Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-10-02 · Heft 40 (2.10.1914) · p. Seite 479

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 40 (2.10.1914)
Date
1914-10-02
Page
Seite 479 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3229123-3229164--70766-3283130
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

479 Vorbei ist das Hochamt, verstummt der Choral. Und Zunkel, der Priester, schreitet hervor Und führt durch das weit erschlossene Portal Die Freiwilligen fort zum Erfurter Tor. Fern, seitwärts vom Priester, wandelt verzückt Die greise Jüdin, blickt bald zu ihm, Bald zu dem Sohn und lächelt beglückt, Als lausche sie Liedern der Seraphim. Das Tor ist erreicht. Noch einmal erhebt Zum Abschiedssegen Zunkel die Hand, Im Kuß der letzten Umarmung erbebt Noch einmal, wer miteinander verwandt. Stumm sinkt vor der Mutter Elkan ins Knie, Sie herzt ihn und jauchzt mit begeistertem Sinn: „Zieh' hin mit dem Segen Jehovas! Doch zieh' Auch mit dem Segen der Mutter dahin!" Von dannen eilt der Freiwilligen Schar, Die Ihren kehren nach Hause zurück, In Sorgen die meisten. Nur eine war Verklärt wie von überirdischem Glück: Die Mutter Elkans. Von allem Gram Und allem Zweifel ist jetzt sie quitt. Und groß und ruhig wie Abraham, Als er zur Opferung Isaaks schritt. Die Monde verstrichen. Durchs Erfurter Tor- Kehrt siegreich zurück der Freiwilligen Schar. Laut jauchzend stürzt sich Elkau hervor Und küßt der Mutter schneeiges Haar. Sie staunt nicht, sie hat es gläubig gewußt, Er werde kommen! Zum heimischen Herd Führt sie ihn und zeigt ihm mit schwellender Brust, Wie treu sie feinen Wohlstand gemehrt. Der Segen blieb ihm. Und treu blieb er Dem Glauben der Väter. Bluttaufe empfing Auch er mit den Deutschen — was braucht es mehr? Geehrt und geachtet bei hoch und gering Blieb er und die Mutter. Bevor sie verschied. Umarmte mit Zunkels Segenswort Sie den Sohn, und er küßte vom Augenlid Die letzten, brechenden Blicke ihr fort. Hoch kam er zu Jahren. Vorsteher ward Er seiner Glaubensgenossen. Doch fromm Hat oft er zur Stadtkirche sinnend gestarrt. Wo einst ihm das Licht des Segens erglomm, Wo Herder und Zunkel gepredigt — der Ort Blieb ihm auf immer heilig geweiht. Und er betete: Wirke das Herderwort Licht, Liebe, Leben!" in Ewigkeit! hnkanterilt Filchel, der Eroberer der ersten Fahne, u dienst Jehova, und Er gab dir Lohn, Denn ewig währet Seine Gnade! Er machte reich an Ruhm den ärmsten Sohn, Denn ewig währet Seine Gnade! Der Feind bedrohte Volk und Vaterland, Der Kaiser rief, und Heer aus Heer erstand Vom Alpenhang zum Seegestade. In Dom und Tempel ließen sie sich weih'n. Den Leib befehlend ihrem Gott allein. Denn ewig währet Seine Gnade. Zum Kampfe zogen sie gen Ost und West, Von Feinden rings war Deutschland eingepreßt Durch wafsenstarrende Blockade. Doch Deutschlands Sohne, seiner Blüte Kern, Sie stürmten siegreich vor, im Schutz des HErrn, Denn ewig währet Seine Gnade. Kanonen donnern, Todesfackeln sprühn, Ein Jüngling holt die erste Fahne kühn Aus der französischen Brigade, — Ein Knab' aus Israels oft geschmähtem Blut! Sein Gott, der Unnennbare, gab ihm Mut, Denn ewig währet Seine Gnade. Ein Knab' aus Rimbeck im Westsalenland, Just von dem Platz, wo Braunschweigs Ferdinand Franzosen zwang zur Retirade. Auch damals gab, im Siebenjährigen Krieg, Der Unsichtbare deutscher Wehr den Sieg, Denn ewig währet Seine Gnade. Zu Rimbeck, durch die Börde fromm und bang Hallt eines alten Mannes Mahrew-Sang, Es schließt sein Weib des Hauses Lade. Dann sitzen sie am Herd und sinnen still: „Wie geht es unserm Kind? Wie Gott es will — Denn ewig währet Seine Gnade." Doch draußen schon ward kund des Helden Mut: Ein Knab' aus Israels oft geschmähtem Blut Im Sieg auf todumbrülltem Pfade! Trag deine Fahne, schwing sie hoch und hehr! Erobre für Jehova Recht und Ehr', Denn ewig währet Seine Gnade. Sigmar Meliring. Anmerkung: Der jüdische Infanterist Fischet, der die erste Fahne eroberte, stammt aus Rimbeck bei Warbnrg, >vv Herzog Ferdinand von Braunschweig am 31. Juli 1760 die Franzosen in die Flucht schlug. Sprrchlssl. Sehr geehrte Redaktion! Es ist ja sehr löblich, wenn unsere Frauen und Mädchen sich mit Lautem Eifer in den Dienst der Wvhlfahrtseinrichtungen stellen, die dem durch die gewaltigen Ereignisse der Gegenwart hervorgerufenen sozialen Notstände abhelfen sollen. Wir werden auch dabei den Umstand mit in den Kauf nehmen, daß persönliche und pekuniäre Leistungen dieser Art bisweilen der Eitelkeit und dem Wunsche, bemerkt zu werden, entspringen. Was soll man aber dazu sagen, wenn diese selben Frauen und Mädchen damit anfangen, ihre armen Dienstboten rücksichtslos auf die Straße zu setzen oder ihren nicht minderarmen Literatur-, Musik- und Mallehrerinnen das ihnen fest zugesagte Stück Brot grausam vorzuenthalten? Würden sie nicht besser tun, hier soziale Fürsorge, ja Barmherzigkeit walten zu lassen? Als Probe füge ich Ihnen das Schreiben einer jüdischen Privatlehrerin bei. Es heißt darin: „Sie würden staunen, wie gerade meine reichen Schülerinnen handeln. Ein junges Mädchen, einzige Tochter einer reichen Familie, erklärte mir, sie könne ihre Anmeldung für September nicht innehalten, ihr Onkel Hatz srine Buchhalterin entlassen, und da will sie sich dieses Taschengeld verdienen. Aus meine Frage, ob sie das denn nötig hätte, antwortete sie mir einfach: „Das nicht!" Eine andere erklärte mir: „Sie sei jetzt zu nervös, auf das Geld käme es ihr nicht an!" Auf meine Frage, ob sie jemand im Kriege von

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.