Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1914)
- Date
- 1914-10-02
- Page
- Seite 477 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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477 Itnö jeder Altar wird aus Marmor sein, und jeden Altar werden Marmorbilder schmücken. Das ist ein Geschäft. Ich sage, daß ich karrarischen gebe, und ich gebe keinen karrarischen. Ist denn der Heilige nicht so heilig, wenn er aus heimischem Stein gemacht ist? Auf keinen Fall gebe ich karrarischen; daran verdient man nicht genug." „Du wirst auch an dem heimischen nichts verdienen", reizte ihn Frau Littauer. „Dir wird man die Basilika nicht geben." „Denkst du? Nun, ich sage dir, daß ich sie bekommen werde. Ich muß sie bekommen. Die vorjährige Fechsung war schlecht, die heurige wird noch schlechter sein, und an der Gebirgseisenbahn habe ich auch sechzigtausend Gülden verloren. Ich will mich entschädigen. Die Basilika der Jungfrau Maria werde ich bauen." Er erhob sich, durchmaß einigemal das Speisezimmer, rieb sich die Nase, woraus die Frau ersah, daß er kalkulierte. Dann rieb er sich die Hände, woraus die Frau schloß, daß das Geschäft entschieden erstklassig war. „Ich werde sie bekommen", wiederholte Littauer und trat zur Frau hin, neigte sich zu ihrem Ohre und vertraute ihr flüsternd das große Geheimnis an: „Ich gehe zum Zadik nach Sadagora." „Manuel, brennen dir nicht die Augen aus? Manuel, sinkst du nicht unter den Erdboden?" fragte sie verzweifelt. „Was bist du denn? Bist du ein Hausierer oder ein Eierhändler? Bist du nicht der Millionär Littauer? Paßt es für dich, nach Sadagora zu gehen?" „Ob es paßt oder nicht, ich werde gehen", lachte Littauer. „Schau', der Domherr hat gesagt, daß ich mein Gesuch ganz vergebens einreiche; selbst wenn ich der Wohlfeilste sein werde, bekomme ich die Baplika nicht, weil ich Jude bin. Der Domherr ist ein großer Herr, und was er beschließt, hat Gewicht, aber es hat nicht mehr Gewicht als das, was das Schicksal beschließt. Und schau', manchmal kann man auch den Beschluß des Schicksals umgehen. Weshalb wäre dann der Beschluß des Domherrn nicht zu umgehen? Deshalb gehe ich zum Zadik. Der Zadik ist ein kluger Mann, klüger als der Bischof, klüger als das Domkapitel, klüger als die Firma Beer M. D. u. Comp., welche so klug ist, daß sie nicht einmal Gott betrügt, weil sich dies, wie sie behauptet, nicht lohnt." Die Frau weinte und jammerte. Wenn man es erfährt, dann wird es zum Gespötte der Welt dienen. Verlachen werden sie Frau Abbeles de Hatthas und Frau Holzer de Pusztapocs. Auch zu Sonngotts darf sie nicht gehen, denn was soll sie sagen, wenn man fragen wird, warum ihr Mann nicht auch mitgekommen ist. Soll sie vielleicht sagen, daß er nicht mitkommen konnte, weil er nach Sadagora gereist ist? Und was soll sie jagen, wenn man fragen wird, was er in Sadagora macht? „Ester, weißt du was", lachte der unverbesserliche Mensch, „wenn sie dich fragen werden, weswegen ich nach Sadagora gefahren bin, so sage ihnen, daß ich es deshalb getan, weil ich hier in Letöce Patronatsherr bin und zum Zadik fahren mußte, um ihm meinen neuen Pfarrer zu präsentieren." Littauers Pilgerfahrt wurde ausgeführt und blieb ganz geheim und unbemerkt. Anders verhielt sich die Sache in Sadagora. Dort erregte Littauers Ankunft ein gewisses Aufsehen, obwohl Tausende und Tausende aus fernen Landen zu dem heiligen Manne kamen. Aber kein einziger trat so auf wie Littauer. Denn dieser Biedermann erschien unter den Kaftanjuden im verschnürten ungarischen Anzug und in hohen Reiterstieseln. Er wußte, womit man den Polen imponiert, und dort mußte er imponieren, sonst hätte er eine ganze Woche warten können, bevor man ihn zum Rabbi eingelassen hätte. „Ein Magnat, ein großartiger ungarischer Magnat!" raunten sich erstaunt die Hofleute des Äunderrabbi zu und begegneten dem hohen Herrn mit großer Unterwürfigkeit. Ein solcher Mann pflogt nicht zu knickern. Und in dieser Annahme täuschten sie sich nicht. Littauer spendete kavaliermäßige Backschiche. Er wurde auch gleich an dem ersten Tage vorgelasseu. Der heilige Mann hatte alsbald die Beweggründe dieses reichen ungarischen Juden begriffen, und nach langem Sinnen beruhigte er ihn mit folgenden weisen Worten: „Jene Kirche wird weder ein Jude noch ein Christ bauen." Dann gab er ihm eine Kamee und band ihm ans Herz, daß er einmal täglich den neununddreißigsten Psalm und den dreiundvierzigsten hersage. Er möge den Sabbat halten und den Armen Gutes tun. Damit war die Audienz zu Ende. Littauer reiste ab, und an der Landesgrenze angekommen, nahm er das hebräische Psalmenbuch hervor, denn bei seinem besonderen Zustande dürfte eine kleine Andachtsübung nicht schaden. Was ihm der heilige Mann gesagt hatte, war unbestritten von großer Wichtigkeit, doch mußte er sich eingestehen, daß der Weisheitsspruch höchst rätselhaft.klang, einen doppelten Sinn hatte, und wenn der Mensch glaubte, diesen ganz ergründet zu haben, er denselben erst recht nicht verstand. Ohne die besondere Gnade Gottes konnte er aus den orakelhaften Worten des heiligen Mannes deren Deutung nicht herausschälen. Aber glauben mußte er und in allen Stücken gehorchen, deshalb hatte er ja den weiten Weg gemacht. Also betete er. Während des Betens könne die Inspiration Gottes über ihn kommen, und er werde das Unverständliche verstehen. Seine Erwartung täuschte ihn nicht, denn als er eben den Vers las, daß diejenigen glücklich sind, welche den geraden Weg wandeln, erleuchtete ihn gleich einer göttlichen Offenbarung volles Verständnis. Zweifellos war es eine höhece Eingebung. Jetzt verstand er die Prophezeiung des Wundermanncs. Die Basilika wird weder ein Jude noch ein Christ bauen, sondern es werden sie entweder mehrere Juden oder mehrere Christen bauen, oder cs ist möglich, daß ein Jude und ein Christ sie bauen wird. Man braucht, mit einem Worte gesagt, einen Geschäftsteilhaber. Und braucht man nur diesen, so hat es keine Not; da ist gleich die Firma Beer M. D. und Comp. Mit Beer M. D. und Comp, kann man reden. In gehobener Stimmung kam er in Letöce an. Zn Hause erzählte er seiner Frau von dem Erfolge seiner Pilgerfahrt und rieb sich die Hände, darüber frohlockend, daß er nicht umsonst beim Wunderrabbi gewesen. „Du Narr", entnüchterte ihn die Frau, „nicht das, was du glaubst, hat der Heilige gesagt. Weißt du, was er gesagt hat? Er hat gesagt: Weder ein Jude noch ein Christ wird den Bau der Basilika bekommen, sondern ein Mensch, welcher weder Jude noch Christ ist." „Wer ist denn das?" „Der getaufte Jude." Diese Worte machten ihn betroffen. Er fühlte sie wie einen Keulenschlag. Erst verspottete er die Frau, dann zankte er mit ihr, daß sie immer dasselbe im Sinne habe. Seine ureigenste Natur bäumte und empörte sich. Auch der Rassenhochmut regte sich in ihm und protestierte gegen die Versuchung. Und es protestierten dagegen die Erinnerungen, die Traditionen, die in Polens Erde bestatteten Toten, die Vorurteile und die ihm anerzogenen Empfindungen. Lächerlich! Warum sollte er das gewohnte Leben von sich stoßen, die Gebräuche, welche nach seiner Ansicht zwar keinen rechten Sinn hatten, ihm aber lieb und teuer lvaren, weil Vater und Mutter sie pflegten. Nie im Leben könnte er einschlafen, wenn er nicht mehr „krischmelajnen" dürfte. Auch das Osterfest ist ihm lieb. Es gibt auf der Welt nichts Schöneres als den Seder in einenr freundlich hellen Zimmer bei einer vollen Suppenschüssel mit Mazzesknödeln. Und erst der Sabbat! Wahr ift's zwar, daß