Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-10-02 · Heft 40 (2.10.1914) · p. Seite 476

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 40 (2.10.1914)
Date
1914-10-02
Page
Seite 476 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229123-3229164--70763-3283127
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

476 rühren, sondern untersuche oder lasse, da das der einzelne nicht vermag, von Vereinen untersuchen, ob die Bitte gerechtfertigt, die Gabe also angebracht ist. Zum zweiten: Herzen ans! Gerade der, der zu viel untersucht, zu peinlich prüft, kann leicht verhärtet werden. Es ist immer viel Elend in der Welt, der furchtbare Krieg schafft ungeheure Not. Keiner sage: ich muß an meine eigene Zukunft denken, wer weiß, wie es mit mir selbst in einigen Monaten stehen wird. Laßt euer Herz lauter sprechen als eure Vernunft. Zum dritten und letzten: Beutel auf! Keiner komme mit der Ausrede: Staat und Gemeinden sind ja dazu da, um Arbeitslose zu beschäftigen; die Reichen mögen von ihrem Ucbersluß hergeben. Jeder vielmehr sage sich, daß die braven Krieger da draußen für ihn mitkämpfen, für seine Sicherheit und seine Ruhe, für seine Zukunft. Sie, diese Helden, von denen zahllose nicht wiederkehren und viele Tausende nur mit Verlust ihrer Glieder und dauernder Schädigung ihrer Gesundheit, ferner die Angehörigen dieser wackeren Kämpfer, endlich die Scharen der Kaufleute, Arbeiter, Angestellten, die durch Entlassung, durch Schließung von Geschäften und Fabriken brotlos geworden sind, sie alle, die ohne ihre Schuld, vielmehr durch den Zwang der Verhältnisse der öffentlichen Mildtätigkeit zur Last fallen — so viele, die früher selbst gern und reichlich ihr Scherflcin den Armen boten - , sie brauchen Arbeit, Wohlwollen und Geld. Wenn jeder dies bedenkt, mit offenen Augen, offenem Herzen und offenem Beutel spendet, dann wird, soweit es bei dieser ungeheuren Umwälzung möglich ist, die Not bekämpft und wenigstens einigermaßen besiegt, dann übt ein jederdas rechte W o h l t un! Dkr neue Christ. Roman von Peter Iljväri. Uebersetzt von Rosa Trencseni. I. m Herrenhaus von Letöce, welches einst Eigentum der \ Barone von Latorczay war, wohnten Juden aus Polen, namens Littauer. Der Vater war ein zynischer Mensch, den keinerlei Stimmungen und ideelle Anwandlungen plagten. Er wollte ein menschenwürdiges Dasein führen, nach einem besonderen Rassenleben trug er kein Verlangen. „Das ist nicht mein Fach", sagte er sich beschwichtigend, >venn das Leben höheren Grades manchmal seine Seele in Schwingung brachte. „Mein Fach ist das Geld, und beim Gelde forscht man nicht nach dem Ursprung." Seine Frau war anderer Ansicht, obgleich auch ihre Wiege an den Usern der Weichsel gestanden hatte und von einer polnischen Jüdin geschaukelt worden war. Ihr Ehrgeiz wuchs aus kleinen Anfängen riesengroß. Fünfundzwanzig Jahre früher war es ihre höchste Sehnsucht gewesen, eine Ripsgarnittir zu besitzen wie Frau Dawid Gutlohn; jetzt wetteiferte sie mit Frau Sonngott und mit Frau Suhajda. Sie wollte so viel, ja genau so viel gelten wie Frau Sonngott und Frau Suhajda. Sie hätte gern zehn Jahre ihres Lebens hingegeben, um Ballmutter zu werden, oder Fahnenmutter bei der Feuerwehr oder beim katholischen Gesellenverein. Sic hatte auch noch sonstige Wünsche. Mit dem Durste der Wüstenwanderer schmachtete sie danach, die. Großmutter der Sonngvttschen Enkel zu werden. Du lieber Gott, wenn sie daran dachte, daß sic einmal einen blondhaarigen Sonngott- Sprößling in ihren Armen wiegen könnte, wurde ihr vor Wonne das Herz so weit, daß es beinahe zersprang. Es könnte ja geschehen. Sie hatte schön vor Frau Sonngott hier und da Anspielungen darauf gemacht, und Frau Sonngott hatte nicht nein gesagt. Gaston Littauers Laufbahn ließ sich vielversprechend an. Er könnte es bis zum Universitätsprofesfor; bringen, wenn er kein Jude wäre.! „So verhält es sich wirklich, teure Frau Littauer", sprach | belehrend Frau Sonngott, „warum sagen sie es dem Jungen! nicht?" > »Ich sage es ihm ja; ach, wie oft ich es ihm sage." i „Nun denn, warum tauft er sich denn nicht?" j „Wissen Sie, Gaston spricht jo sonderbar, man kann ihn j nicht recht verstehen. Vergangene Woche sagte ec zu mir, das; j die Metaphysik kein Taufwasser nötig habe." z „Schlimm genug für ihn, wenn er so spricht." j Nach einem solchen Gespräch wurde Frau Svnngott so ge- | messen und zurückhaltend, daß sich Frau Littauers Herz krampsj hast zusammenzog. Und sie nahm sich fest vor, solange nicht zu ruhen, bis Gaston selbst einsehen werde, daß das Taufwasser auch für die Metaphysik sehr nützlich sei. Frau Littauer war keine Person von scharfem Verstände, und ihr Herz hatte sich auch noch nicht ganz vom Judentum losgerissen; sie lebte sogar auch jetzt noch beinahe so wie in Polen, daher konnte sie ihre Sehnsucht nach dem Christentum nicht begründen. Doch bei jeder guten oder schlechten Gelegen-; heit redete sie ihrem Manne, ihrem Sohne zu Herzen. ’ Auch jetzt lenkte sie das Gespräch auf diesen Gegenstand, so schwer dies auch ging, denn Littauer hatte sich nach dem j. Mittagessen mit der breiten Behaglichkeit des Millionärs in! seinem Armstuhl zurückgelehnt, wie einer, der nur verdauen! will. Frau Littauer gefiel die Sache nicht. Sie warf ihrein! Manne einen giftigen Blick zu und ließ sich neben ihm nieder: „Aber Manuel, so schlafe doch nicht. Erzähle lieber, was : du beim Domherrn ausgerichtet hast."! Littauer gähnte.! „Gar nichts. Ein Jude darf die Basilika nicht bauen, hat l er gesagt."! „Da Haft du es. Schon gut! Geschieht dir recht", ergoß sich i Frau Littauers Wortschwall. Selbst ihre Brillantohrringe! blitzten so, als ob ihre zornige Seele ihnen Feuer verliehen i hätte. „Habe ich dir nicht immer gesagt, daß wir zu ihnen! übergehen sollen? Aber du willst es nicht. Du denkst nur an deinen polnischen Großvater. Also bist du nur der alte Niemand, der Littauer, welcher nicht einmal eine lumpige Basilika bekommen kann. Und ich bin die Littauerin, und Gaston ist der Gaston Littauer." Der Millionär lächelte. j „Ich kann noch Litvay heißen und auch Baron werden." „Aber ein jüdischer Baron. Selbst dein Hund ist ein jndi-; scher Hund." j „Warum soll der Hund kein jüdischer Hund sein, wenn sein Herr ein hündischer Jude ist? Vielleicht sollte gar mein Hund auch übertreten? Mein Hund will sich, Gott sei Dank, nicht an der Universität habilitieren, und er will auch keine Basilika bauen." „Aber du willst es und würdest gern die vielen Hunderttausende in die Tasche stecken; aber nichts wirst du kriegen." Littauer lächelte. „Die Basilika bekomme ich doch; ich bekomme sie justament. Mich wird weder der Bischof, noch der Domherr, ja nicht einmal das ganze Domkapitel übertölpeln: Ich kann doch nicht zugeben, daß ein anderer Wucherer jene prächtige Basilika bauen soll. Weißt du, Ester, wieviel der Bischof daraus verwenden will? Fünf Millionen, meine Seele! Und weißt du, wieviel Altäre sie enthalten soll? Sechs Altäre, Esterleben!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.