Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1914)
- Date
- 1914-10-02
- Page
- Seite 475 (sequence 7)
- Language
- German
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475 da sind: Erquickung der durchziehenden, Labung der im Felde stehenden Truppen, Pflege der Verwundeten, Speisung und Kleidung der Frauen und Kinder bedürftiger Krieger, Arbeitsnachweis und Beschäftigung oder materielle Zuschüsse für die infolge des Krieges in ihren Erwerbsverhältnissen Geschädigten oder Zugrundegerichteten eintreten könnten. Solche neuen Vereine, die mit den alten nicht organisch zusammenarbeiten, sind schon deshalb von Uebel, weil sie höchstwahrscheinlich denen Hilfe znwenden, die solche schon anderweitig erhalten, denn leider gibt es Zudringliche und Heuchler genug, denen es gelingt, die allgemeine Gebelaune zu mißbrauchen. Noch weniger sollte man aber privatim unterstützen. Gerechtfertigt ist es natürlich, daß man Speisemarken gelegentlich verteilt, daß man im eigenen Hause Kinder speist, aber auch hier dürfte man nicht selbst auswählen, sondern nur diejenigen berücksichtigen, die von den großen Vereinen den einzelnen zugewiesen werden. Denn ist die Privatwohltätigkeit schon in ruhigen Zeiten wenig angebracht, außer nach genauer Erkundigung oder gründlicher Kenntnis der Verhältnisse der Bittenden, so wird sie in unseren Tagen geradezu unheilvoll. Man müßte bedenken, daß auf das Mitleid Wohlwollender gerade die Unwürdigen, Arbeitsscheuen, die Gewohnheitsbettler spekulieren, die sich scheuen, Zentralstätten aufzusuchen, wo ihnen Kontrolle droht, aber doch sicher sind, durch Wehleidigkeit und Klagen das Herz der Menschenfreunde zu rühren, deren Namen und Gebefreudigkeit in diesem „Ringe" der Bittenden genau bekannt sind. Darum gebet womöglich nichts an Private! Und noch auf eine andere Weise wird an Herzen und Beutel appelliert, die ebensowenig gebilligt werden kann. Das sind die „Sammelbüchsen". In den ersten Tagen des Krieges, als die Bedürfnisse noch viel weniger übersichtlich waren als jetzt und als der Drang, möglichst viel Mittel flüssig zu machen, begreiflich war, mochte es wohl erklärlich sein, daß Volksküchen und andere große Organisationen, die auch in Friedenszeiten ununterbrochen tätig sind und auch in diesen Epochen für ihre Zwecke sammelten, durch ihre Boten und freiwilligen Helfer Geld einzuholen trachteten. Dieses Streben wurde aber alsdann erweitert und wuchs sich zu einer ordentlichen Epidemie aus. Nicht bloß in den Häusern erschienen gutgekleidete Mädchen, die neben ihren Sammelbüchsen Lieder und Flugschriften feilhielten, sondern auf allen Bahnhöfen, in dm Wagen der Stadt-, der elektrischen und der Untergrundbahn waren sie zu finden, auf den Straßen, in den Cafes tauchten sie zu jeder Tages- und Nachtzeit auf. Die Zurückhaltenden zeigten bloß ans ihre Büchse, die Ungeduldigen klapperten mahnend und anfeuernd mit deren Inhalt, die Liebenswürdigen flöteten ein paar bittende Worte, die Zudringlichen forderten energisch. Solche fast zur Bettelei ausgeartete Sammelwut wurde eine ernstliche Belästigung des wohlgesinnten Publikums. Aber sie wirkte schädlich auf die Gemütsverfassung der Sammelnden, die in ihrem Wohltätigkeitsdienst einen erheiternden Sport zu sehen anfingen, und sie hatte sehr üble Erscheinungen im Gefolge; denn zu den Berechtigten gesellten sich viele Unberechtigte. Das Publikum hatte die Empfindung, daß gar manche der Sammelnden, namentlich viele halbwüchsige Burschen, auf eigene Faust operierten, und gar manche Vereine machten, trotz aller Vorsichtsmaßregeln, die traurige Erfahrung, daß sich unlautere Elemente unter die Helferinnen eingeschlichen hatten, und daß, wie man das ja leider auch sonst bei Basaren und Festen bemerkt, unter der Maske der Wohltätigkeit Betrug geübt wurde. Glücklicherweise ist nun diesem Unwesen behördlicherseits gesteuert und das lästige, überdies nicht sehr ertragreiche Sammelwesen ist auf ein erträgliches Maß zurückgeführt worden. Und auch in den übrigen Gaben wurde nicht immer die verständige Auswahl berücksichtigt. In einer Berliner Zeitung finde ich folgende Notiz: „Die Fürsorge für unsere Verwundeten, die ihr Leben mit kühner Todesverachtung zum Schutz des Vaterlandes in die Schanze geschlagen haben, ist rührend. Neben den Aerzteu, den Krankenschwestern und zahlreichen anderen freiwilligen Helfern wetteifern Hunderte und Tausende von unseren Mitbürgerinnen und Mitbürgern, den Verwundeten ihr Krankenlager nach Möglichkeit angenehmer zu gestalten. Fast stündlich nahen freundliche Spender mit Blumen, Zigarren, Zigaretten, Kuchen, sogar Konfekt. Auch Lesestoff geht schon verhältnismäßig reichlich ein. An gewissen Liebesgaben herrscht in manchen Lazaretten ein förmlicher Uebersluß. Dagegen zeigt sich — namentlich in den Reservelazarelten, auch in denen, die im reichen, vornehmen Westen liegen — ein bedenklicher Mangel an bestimmten, sehr notwendigen Gegenständen. So klagte erst vor kurzem der Diensttuende des Reservelazaretts im Motivhaus, man hätte keine Seife inehr, Butter, Eier, Wurst usw. wären auch sehr knapp. Kaum hatte er seine Klage einer teilnehmenden Besucherin gegenüber ausgesprochen, da sandte sie 60 Stück Seife, sorgte dafür, daß Butter und Wurst eintrasen. Aber wie bald verschwanden diese Vorräte, die ein teilnehmendes Herz gern spendete. Hoffentlich findet dieses Beispiel reiche und rechte Nachahmung. Es muß dafür gesorgt werden, daß beim Einsenden und Verteilen der Liebesgaben eine zweckmäßige Planmäßigkeit herrscht." Eine ähnliche Unbesonnenheit — denn das bleibt sie bei aller hochgepriesenen Gebefreudigkeit — herrschte und herrscht teilweise noch bei den Gaben, die man für die geflüchteten Ostpreußen einschickte. Das waren zumeist Arme, die auch zu Hause nichts besaßen, andererseits Bemittelte, die in der furchtsamen Hast eines unüberlegten Aufbruchs entweder gar nichts oder statt des Notwendigen gerade das Unnützeste mitgenommen hatten. Das für alle diese Erforderliche waren: Stiefel, Schuhe, Strümpfe, Unter- und Leibwäsche, Männeranzügc, Damenblusen und -kleider. Vieles wirklich Brauchbare kam ein, und doch gab es manche falsche Wohltäter, die zerrissene Sachen und — Ballkleider schickten. Da man Dürftigen gegenüber keinen der Frivolität zeihen darf, so muß man derartige Spender nur der Sinnlosigkeit bezichtigen. Denn Mer müßte sich sagen, daß es für diese ihrer Heimat und ihres Hausrats Beraubten keines Flitters bedurfte, und daß für einen mehrwöchigen, vielleicht sogar mehrmonatigen Gebrauch nicht gerade elegante, aber jedenfalls haltbare, dauerhafte Bekleidungsstücke notwendig waren. Man erkennt aus den obigen Ausführungen, nie dem edlen Herzen der Gebenden volle Anerkennung widerfahren lassen wollen, aber Auswüchse aufzudecken, Mißbräuche und Unüberlegtheit zu tadeln sich nicht scheuen durften, daß ras rechte Wohltun leider nicht iurmer geübt wurde. Darum sei jedem, der in dieser ernsten Zeit in wahrhaft guter, fördernder Weise wirken will, folgendes gesagt: A u g e n a u f! Wer helfen will, schaue zu! Er greife nicht blindlings nach jeder Tätigkeit und wähle nicht bloß die, mit der er Beachtung finden oder Aufsehen erregen kan», er fordere nicht die bequeme, irgendeinen Reiz befriedigende, sondern scheue sich nicht vor der entsagenden, mühevollen, im Verborgenen geübten. Er prüfe aber genau seine Kräfte, ob er den Nachtwachen, stundenlangem Sitzen und Schreiben, den Handreichungen bei Verwundeten und Kranken gewachsen ist. Er gebe nicht wahllos, sehe zu, wo wirkliche Not ist, und blicke nicht bloß auf hochklingende Namen der Unterzeichner, an deren Seite er seinen Namen gereiht wissen möchte. Er lasse sich nicht von Klagetönen, selbst von Tränen Unbekannter