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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-10-02 · Heft 40 (2.10.1914) · p. Seite 478

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 40 (2.10.1914)
Date
1914-10-02
Page
Seite 478 (sequence 10)
Language
German
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478 er verstohlen raucht und draußen im Felde, wenn es kein Jude sieht, den Wagen benutzt, aber das Schalet läßt er sich nicht nehmen und auch nicht den Fisch zum Freitagabendschmauß. Und soll er denn seine Freunde von sich stoßen, die ihm geholfen, ihn unterstützt haben? Die armen Juden von Letöce, welche er unterstützen kann! Die Glaubensgemeinde, welche ihn zu ihrem Vorsteher erwählt hat! (Fortsetzung folgt.) Lluttsufr (Noch dem von Karl K ti h 11 in seinem Buch „Aus dem ulte» Weimar" berichteten geschichtlichen Vorgang.) Von Otto Franz Genshchen. ei Leipzig war geschlagen die Schlacht, Die Sieger marschierten nach Frankreich hinein. Zerstoben war des Rheinbunds Macht, Auch Weimar konnte von ihr sich befrein. Abschüttelnd schnell den verhaßten Bann, Ries zu den Waffen Karl August, Und todesmutig strömte heran. Wem deutsch noch schlug das Herz in der Brust. Doch Elkans Witwe, die Jüdin, verbot Ihrem einzigen Sohn, in den Krieg zu ziehn: Den Juden kümmre nicht Deutschlands Not, Das doch nicht Vaterland für ihn, Nein, wo noch heut er ein Fremdling sei. Bedrückt und des Bürgerrechtes beraubt, Und trete der Sohn den Freiwilligen bei. Versage den Segen sie seinem Haupt! Ist deutsch nach Glauben und Stamm er auch nicht, Fühlt Elkan doch deutsch für das Volk und das Land, Wo den Juden es dennoch an Schutz nicht gebricht. Und Ivo die Wiege der Kindheit ihm stand, Wo redlichen Reichtum sein Vater gehäuft. Dem Goethe im Lied„Auf Miedings Tod" Durch den Vers „Der tätige Elkan läuft Mit inanchem Rest" die Unsterblichkeit bot. Für das Land, wo der Segen des Vaters das Haus Dem Sohn erbaute, will dieser nun Beim nahenden, blutigen Wafsenstrauß. In dankbarer Treue das Seine tun. Zieht morgen srüh der Jünglinge Schar Kampffreudig hinaus, steht er nicht zurück. Und bleibt er des Segens der Mutter auch bar, Wagt doch er für Deutschland sein Leben, sein Glück! In der engen Gasse, im kleinen Haus, Ter Stadtkirche nah, drin Herder ruht. Sah heilte es düster und traurig aus Bei der Sabbatlichter schwelender Glut. Mahnt auch bei Thora und Talmud heiß Die Mutter den Sohn an die Kindespslicht — Ehrfürchtig küßt er das Haupt ihr leis, Doch wankt er in seinem Vorsatz nicht. Auch hier bringt endlich den Schlaf die Nacht. Die Glocken der Stadtkirche läuten schon, Als Man spät vom Schlummer erwacht. Fest schläft die Mutter. Sanft küßt sie der Sohn. Er weiß in der Sippe fürsorglicher Hut Sie sicher geborgen. Stumm eilt er hinaus. Dorthin, wo sich mit Kampfesmut Die Freiwilligen sammeln vorm Gotteshaus. U Aus „Nord und Süd", Juli 1914. Er tritt zu ihnen. Hand streckt sich um Hand Ihm jubelnd entgegen. Der letzte Rest Von Glaubens- und Rassenunterschied schwand, Die Waffenbrüderschaft knüpft sich fest. Mit der Christenjugend tritt Elkan auch Im festlichen Zug vor den Hochaltar, Wo heut schon alles nach frommem Brauch Zur Abendmahlsspende bereitet war. Kaum einen befremdetes, an diesem Ort Den Juden zu sehn. Schon dröhnt der Choral, Und herein drängt das Volk noch immerfort, Bis die Gitter schließen der Kirche Portal, Um das die Menge sich draußen staut. Um durch die Stäbe hineinzuschaun Und an der Predigt, die feurig und laut Der Priester beginnt, sich von fern zu erbaun. Inzwischen ist Elkans Mutter erwacht. Sie sieht sich allein, sie durchirrt das Haus . .. So hat er sich heimlich doch fortgemacht? Sie weint, sie jammert, sie stürmt hinaus. Sie drängt sich zu der Kirche Portal, Das Mutterauge erspäht den Sohn: Die Predigt endet; zum Abendmahl Erhebt der Priester die Hostie schon. Nur ldie Freiwilligen ladet heut Das heilige Sakrament hier ein. Und kniend Jüngling um Jüngling beut Die Lippen dar für das Brot und den Wein. Nur der neuen Blutsbrüderschaft sich bewußt, Nach Segen lechzend, des Segens bar, Folgt Elkan wahllos dem Drang seiner Brust Und bietet kniend die Lippen dar. Die Mutter gewahrt es. Das Herz steht ihr still Vor Gram und Schreck. Wird jetzt sich nicht Der Glaubenszwiespalt wiederum schrill Bekunden? Jst's nicht des Priesters Pflicht, Den Juden zurückzuweisen? Stutzt jetzt Nicht auch die Gemeinde, und bebt und bangt Vor der Lösung? Sieht nicht auch Der Priester zuletzt, Wer kniend das Sakrament verlangt? Doch der dort steht, wo Herder stand, Sein Nachfolger nicht nur in Amt und Halis, Nein auch im Geist, legt aus der Hand Die Hostie, breitet die Rechte aus Auf Elkan und. spricht: „O segne dich Der Gott deiner Väter Abraham, Isaak und Jakob!" — Wie Alpdruck entwich Von der lauschenden Mutter Schreck und Gram. Wie sie des Sohnes Beweggrund erriet. So fühlt sie: die andren verstanden ihn auch, Und verwischt sei der Glaubensunterschied Durch der großen Stunde versöhnenden Hauch; Fühlt auch: Gesegnet ward doch ihr Sohn Im Namen Jehovas auch durch den Mund Des Christuspriesters! Statt Haß und Hohn Gibt rings nur Bruderliebe sich kund. Denn wer die bebende Jüdin erkannt. Nickt hier warm leuchtenden Auges ihr zu, Drückt dort ihr stumm, doch innig die Hand, Und das zagende Mutterherz kommt zlic Ruh. Als ob von Herders Gruft sein Wort „Licht, Liebe, Leben!" verwirklicht ward. Verklingt in befreiendem Schluhakkord, Was anfangs in bangender Spannung erstarrt.

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