Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1914)
- Date
- 1914-10-02
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Berlin, 2. Oktober 1914 78. Jahrgang Nr. 40 Der Gemeindevote. Beilage zur „Allgemriuen Leitung deK Judentums". korrrlpouvmrm und Nachrichten. SklltfthlsnL. 2/D Berlin, 29. September. Eine Uebersicht über die wichtigsten Wohlfahrtseinrichtungen Groß-Berlins zur Kriegszeit hat die Zentrale für private Fürsorge in Berlin zur Benutzung für alle in der sozialen Arbeit stehenden Persönlichkeiten soeben herausgegeben. Dieser kurze „Kriegsführer", der in enger Anlehnung an das bekannte von der Zentrale veröffentlichte Auskunftsbuch „Die Wohlsahrtseinrichtungen von Groß-Berlin" bearbeitet wurde (vierte Auflage bei Julius Springer 1910, Nachtrag 1913), ist zunächst in den von der Armenverwaltung der Stadt Berlin herausgegebenen „Blättern für die Berliner Armen- und Waisenpflege" veröffentlicht, wird aber demnächst auch in Broschürenform erscheinen. Der Führer enthält unter anderem eine Uebersicht der städtischen Zahlnngsstellen der Kriegs- und der Arbeitslosenunterstützungen, der Hilfsstellen des Nationalen Frauendienstes,-Verzeichnisse der Volksküchen, K i n der für so rgee i nr i cht u n gen, Krankenfürsorgestellen, Arbeitsnachweise sowie aller sonstigen wichtigen, speziell für die Kriegszeit geschaffenen Wohlsahrtseinrichtungen. Er ist zusammengestellt auf Grund des seit 20 Jahren von der Zentrale gesammelten Archivmaterials, welches sich natürlich in den wenigen Wochen der Kriegszeit ungewöhnlich vermehrt hat, und welches nicht nur für den praktischen Arbeiter in der Wohlfahrtspflege von großem Wert ist, sondern auch für den Statistiker ein reiches und interessantes Material zur Bearbeitung bietet. Interessenten steht die Benutzung dieses Materials auch in dem Archiv der Zentrale für private Fürsorge, Flottwellstraße 4, jederzeit zur Verfügung. S£2 Berti«, 29. September. In einer großen Reihe von Blättern war aus dem österreichisch-ungarischen Hauptquartier mitgeteilt worden, daß ein Infanterist Julius Reif vom Landwehrregiment Nr. 31 in Teschen sich durch besondere Tapferkeit ausgezeichnet habe und dafür erst zun: Korporal, dann zum Feldwebel befördert und für die silberne und goldene Tapferkeitsmedaille vorgeschlagen worden sei. Gegenüber den auch jetzt noch aufgestellten Behauptungen judengegnerischer Seite, die Juden feien im Kriege feige, wird die Nachricht interessieren, daß Julius Reif, der in Mäh risch-Schönberg geboren ist, der jüdischen Religion angehört. V. Z. Berlin, 29. September. Nach Meldungen des „Petersburger Börsenblattes" wird in russischen Neichsdumakreisen folgendes erzählt. Unmittelbar nach der Kriegserklärung schritt der berüchtigte Judenfresser und Pogromhäuptling P u r i s ch k e w i t s ch in Odessa, wo er sich damals gerade befand, an der Spitze einer patriotisch demonstrierenden Volksmenge. Vertreter der Repräsentanten der jüdischen Bevölkerung, das Bild des Zaren und eine Thorarolle tragend, kämen ihm entgegen. Purischkewitsch näherte sich ihnen, küßte sie und die Thora-Rolle, stieg auf eine Estrade und hielt eine Ansprache: „Alles, was ich bis jetzt über die Juden gesprochen und gedacht habe, ist Unwahrheit und Irrtum. Ich nehme alle meine Worte zurück. In diesen großen historischen Tagen habe ich mich davon überzeugt, daß die Juden ebenso treue russische Untertanen sind wie wir selbst. Es gibt weder Juden noch Russen mehr. Es gibt nur ein großes und unteilbares russisches Volk." Wir möchten bezweifeln, daß es einen Juden in Rußland gibt, der die Liebeswerbung eines Mannes, an dessen Händen das Blut unzähliger Inden klebt, für echt nimmt und glaubt, daß aus dem Pogrom-Saulus wirklich ein jndensreundlicher Paulus geworden sei. §2 Berlin, 29. September. Der kurz vor Ausbruch des Krieges herausgegebene, den Interessenten unentgeltlich durch das Bureau, Steglitzer Straße 85, zur Vcrsügung stehende Bericht über die sechste ordentliche Niitgliederversammlnng der deutschen Zentralstelle für jüdische Wandera r m e n f ü r s o r g e, präsentiert sich mit seinen Anlagen als ein stattliches Heft von nahezu 90 Seiten. Dem als Hauptteil zu betrachtenden stenographischen Protokoll über die hochinteressante Versammlung vom 10. Mai d. I. ist der Rechenschaftsbericht vorausgeschickt, der das Bild mühevoller Arbeit und rüstigen Fortschrittes bietet. So zollt denn auch das Referat des um die Organisation wohlverdienten Herrn B. Fei Ich er: selb, Köln, über „Ausgaben und Ziele unserer Organisation" den Leistungen der Zentralstelle ehrenvolle Anerkennung. Die befriedigte und hosfnungsfreudige Stimmung kommt auch bei den Debattenrednern allgemein zum Ausdruck. Geklagt wurde nur darüber, daß die Leistungsfähigkeit der Zentralstelle durch die von manchen Kassen bisher geübte Zurückhaltung der finanziellen Unterstützung und die nicht vollständige Berichterstattung über alle Abfertigungen noch beeinträchtigt werde. Am meisten aber hat das Werk unter dem Fernbleiben zahlreicher Gemeinden in den organisierten Bezirkn und dem Fehlen großer Gebiete, namentlich in Süddentschland (die sich noch nicht rückhaltlos ^geschlossen oder sich überhaupt noch nicht organisiert haben) zu leiden. Den Weg zur Erreichung eines nahezu vollständigen äußeren Ausbaues zeigt der auf diesem Gebiete überaus eifrig tätige Herr Rabbiner Dr. Tänzer aus Göppingen in einem Referate, und es mag bemerkt sein, daß die Befolgung seiner Anregungen bereits dazu geführt hat, daß nach den Ferien in verschiedenen Teilen Süddeutschlands aussichtsreiche Vechandlungen der maßgebenden Gemeinden in Anwesenheit von Vertretern der Deutschen Zentralstelle stnttfinden werden. Ebenso ist der Anregung der Generalversammlung Folge gegeben worden, durch Massenverbreitung einer populär gehaltenen Schrift, die unter der Ueberschrift „Uebt richtige Wanderarmenfürsorge" das jüdische Publikum aufklärt, für den inneren Ausbau der Provinzial- bzw. Landeskassen zu wirken. Dem gleichen Zwecke sollen Propagandareisen gewidmet sein, die unter finanzieller Beteiligung der Zentralstelle in verschiedenen Laudesteilen unternommen werden sollen. Auch der Deutsch-Israelitische Gemeindebund und die Großloge Bne Brith haben das ihrige getan, um das Werk durch Empfehlung zu fördern. Das charakteristische Gepräge wurde der Versammlung durch die Beteiligung hervorragender Sachverständiger und Armenfreunde aus den Heimatländern der Wanderarmen selbst, aus Oesterreich und Rußland verliehen. Für jeden, der sich über die sozialen Verhältnisse unserer Glaubensgenossen in Galizien und dem russischen Polen sowie die Möglichkeiten, Verbesserungen zu treffen, informieren will, sind die auch in der Form interessant gehaltenen Referate der Herren Rosenthal, Lodz, Tvstvllier, Wtozlawek, und Fleischer, Wien, eine Fundgrube anregenden Materials. Die Referate der russischen Herren gipfeln in folgenden Leitsätzen: 1. Tie deutschen Gemeinden bzw. Proviuzialkaffeu sind aufzuklären und anzuhalten, nicht ausnahmslos an Wanderarme Unterstützungen zu geben, vielmehr planlos reisende, arbeitsunwillige Elemente rücksichtslos abzuweisen. 2. In sämtlichen in Rußland erscheinenden, den Israeliten zugänglichen Zeitungen soll die russisch-jüdische Bevölkerung aufgeklärt werden, daß planlos auswandernde Personen in Deutschland eine Unterstützung nicht mehr finden. Insbesondere sollen die von den Ehegatten verlassenen Frauen veranlaßt werden, durch die bestehenden Hilfsorganisationen (Hilfsvereine, Frauenbund usw.) im In- und Auslande ihre Männer an der Hand von Photographien und jeglichem Beweismaterial ausfindig machen zu lassen und nicht plan- und mittellos auszuwandern, um den Mann zu suchen. 3. Ten mittellosen Russen, die im Besitze von Schiffskarten, aber sonst mittellos sind, soll in weitmöglichst entgegenkommender Weise die Auswanderung ermöglicht Werdern Hinsichtlich der Durchführung dieser Anregungen ist in der Zwischenzeit das Mögliche geschehen. In zehn Jargonzeitungen und einigen liberalen Blättern sind die Richtlinien für die Organisation bekanntgegeben worden.. Ferner sind mit dem Frauenschutzverein in Lodz Verhandlungen angeknüpft, die die Einführung eines ständigen Bureaus für Beratung und Hilfeleistung eheverlassener Frauen bezwecken, die es diesen und der jüdischen Wohlfahrtspflege in Deutschland künftig ersparen sollen, kostspielige, leidvolle und meistens aussichtslose Entdeckungsreisen zu unternehmen. Ebenso ist mit den: Versuch begonnen worden, eine erweiterte Arbeitsbeschäftiguug im Auslande anznbahnen. Dem Zwecke des Arbeitsnachweises in unseren: eigenen Lande ist die als Anhang 2 abgedruckte Liste der den: Verbände der Arbeitsnachweise angeschlossenen örtlichen Institutionen gewidmet. So ist den: in der Mitgliederversanunlung als Nachfolger des hochverdienten Herrn