchen und Kinder unserer Gemeinde im Dienste der allgemeinen Kriegsfürsorge stehen, bedarf wohl keines besonderen Hinweises. §2 Worms, 25. September. Der seit 53 Jahren bestehende israelitische Unterstützungsverein Worms am Rhein versendet soeben seinen Geschäftsbericht, der einen interessanten Einblick in die segensreiche Tätigkeit des Vereins bietet. Die in den vorletzten beiden Geschäftsjahren gemachte erfreuliche Beobachtung, wonach die Zahl der bei uns vorsprechenden Wanderarmen in stetiger Abnahme begriffen ist, haben wir auch in diesem Jahre feststellen können, wenn auch diesmal freilich die Abnahme nur eine geringe ist. Sic beweist zunächst eine merkliche Bessergestaltung der bis vor kurzem Überalls traurigerr wirtschaftlichen Verhältnisse unserer Glaubensgenossen in den östlichen Ländern Europas, aus denen der bei weitem größte Teil der Wanderarmen stammt. Wir dürfen aber auch diese erfreuliche Tatsache als einen Beweis ansehen für die immer deutlicher zutage tretende günstige Wirkung der Maßnahmen, die sowohl von der delltschen Zentralstelle für jüdische Wanderarmenfürsorge in Berlin, gls auch von den unter Führung des israelitischen Hilfsvereins in Frankfurt a. M. zusammengeschlossenen Unterstütznngsvereillen des Großherzogtums Hessen und Wiesbadens getroffen worden sind, um Unwürdige als solche zu erkennen nnb von den Kassen fernzuhalteu. Daß wir dabei trotzdem ilns jeder Rigorosität enthalten und mit größter Liberalität und Nachsicht verfahren, glauben wir hervorheben zu sollen, um Mißverständnisse nicht aufkommen zu lassen. Die Ausgaben unseres Unterstützungsvereins im laufenden Berichtsjahre waren darum nicht kleiner, im Gegenteil, sie übersteigen die des vorigen Jahres um ein Beträchtliches. Diese Tatsache verzeichnen wir als eine recht erfreuliche, weil sie lms in den Stand gesetzt hat, hauptsächlich hier wohnhaften einzelnen und Familien nachdrücklicher als bisher geschehen war und hoffentlich auch nachhaltiger beiznstehen. Der Mitgliederbestand hat sich trotz Beitritts einiger Herren gegen das Vorjahr nicht erhöht, denn zu unserem tiefen Bedauern hat der Tod uns auch in diesem Jahre einige geschützte Mitglieder entrissen. Doch den schwersten Verlust haben wir durch den unerwarteten Heimgang unseres hochverehrten Ehrenvorsitzenden, des Herrn Ehrenrabbiners Dr. Alexander Stein, erlitten, der am 30. Januar d. I. nach kurzer Krankheit in Karlsruhe sanft entschlafen ist. 40 Jahre hat der Verblichene der Verwaltung des Uuterstützungsvereins angehört, davon 37 Jahre als Vorsitzender. Zum Zeichen lmserer nie endenden Dankbarkeit wird dem Heimgegangenen ein Gedenkblatt in unserem Jahresberichte gewidmet bleiben. Der Verein unterstützte 1912/13 1864 Personen mit 4130,25 Mark; 1913/14 1856 Personen mit 4527,13 Mark. Der Bericht.schließt mit der Bitte, daß dem Verein auch in Zukunft tatkräftige Förderung zuteil werde. Er kann der Mitwirkung weiter Kreise nicht entraten, soll er seiner Aufgabe: „Armen und Notleidenden beizustehen" auch nur annnähernd gerecht werden. Mögen insbesondere edle Menschenfreunde sich bewogen fühlen, durch Spenden für den unangreifbaren Kapitalstock die Erinnerung an ernste und freudige Ereignisse sowie an teure Angehörige lebendig zu erhalten. 1. W. Konstanz, 23. September. Die Schwere des Krieges lernen wir allwöchentlich mehr kennen. Mehr als 1000, schwer, meistens ober leicht Verwundete erfreuen sich hier der ihnen von allen Seiten entgegengebrachten Liebe und Wohltätigkeit. Leider mußten schon einige von ihnen dem Tode den Tribut zollen, darunter zwei fram zösische schwer Verwundete. Der eine, Raymond Weill aus Epinal, wurde im Alter von 30 Jahren kurz vor Beginn des Sabbats unter militärischen Ehren auf dem „Krieger-Friedhof" bestattet. Der Stadtrat hat denselben für diejenigen, welche auf dem Felde der Ehre starben und hier beerdigt werden oder den Folgen ihrer Verletzungen erliegen, als Ehrenplatz des städtischen Friedhofes geschaffen. Hier ruhen sie, die sich vielleicht vorher gegenüberstan'den, in selber Erde für ewige Zeiten in Frieden miteinander. Ein allgemeines, von Künstlerhand verfertigtes Denkmal soll für alle Zeiten als Palme des Sieges der Toleranz diesen Ehrenplatz schmücken. Gksterreich-Angsrn« z. Budapest, 24. September. Ein beträchtlicher Teil der jüdischen Flüchtlinge aus Galizien hat sich in verschiedene ungarische Städte, hauptsächlich aber nach Budapest, geflüchtet. Die jüdischen Kultusgemeinden der betreffenden Städte haben es als ihre Pflicht angesehen, sich dieser armen Menschen in weitestgehender Weise anzunehmen. Besonders fürsorglich waren die Vorkehrungen der Pester Kultusgemeinde, welche gleich nach Ankunft der Flüchtlinge für ihre Beherbergung und Verköstigung Sorge getragen hatte. Der Präsident der ungarisch-israelitischen Laudeskanzlei, Tr. Moritz Mezei, der in Angelegenheit der Flüchtlinge beim königlich ungarischen Minister des Innern Joses Sandor intervenierte, erhielt von dem Minister nach jeder Richtung hin beruhigende Aufklärungen. Der Minister teilte nämlich Herrn Tr. Mezeimit, daß zwischen der österreichischen und der ungarischen Negierung ein gesetzliches Abkonnnen getroffen wurde, wormch die beiden Staaten nicht nur für die Familien der Eingerückten im gesetzlichen Ausmaße gegenseitig sorgen, sondern sich auch verpflichten, die Flüchtlinge, welche aus dem einen Staate in den anderen kommen, insolange gleichfalls im gesetzlichen Ausmaße zu versorgen, bis ihre Rückbeförderung in ihren Wohnort möglich geworden ist. Auch für die Rückbeförderung der Flüchtlinge in ihre Heimntsgemeiuben haben die beiden Staaten gegenseitig gesorgt. Dieses Uebereinkommen erleichtert ganz besonders den