Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1914)
- Date
- 1914-10-02
- Page
- Seite 474 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229123-3229164--70761-3283125- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
474 Nabbinerfarnilie Schor, deren bekannteste Glieder im Anfänge des 17. Jahrhunderts lebten und schrieben. Auch R. Joel ben Samuel Sirkes (1561 bis 1640), R. Isaak b. Mose Gerson (starb 1695), Rabbiner in Lifsa, und R. Samuel b. Mose (um 1750) Schochet in Lissa, gehören dem Stammbaum der Familie an. Der Großvater S. I. Leszynskys starb an der Cholera im Jahre 1831, als er als Dajjan nach Hamburg berufen war. Er hinterließ eine Reihe unmündiger Kinder, von denen der Vater des Jubilars Josua in jungen Jahren als Lehrer nach Ostfriesland, später nach Hameln an der Wes-er kam, wo er die religiösen Angelegenheiten der Gemeinde bis zu seiner Pensionierung (1.872) leitete. Die Lage eines jüdischen Lehrers war damals wenig beneidensivert und kein Ansporn für die Söhne, den gleichen Beruf zu erwählen. S. I. Leszyusky wurde daher Kaufmann, ging als junger Mann nach Amerika und lebte fünf Jahre in Neiv-chork. Dieser Zeit verdankt er außerordentlich viel, er gewann dort die Großzügigkeit und den weiten Blick, die für seine späteren geschäftlichen Erfolge von der größten Bedeutung waren. Bald nach seiner Rückkehr nach Hameln trat er in die Dienste der Victoria- Versicherungsgesellschaft, deren ungeheuren Aufschwung er nütbegründen half lind bei der er noch jetzt (seit 36 Jahren) als Subdirektor tätig ist. Rach seiner Ueberstedlung nach Berlin im Jahre >882 schuf er eine Organisation, deren Zweige sich über ganz Deutschland erstreckten und ihn weit über die Grenzen seiner Heimatstadt und seines Wohnsitzes hinalis bekannt machten. Trotz seiner angestrengten Tätigkeit hat der Jubilar stets einen großen Teil seiner Arbeitskraft und feines Fuhlens dem Judentum gewidmet. Mit rührender Pietät hält er an der Ileberlieferung fest. Er hat trotz der Schwierigkeiten, die ihm daraus erivuchsen, nie am Sonnabend in seinem Bureau gearbeitet. Er macht heute noch regelmäßig an Feiertagen und oft an Sonnabenden den eineinhälbstündigcn Weg von seiner Wohnung in die Synagoge. In seiner eigenen Villa im Grunewald hat er sich eine kleine „Hauskapelle" eingerichtet, und eine seiner liebsten Erinnerungen ist eine Wallfahrt nach dem Heiligen Lande, die er, noch bevor das Reisen nach Palästina so üblich wurde, unternahm. — Im Andenken an seinen Vater hat er sich besonders auf dem Gebiete der Wohlfahrtspflege der jüdischen Lehrerschaft angenommen. Er hat die Friedrich-Wilhelm-Viktoria-Stistung des D. I. G. B. zugunsten der jüdischen Lehrer begründet (1883) und gehört dem Kuratorium des Lehrerverbandes an. Er ist außerdem im Dienste der Wohltätigkeit tätig als Kurator des Kurhvspitals in Kolberg, als Kurator der Philipp-Baer-Goldschmidt-Stiftung. Er war auch langeJahreKuratvr des Rabbinerseminars zu Berlin und ist Präsident des Beth hamidrasch. Der Jubilar ist seit dem Jahre 1873 verheiratet mit Frau Rosalie, geb. Stern, aus Geseke in Westfalen. Der Ehe sind vier Kinder entsprossen: zwei Söhne, von denen der älteste als Rechtsanwalt in Berlin (ebenfalls an jüdischen Dingen sehr G. I. Leszynsky. interessiert) wirkt, der zweite, unser geschätzter Mitarbeiter Dr. Rudolf L e s z h n s k Y, als Privatgelehrter eine erfolgreiche literarische Tätigkeit entwickelt, und zwei Töchter, die an Aerzte: Dr. Benjamin Simonsohn in Berlin und Sanitätsrat Dr. Max Freudenthal-Breslau verheiratet sind. — Die Feier des 70. Geburtstages verlies trotz der schweren gegenwärtigen Zeit harmonisch. Eine in die Hunderte gehende Zahl von Gratulanten sprachen persönlich ihre Glückwünsche aus, weit mehr sandten telegraphisch und brieflich ihre Gratulationen. Dr. James Simon überreichte im Namen des Kuratoriums des Kurhospitals Kolberg eine Adresse, desgleichen der Ausschuß des D. I. G. B., an seiner Spitze Herr Professor Kali sch er, der den Jubilar in Anerkennung seiner Verdienste unr das Judentum wie insbesondere um den D. I. G. B. zum Ehrenmitglied des Ausschusses des D. I. G. B. ernannte, ferner der Vorstand des Beth hamidrasch zu Berlin und das Krankenhaus der Israelitischen Religionsgemeinschaft Adaß Jisroel. Mögen dem Jubilar noch viele glückliche Jahre beschieden sein. *** Saa rechte SAohltun. Von Ludwig Geiger. II. V UN möchte aber mancher Psagen: Wohltun ist etwas ganz anderes als die Tätigkeit für die Oesfentlichkeit, für das allgemeine Beste; W o h l t u n i st Spenden. Und so sei auch von dieser Art des Wohltrlns die Rede. Gewiß, wir spenden alle. Vielleicht geben manche in der ersten Aufwallung ihrer Barmherzigkeit mehr, als sie können oder sollten. Es sei fern von mir, diese der Großmannssucht zu zeihen, und andere anzuklagen, daß sie nur da geben, wo Name und Betrag durch Zeitungsmeldungen der öffentlichen Kenntnis unterbreitet wird. Aber Maßhalten sei empfohlen, und stilles Wirken ist edler als das Verkünden mit Trommelschlägen. Ja, ihr gebt, aber mitunter wahllos. Freilich sind die Sammlungen der Zeitungen, der Städte, der großen Organisationen planvoll eingerichtet; wer seinen Beitrag dorthin entrichtet, der weiß bestimmt, daß er an den rechten Ort abgeführt wird. Leider aber sind diese Sammelstätten nicht die einzigen. Tritt ein besonderer Notfall ein, wie bei den flüchtenden Ostpreußen, so ist zweifelsohne das Sammeln wie das Geben gerechtfertigt. In einem solchen Falle, da ein Teil einer ernstlich bedrohten Provinz — wir werden erst später im einzelnen hören, wie schwer die Gefahr war — ihre heimischen Stätten verließ, mit Aufgabe ihres Besitztums, oft ohne Hoffnung, dies wiederzufinden, oder mit der traurigen Aussicht, es halb oder ganz zerstört zu sehen, braucht nicht einmal untersucht zu werden, ob die Flüchtigen von Angst getrieben oder auf Anregung der Militärbehörde den Wanderstab ergriffen. Hier tut Geben not und rasches Geben. Derartige Sondersälle abgerechnet, sollte aber nur planmäßig vorgegangen werden. Darum ist es unzweckmäßig, ja unrecht, wenn sich neue Vereine bilden, die ja schließlich doch nur zur Befriedigung der allgemeinen Bedürfnisse, als